Neue Ernährungsstudie
 
Gesund essen in der Schwangerschaft? Schwieriger als gedacht!

Nicht für zwei, sondern besonders gesund, frisch und ausgewogen – so sollen Schwangere essen. Aber klappt das auch in der Praxis? Vom Ergebnis ihrer neuen Studie aus dem Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg waren selbst die Forscherinnen überrascht.

Schwangere isst Hotdog
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Die 200 Schwangeren, die sich für die Studie zur Verfügung stellten, brachten eigentlich die besten Voraussetzungen mit: Sie waren überdurchschnittlich gebildet und hatten keine Risikofaktoren. Einmal pro Schwangerschaftsdrittel wurden die Frauen zum Wiegen und zum Gespräch gebeten, unter anderem sollten sie alles auflisten, was sie in den letzten 24 Stunden gegessen und getrunken hatten. Nach der Geburt wurde das kindliche Gewicht erhoben.
Die Ergebnisse in Stichpunkten:

  • Keine der Teilnehmerinnen schaffte es, ausreichend Folsäure, Vitamin D oder Eisen mit der Nahrung aufzunehmen, und nur wenige schafften es bei Jod
  • Mehr als die Hälfte der Frauen konsumierte zu viel Fett und Zucker und zu wenig Ballaststoffe
  • Zwei von drei Frauen nahmen nicht so viel zu, wie es für sie und ihr Baby gesund gewesen wäre: Die ohnehin schon übergewichtigen Teilnehmerinnen nahmen zu viel zu, die zu Beginn der Schwangerschaft untergewichtigen Frauen zu wenig.

Wir haben mit den beiden Forscherinnen, der Gynäkologin Dr. Anke Diemert und der Ernährungswissenschaftlerin Dr. Birgit C. Zyriax, gesprochen.

Was hat Sie an den Ergebnissen am meisten überrascht?

Dr. Diemert: Mich hat gewundert, dass die Ernährungsempfehlungen nicht erreicht wurden, und wie schwer es eigentlich ist, diese Empfehlungen zu erfüllen.

Haben Sie mit den Frauen über die Ergebnisse gesprochen? Wenn ja, hatten sie ein Bewusstsein dafür, wie sie sich ernähren?

Dr. Diemert: Viele hatten nicht erwartet, dass sie die empfohlenen Werte für die Mikronährstoffe nicht erreichen. Manche beschrieben auch, dass ihr Essverhalten sehr mit dem Tagesablauf und ihrem Befinden variiert: „Gestern war so viel los und ich bin nicht zum Kochen gekommen, und heute hatte ich bei der Arbeit so einen Heißhunger auf Süßes, dass ich mir was aus dem Automaten im Büro geholt habe.“

Zuviel Fett und Zucker: Können Sie Beispiele geben, durch was genau die Frauen sich da verführen lassen?

Dr. Zyriax: Das können wir nur grob sagen, aber das konsumierte Fett steckt vor allem in Wurstwaren, Fleisch und fettreichen Lebensmitteln, außerdem in Süßigkeiten und Backwaren. Dabei wäre etwas mehr Fett ja gar nicht so kritisch, wenn es pflanzliches Fett wäre! Also: Die Qualität muss stimmen, wie etwa bei Raps- und Olivenöl. Und die Kalorienzufuhr insgesamt darf natürlich nicht zu hoch sein.

Dr. Diemert:  Das so genannte Stress-Essen, also essen, weil man sich gerade nicht gut fühlt, spielt eine Rolle. Gerade in der Schwangerschaft gibt es viele Ängste und Unsicherheiten. Das ist ganz normal, und hier greifen einige zum Essen, um sich zu beruhigen. Manchmal tut ein Stück Schokolade einfach gut. Wenn aber eine Schwangere angespannt ist, helfen wir ihr nicht, wenn wir in dem Moment sagen, dass ein Apfelschnitz aber besser wäre. Allein ein schlechtes Gewissen auszulösen führt zu noch mehr Stress für die Schwangere und im Zweifelsfall eher zu einer Verschlechterung der Ernährung.
Nur: Wichtig ist, sich Entspannung und Trost nicht nur über die Ernährung zu holen, sondern auch auf anderem Weg (z.B. durch  Bewegung oder andere Dinge, die einem Freude bereiten oder gut tun). Etwas, das übrigens auch außerhalb der Schwangerschaft gilt. Schwangere sollten sich selbst nicht überfordern – privat und beruflich –, um Raum und Zeit für das Ungeborene und die besondere Zeit der Schwangerschaft zu ermöglichen. Hierzu gehört auch, Erschöpfung einzugestehen.

Es heißt ja immer, Ernährungsergänzungsmittel seien bei einer gesunden Mischkost nicht notwendig. Haben die Schwangeren in der Studie sich so schlecht ernährt, oder ist es so schwierig, ausreichend Eisen, Jod und Folsäure zu sich zu nehmen?

