KOMPAKT-THEMA:

Plötzlicher Kindstod
So schläft Dein Baby sicher

Die Vorstellung, ihr Baby könne am Plötzlichen Kindstod sterben, ist für Eltern der Horror. Dabei ist das Risiko mit der richtigen Vorbeugung nur noch minimal. Deshalb am besten: Vorbeugende Maßnahmen beachten und sich nicht verrückt machen!

schlafendes Baby
© iStock, yagi studio
Inhalt: 
Wie können Eltern ihr Baby schützen?Interview: Wie weit ist die Forschung?Sind Babys im Familienbett sicher vorm Plötzlichen Kindstod?

Der Plötzliche Kindstod ist wohl die Todesart, die den Medizinern bis heute die meisten Rätsel aufgibt: Ein Säugling stirbt plötzlich und unerwartet, und trotz sorgfältiger Untersuchung kann keine Ursache gefunden werden. Der Tod tritt im Schlaf ein, meist in der Nacht, in manchen Fällen aber auch tagsüber. Die meisten Babys trifft es im zweiten bis fünften Lebensmonat, es gibt aber auch Fälle jenseits des ersten Geburtstags.

Wie können Eltern ihr Baby schützen?

Wie können Eltern ihr Baby schützen?
Die beste Nachricht zuerst: Mit jedem Jahr sind es weniger Babys, die dem Plötzlichen Kindstod zum Opfer fallen. Während 1990 in Deutschland 1283 Kinder an SIDS (Sudden Infant Death Syndrome) starben, traf es 2014 nur noch 119 Babys. Ein Erfolg, auf den Wissenschaftler und Eltern gemeinsam stolz sein können: die Wissenschaftler, weil sie durch akribische Spurensuche wirksame Vorbeugemaßnahmen gefunden haben, und die Eltern, weil sie die Empfehlungen der Forschung ernst nehmen.
Die richtige Vorbeugung beginnt schon vor der Geburt: Wenn die Mutter in der Schwangerschaft nicht raucht, das Kind im ersten halben Lebensjahr voll stillt und alle empfohlenen Impfungen eingehalten werden, trägt das Kind schon ein wesentlich geringeres Risiko. Die wichtigste Maßnahme aber, durch die allein schon die Zahl der Todesfälle halbiert werden konnte, ist, das Baby zum Schlafen immer auf den Rücken zu legen, auch beim Mittagsschlaf. Damit die Nackenmuskeln trotzdem trainiert werden und das Baby seinen Hinterkopf nicht platt liegt, sollte es mindestens zweimal täglich eine Viertelstunde wach auf dem Bauch liegen – natürlich nicht unbeobachtet. Wichtig außerdem:

  • Nichts mit ins Bett geben, in das das Baby sein Gesicht vergraben kann, also keine dicke Decke, kein großes Kuscheltier, kein Fell und kein Kopfkissen. Empfohlen wird ein Babyschlafsack oder eine leichte Decke. Eine flache Abpolsterung der Gitterstäbe („Nestchen“) ist in Ordnung, sagt SIDS-Experte und Rechtsmediziner Dr. Jan Sperhake.
  • Das Schlafzimmer sollte eher kühl sein. Wenn Du nicht sicher bist, ob Deinem Kind warm genug ist: Fühl einfach in seinem Nacken nach. Er sollte warm, aber nicht heiß oder verschwitzt sein. Und das Baby sollte besser kein Mützchen tragen.
  • Vor allem in den ersten vier Monaten ist das Risiko im Elternbett etwas höher als in einem eigenen (Beistell-)Bettchen im Elternschlafzimmer.

Am liebsten hätten alle Eltern natürlich einen absoluten Schutz für ihr Baby. Den aber gibt es nicht, auch nicht mit Matratzenauflagen, die angeblich die Atmung überwachen: Sie messen Bewegungen – aber leider nicht nur die Atembewegungen des Kindes, sondern zum Beispiel auch Schritte auf federndem Boden oder Vibrationen von Elektrogeräten. Das heißt: Sie können die Eltern in falscher Sicherheit wiegen – oder aber häufig Fehlalarm geben. Beruhigender ist es, sich klarzumachen, wie selten SIDS wirklich ist. Nur 24 von 100 000 Kindern in Deutschland sterben daran.
Rechtsmediziner Sperhake: „Selbst in den ersten Monaten habe ich mir bei meinen Kindern keine Sorgen gemacht. Ich wusste, wie selten SIDS vorkommt. Und ich wusste auch: Wenn man als Eltern die bekannten Vorsichtsmaßnahmen einhält, ist das Risiko für das eigene Kind verschwindend gering.“

Acht Dinge, die Babys vor dem Plötzlichen Kindstod schützen

Read More

Interview: Wie weit ist die Forschung?

