Namensgebung
 
Wie heißt denn du?

Wenn ein Kind Estelle, Tarzan oder Zwonimir genannt wird, hinterlässt das wahrscheinlich Spuren. ELTERN-Autorin Antje Helms hat nachgeforscht, was Namen aus Menschen machen.

Nicht alles, was gefällt, ist auch erlaubt

Namensgebung: Wie heißt denn du?

Stellen Sie sich vor, ein abschreckender Vorname könnte Kinder vor bösen Geistern schützen: Wer würde sich da nicht für "Müffelkopf" oder etwa "Stinkender Fisch" entscheiden! So wie es die Asiaten seit alters her tun. In Malaysia allerdings ist seit kurzem Schluss mit der Namensfolter. Oben genannte Peinlichkeiten sind nicht mehr zulässig. Ebenso wenig wie Zaniah (Ehebrecherin), Ah Gong (Gestörter Geist) oder Chai Too (Schwein).

Aus ähnlichem Grund stehen bei uns "Judas", "Gift" aber auch "Baby" auf der schwarzen Liste. Das Wohl des Kindes geht vor - darüber wachen hierzulande Standesbeamte und notfalls auch Gerichte.

Auch Kevin hat's in sich

Doch wer hätte gedacht, dass selbst scheinbar harmlose Vornamen wie Kevin und Dennis es in sich haben können: Jungen, die so heißen, haben ein erhöhtes Risiko, an einer hyperaktiven Störung zu leiden. Sagen jedenfalls Dr. Thomas Stegemann und Professor Claus Barkmann vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Dabei wirkt, so vermuten die Ärzte, das Image dieser Namen: Wer seinen Sohn nach der sympathischen, aber chaotischen Hauptfigur aus "Kevin allein zu Haus" nennt, fördert bewusst oder unbewusst hyperaktives Verhalten. Dabei spielten auch Voreingenommenheit der Ärzte, Lehrer und anderer Eltern eine Rolle. Sie erwarten von einem Kevin oder Dennis offenbar häufiger ein anstrengendes Verhalten.

Welche Probleme müssen da erst Zorro oder Tarzan bekommen? "Solche Namen bieten dem Kind keine leere Schale, die es mit seiner individuellen Persönlichkeit füllen kann, sondern schreiben bestimmte Verhaltensweisen vor. Sie üben Druck aus", sagt Dr. Armin Krenz vom Institut für Angewandte Psychologie und Pädagogik in Kiel. Wenn das Kind dann ganz anders ist, kann es passieren, dass es seinen Namen ablehnt – oder schlimmer noch: sein eigenes Selbst, das nicht in Einklang mit seinem Namen steht.

Zwölf sind zuviel!

Dann schon lieber Chenekwahow Tecumseh Migiskau Kioma Ernesto Inti Prithibi Pathar Chajara Majim Henriko Alessandro? Nein, zwölf Vornamen sind zu viel des Guten, entschied das Oberlandesgericht Düsseldorf vor drei Jahren und gewährte einer Mutter beziehungsweise deren Sohn nur fünf davon. Und ersparte ihm damit vermutlich Nachhilfestunden, um Reihenfolge und Schreibweise der Namen zu lernen. "Vielleicht wird daraus später einfach nur Cheny. Damit wäre das Problem erledigt", mutmaßt Armin Krenz. "Wenn er mit vollem Namen unterschreiben muss, braucht er zwar gute Nerven und Geduld - eine Identitätskrise wird er dadurch jedoch nicht erleiden."

Es sind die Erwachsenen, beobachtet Krenz, die sich über eine Chantal Müller oder Celina-Chayenne Schmidt lustig machen. "Kinder nehmen ihre Namen und die ihrer Freunde als meist gegeben hin und denken sich Abkürzungen aus, wenn es zu kompliziert wird", sagt Armin Krenz. Der Kinderexperte hat es in seiner 30-jährigen Tätigkeit in Kindergärten und Schulen noch nie erlebt, dass Kinder wegen ihres Vornamens gehänselt werden.

Der Wunsch nach Individualität

Früher war das anders, doch seit den achtziger Jahren werden die Exoten immer normaler, auch wenn Klassiker wie Marie oder Alexander nach wie vor die Spitzenpositionen einnehmen. In jeder Kindergartengruppe und Schulklasse tummeln sich mittlerweile ein paar seltene oder ausländisch klingende Vornamen. Der Wunsch nach Individualität sowie der Einfluss der unterschiedlichen Kulturen wachsen stetig.

Heute sind so viele Vornamen im Umlauf wie nie zuvor: Etwa 100.000, schätzt Dr. Gerhard Müller von der Gesellschaft für Deutsche Sprache in Wiesbaden. Die Hälfte davon steht im Internationalen Handbuch der Vornamen, die anderen sucht der Germanist in Nachschlagewerken rund um den Globus oder in seiner Datenbank, wenn Eltern ihn um eine Namensbestätigung für das Standesamt bitten. Pumuckl, Raketa, Nemo, Galadriel oder Apollo – alles da.

Viefalt ist gut

Bei Mandy und Nancy denken Westdeutsche an den Osten

Müller ist für größtmögliche Vielfalt und weiß aus Erfahrung: "In den meisten Fällen ist die Entscheidung für einen ausgefallenen Namen gut durchdacht und hat nachvollziehbare Motive." Nicht zuletzt möchten Eltern ihrem Kind damit positive Aufmerksamkeit sichern, ein Herausstechen aus der Masse. Die Kinder allerdings sehen das meist ganz anders: Sie wollen eigentlich nur völlig normal sein und dazugehören. Manch einer weiß seinen Namen Tassilo oder Rahel erst als Erwachsener zu schätzen.

Dass der Name im Erwachsenenleben mehr ist als Schall und Rauch, hat der Berliner Soziologieprofessor Jürgen Gerhards herausgefunden: "Wenn wir einen Vornamen hören, assoziieren wir mit ihm nicht nur das Geschlecht, sondern auch ein bestimmtes Alter, eine Region oder die Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht." Bei Mandy und Nancy denken Westdeutsche an den Osten, bei Leon und Maximilian Ostdeutsche an den Westen. Und weil manche mit Jacqueline oder Chantal eher wenig gebildete Menschen assoziieren, kann es sein, dass Mädchen, die mit diesen Namen auf Jobsuche gehen, Pech haben und bei Arbeitgebern auf Vorurteile stoßen.

Mit "Emma", "Karl" und "Friedrich" outet man sich dagegen als höher gebildet. Doch was, wenn den anderen Cindy und Sally langweilig wird und sie Gefallen an den Klassikern finden? Dann müssen sich Mittel- und Oberschicht wohl etwas Neues ausdenken - und vielleicht mit Namen aus dem Obstregal einen neuen Trend einleiten: Apple und Peaches sind bereits genehmigt worden!