Bindung
Wie entsteht Mutterliebe?

Ein Gefühl wie auf Knopfdruck oder ein Prozess, der langsam reifen und wachsen muss? Im Interview erklärt eine Expertin, die sich seit langem mit Bindungsforschung auseinandersetzt, wie Mutter-Kind-Bindung entsteht.

Mutterliebe - eine unbeschreibliche Wärme

In unserem Interview gibt die Psychotherapeutin Gisela Preuschoff Antworten auf Fragen zum Thema Mutter-Kind-Bindung. Sie hat zahlreiche Bücher zu diesem Thema geschrieben.

Was ist Mutterliebe? Ein euphorisches Gefühl, das sich direkt nach der Geburt wie auf Knopfdruck einstellt? Oder eher langsam wachsende Zuneigung?
Die Natur scheint eher das rauschartige Gefühl, das manche Frauen ähnlich wie Verliebtsein beschreiben, vorgesehen zu haben. "Mich hat eine unbeschreibliche Wärme durchflutet", sagen Mütter oft. Dazu kommt der Gedanke: Das Kind kann sein, wie es will, aussehen, wie es will – ich liebe es, wie es ist.
Dass Mütter Zeit brauchen, bis sie ihr Kind derart bedingungslos annehmen können, kommt aber auch vor. Zum Beispiel bei Frühgeburten. Untersuchungen zeigen, dass Mütter hier manchmal sogar eher eine Abneigung gegen das Baby haben. Weil es so greisenhaft aussieht, gar nicht den Vorstellungen vom rosigen Wonneproppen entspricht.
Interessanterweise ändert sich der Blick der Mutter aufs Kind schlagartig, wenn der erste innige Körperkontakt da ist. Zum Glück wird in den meisten Krankenhäusern heute Wert darauf gelegt, dass Mütter Frühchen so bald wie möglich auf die nackte Haut bekommen. Viele Frauen berichten von rauschartigen Gefühlen in solchen Momenten.

Was löst diesen Rausch aus - Hormone?
Nach der Geburt wird Oxytozin ausgeschüttet, ein Hormon, das auch beim Orgasmus für Glücksgefühle sorgt. Vielleicht hat die Natur das als eine Art Entschädigung für die Strapazen der Geburt eingerichtet. Oxytozin wird auch beim Stillen gebildet. Es hilft, die Brust optimal zu durchbluten, löst Wärme aus. Aber es sind nicht die Hormone allein, die glücklich machen. Liebe hat auch eine kognitive Seite: Wenn uns zum Beispiel durch den Kopf geht, dass dieses Kind ohne uns sterben wird. Dass es ganz auf uns angewiesen ist.

Liebe muss wachsen

Es gibt aber auch Frauen, die nach einer traumatischen Geburt erst mal völlig unfähig sind, sich ihres Kindes anzunehmen. Leidet die Bindung zum Kind darunter?
Natürlich können Angst, Verzweiflung oder Schuldgefühle die erste Bindung empfindlich stören. Während Tierkinder solche Störungen in der Regel nicht überleben, hat der Mensch vielfältige Möglichkeiten. Er überlebt nicht nur, sondern findet auch Heilung. Jedes Trauma, jeder Schmerz ist im Verlauf des weiteren Lebens überwindbar.

Einige Tage nach der Geburt fallen viele junge Mütter durch die Hormonumstellung in ein Gefühlsloch. Ist das eine Fehlprogrammierung der Natur?
Es stimmt, dass viele Frauen nach der Geburt eine labile Phase erleben. Ich sehe das aber nicht nur negativ. Mütter eines Neugeborenen müssen sehr wachsam sein, müssen permanent ein Auge auf ihr Baby haben, um seine Bedürfnisse optimal zu befriedigen. Möglicherweise hat die Natur den Frauen aus diesem Grund eine starke Sensibilität mitgegeben, die sich genauso in einer starken Verletzlichkeit äußern kann. Diese Verletzlichkeit ist leider gesellschaftlich derzeit nicht gefragt. Deshalb geraten viele Frauen in einen Zwiespalt: Sie sollen sich einerseits um sich selbst kümmern und funktionieren, andererseits aber auch eine gute, fürsorgliche Mutter sein. Kein Wunder, dass viele junge Mütter erst mal in ein Loch fallen.

Entwickeln Frauen, die als Kinder wenig Liebe bekommen haben, ebenfalls Mutterliebe - oder tun sie sich schwer damit? Eine Frau, die eine große Liebe vom Partner erfährt, kann aus dieser Liebe so viel Kraft schöpfen, dass sie die mütterliche Zuwendung, die sie selbst nie erfahren hat, an ihr Kind weitergibt.