Interview: Wie weit ist die Forschung?
Das fragten wir die Epidemiologin Professor Mechtild Vennemann an der Universität Münster, federführend bei der deutsch-niederländischen Initiative zur  Prävention des Plötzlichen Kindstodes.

Was weiß man aktuell über die Ursachen?
Prof. Vennemann: Trotz aller Forschung können wir bisher nur Vermutungen anstellen. Aktuell nehmen wir an, dass einige Kinder eine genetische Disposition haben. Alle SIDSForscher sind sich einig, dass die Zeit vom zweiten bis zum fünften Lebensmonat offenbar eine besonders empfindliche Phase ist und dass die Risikofaktoren, die wir schon kennen, eine große Rolle spielen: Jungen sind etwa doppelt so häufig betroffen wie Mädchen, außerdem Frühchen, Mehrlinge und Kinder von sehr jungen Müttern.

Sie listen auf Ihrer Website eine ganze Reihe von Risikofaktoren auf. Welche sind am wichtigsten?
Prof. Vennemann: Die größten Risiken bestehen, wenn die Mutter in der Schwangerschaft geraucht hat und wenn das Baby auf dem Bauch schläft. Jeder der beiden Faktoren erhöht das Risiko um das Sechsfache. Dann folgt die Überwärmung des Babys – durch zu hohe Raumtemperatur, zu warme Kleidung und eine dicke Bettdecke.

Gesetzt den Fall, das Kind hat keine angeborenen Risikofaktoren und die Eltern halten alle Vorsichtsmaßnahmen ein. Wie groß ist das Risiko dann noch?
Prof. Vennemann: Absolut minimal. Deshalb sollten sich Eltern auf keinen Fall verrückt machen, sondern das erste Jahr mit ihrem Baby in Ruhe genießen.

Sind Babys im Familienbett sicher vorm Plötzlichen Kindstod?

Sind Babys im Familienbett sicher vorm Plötzlichen Kindstod?
Das fragten wir Privatdozent. Dr. Jan Sperhake, Oberarzt am Institut für Rechtsmedizin des Universitätsklinikums Eppendorf in Hamburg und selbst Vater von zwei Kindern:

Schützt es vorm Plötzllchen Kindstod, wenn das Baby mit im Elternbett schläft?
Dr. Sperhake: „Bei unserem ersten Kind sagte die Hebamme im Vorbereitungskurs zum Thema SIDS: ,Es ist noch kein Kind im Elternbett gestorben.‘ Aber das ist einfach nicht wahr. Ich arbeite seit 15 Jahren in der Rechtsmedizin, und in dieser Zeit musste ich leider auch einige Kinder untersuchen, die im Elternbett am Plötzlichen Kindstod gestorben waren, auch Babys in der ersten Lebenswoche. Allerdings muss man differenzieren: In den Fällen, die ich untersucht habe, gab es meist zusätzliche Risikofaktoren, zum Beispiel waren die Mütter starke Raucherinnen. Wenn jedoch das Kind selbst keine Risikofaktoren aufweist und die Eltern alle üblichen Vorsichtsmaßnahmen einhalten, vor allem aber nicht rauchen, dann ist das Risiko für das Kind im Elternbett wahrscheinlich nur gering erhöht. Vorausgesetzt, es trägt einen Schlafsack, kann nicht unter eine Daunendecke oder mit dem Kopf in ein Kissen oder eine Kuhle geraten. Weil das in der Praxis nicht so leicht umzusetzen ist, empfehle ich die Balkonbettchen, die am Elternbett befestigt werden.“

Heißt es nicht immer, dass die Kinder Schwierigkeiten mit der Atmung hatten?
Dr. Sperhake: Es stimmt, die Kinder haben aufgehört zu atmen. Aber das muss nicht die Ursache sein – es kann auch sein, dass das Herzchen zuerst aufgehört hat zu schlagen. Das können wir im Nachhinein nicht unterscheiden.

Manche behaupten, dass Naturvölker keinen Plötzlichen Kindstod kennen. Können Sie das bestätigen?
Dr. Sperhake: Ich habe fünf Jahre in Afrika gearbeitet. Dort ist eine Säuglingssterblichkeit von 100:1000 keine Seltenheit. Das heißt: Jedes zehnte Kind stirbt im ersten Lebensjahr, meist an Durchfall, Malaria und anderen Infektionen. Wenn dazwischen auch einmal ein SIDS-Fall ist, fällt das einfach nicht auf.
 

Von:Christine Brasch