Stillen in der Öffentlichkeit
Stillen verboten

Nackte Brüste sind in der Werbung etwas ganz Alltägliches. Warum aber rufen stillende Mütter in der Öffentlichkeit immer noch Empörung hervor? Das fragt sich Lisa Fehrenbach, Beauftragte für Stillen und Ernährung des Deutschen Hebammenverbandes.

Immer wieder hört man solche Geschichten: Eine stillende Mutter wird von einem Eisdielenbesitzer aufgefordert, das Caf zu verlassen. Begründung: Andere Gäste fühlten sich belästigt. Eine Aufsicht im Museum rechtfertigt den Rausschmiss einer stillenden Mutter mit dem Satz: "Im Museum ist Essen verboten!" Und bei einer Abstimmung im Bundestag musste jüngst eine stillende Abgeordnete der SPD ihren Platz räumen, weil die CDU sich gestört fühlte. Ich frage mich: Was läuft falsch in einer Gesellschaft, in der das Stillen eines hungrigen Säuglings der Erregung öffentlichen Ärgernisses gleichkommt?

Nackte Brüste sieht man überall

Umso erstaunlicher finde ich diese Empörung, weil die nackte weibliche Brust überall sonst im öffentlichen Raum zur Schau gestellt werden kann, ohne dass sich jemand darüber aufregt: Plakatwerbung an der Bushaltestelle, Seite-1-Mädchen in der Tageszeitung, Oben-ohne-Kultur am Badestrand - an diese Bilder haben wir uns längst gewöhnt. An Frauen, die ihre Babys auf der Parkbank stillen, nicht. Ganz im Gegenteil: Junge Mütter vermeiden es zunehmend, außerhalb ihrer eigenen vier Wände ihr Baby an die Brust zu legen. Und wenn sie es doch tun, tragen sie diskrete Still-Shirts oder legen sich ein Tuch über die Brust - um bloß keine bösen Blicke auf sich zu ziehen.

Früher war stillen eine Selbstverständlichkeit

In den bewegten Zeiten der 68er-Generation war es eine Selbstverständlichkeit, sein Baby in der Vorlesung oder auf einer Party an die Brust zu legen. Heute stillen junge Mütter vor lauter Unbehagen so früh wie möglich ab oder greifen zur Milchpumpe. Eine aktuelle Umfrage auf Eltern.de bestätigt das: Nur etwa die Hälfte der abstimmenden Frauen gibt an, ihr Baby völlig selbstverständlich in der Öffentlichkeit anzulegen. Die andere Hälfte tut dies nur, "wenn es unbedingt sein muss" oder eben "überhaupt nicht". Ich behaupte: Wir könnten sehr viel mehr Frauen davon überzeugen, ihr Baby - wie von der WHO empfohlen - ein halbes Jahr voll und auch danach noch zu stillen, wenn das Stillen in der Öffentlichkeit selbstverständlicher wäre.

Ein Gesetz zum Schutz des Stillens in der Öffentlichkeit

In anderen Ländern, zum Beispiel in den USA und in Großbritannien, gibt es ein Gesetz zum Schutz des Stillens in der Öffentlichkeit. So ein Gesetz wäre auch für Deutschland wünschenswert. Weil es den Menschen, denen das Stillen in der Öffentlichkeit ein Dorn im Auge ist, jede Argumentationsgrundlage für Ihre Zurechtweisungen entziehen würde. Mir ist klar, dass die Forderung nach so einem Gesetz politisch augenblicklich nicht durchsetzbar ist. Dennoch betone ich: Es ist Aufgabe der Regierung, das Stillen - auch das Stillen in der Öffentlichkeit - konsequent zu fördern. Zu einer familien- und kinderfreundlichen Gesellschaft gehört mehr als eine Krippenplatzgarantie. Wer sich durch Zurechtweisungen von Museumsaufsichten, Eisdielenbesitzern und anderen stillfeindlichen Menschen beschämt und gekränkt fühlt, verliert schnell die Lust am Familiesein. Dagegen müssen wir etwas tun!

Was halten Sie von Stillen in der Öffenlichkeit

Haben Sie sich schon einmal von einer stillenden Mutter gestört gefühlt oder sind sie selbst eine stillende Mutter, die gebeten wurde das Cafe zu verlassen. Brauchen wir ein Gesetz zum Schutz des Stillens in der Öffentlichkeit?

Schreiben Sie Ihre Meinung unten ins Kommentarfeld.

Von:Michaela Müller