Dr. Zyriax: Es ist eine Mischung aus beidem. Schwangere haben einen erhöhten Bedarf an Folat, Eisen und Jod. Und der ist, was vor allem Folat und Jod betrifft, auch mit gesunder Ernährung kaum zu decken. Für ausreichend Jod müssten Schwangere zum Beispiel mindestens zwei Portionen Seefisch in der Woche essen – wer tut so etwas? Deshalb ist es sinnvoll, diesen erhöhten Bedarf mit Nahrungsergänzungsmitteln zu decken. Auf der anderen Seite essen viele Schwangere eben zu viel tierisches Fett und zu viel Zucker – und zu wenig frisches Obst und Gemüse, wichtige Quellen für die Folatzufuhr.

Wie wirkt sich der Mangel an Nährstoffen aus? Gilt der alte Spruch, dass das Kind sich holt, was es braucht, und nur die Mutter leidet?

Dr. Zyriax:  Es gilt schon: Wenn nicht genug Nährstoffe da sind, geht was von der Mutter weg. Aber wir wissen nicht genug, um Entwarnung geben zu können und zu sagen: Das Kind wird auf jeden Fall ausreichend versorgt.

Dr. Diemert: Bei Kalziummangel zum Beispiel holt der Körper das vom Ungeborenen dringend benötigte Kalzium aus den Knochen der Mutter – auch noch in der Stillzeit. Wenn das über längere Zeit geht, schadet das der Frau natürlich.
Und noch etwas anderes: Wenn man Süßigkeiten isst, antwortet der Körper mit der Ausschüttung von Insulin, und in der Schwangerschaft kann das nicht nur zu Schwangerschaftsdiabetes führen – das Ungeborene wird auch an so einen hohen Insulinspiegel gewöhnt und muss später richtiggehend entwöhnt werden.

Ist Übergewicht in der Schwangerschaft wirklich so ein Problem?

Dr. Zyriax: Die gängige Empfehlung lautet heutzutage immer noch, dass ab dem zweiten Drittel der Schwangerschaft 250 Kalorien zusätzlich am Tag okay sind. Aber: Die Schwangeren bewegen sich heute weniger und ein Drittel ist schon zu Beginn der Schwangerschaft übergewichtig oder sogar fettleibig. Für sie stimmt diese Empfehlung nicht. Wichtig wäre also, keine solche generelle Empfehlung zu geben, sondern sie für jede Schwangere nach BMI individuell zu berechnen.
Das soll keine Kritik an den Schwangeren sein. Wir sehen nur, dass sie ihre Ernährung verbessern könnten und möchten das Bewusstsein dafür schaffen, dass Übergewicht in der Schwangerschaft langfristige Folgen hat. Nicht nur für die Mutter, sondern auch für das Kind. Denn das Risiko ist erhöht, dass die Mutter einen Diabetes in der Schwangerschaft entwickelt und das Kind zwar ein höheres Geburtsgewicht hat, aber selbst gesundheitliche Risiken trägt.

Aber heißt es nicht, in der Schwangerschaft solle man keine Diät halten? Viele Schwangere freuen sich ja gerade, dass sie endlich mal keine Kalorien zählen müssen.

Eine Diät pauschal ist in der Schwangerschaft keine gute Idee, da hier gegebenenfalls das Kind leidet. Allerdings ist der alte Spruch „In der Schwangerschaft isst man für zwei“ irreführend und sollte eher auf die Qualität als die Quantität angewendet werden. Zu oft verleitet er die Schwangeren dazu, die ihrem Ausgangsgewicht angepasste Gewichtszunahme in der Schwangerschaft zu überschreiten.

Und wie gefährlich ist es, wenn Schwangere Untergewicht haben und auch weniger zunehmen als der Durchschnitt?

Dr. Zyriax: Gut ist das mit Sicherheit nicht. Vor allem, wenn eine Frau nicht von Natur aus so schlank ist, sondern extrem Diät hält, besonders viel Sport macht und vielleicht kaum richtige Mahlzeiten zu sich nimmt. Oft verzichten extrem schlanke Frauen auch auf bestimmte Nahrungsmittel und ernähren sich einseitig.

Dr. Diemert: Jedes Extrem ist schwierig. Untergewicht kann zu Mangelerscheinungen beim Kind führen und sogar zu vorzeitigen Wehen. Da zieht dann die Natur die Notbremse: Wenn die Schwangere hungert, bricht der Körper eher die Schwangerschaft ab, als die Mutter verhungern zu lassen.

Die Schwangeren wussten ja sicher gut, was gesunde Ernährung ist. Weitere Informationen darüber sind also wenig erfolgversprechend. Denken Sie über andere Strategien nach?

Dr. Diemert: Über Faltblätter vermitteltes Wissen reicht alleine nicht aus, um nachhaltig die Ernährung umzustellen. Vor allem Frauen mit starkem Über- und Untergewicht brauchen Unterstützung, z.B. durch eine individuelle Ernährungsberatung, realistische Ziele und eine gute Begleitung auf dem Weg dorthin. Wir müssen der Schwangeren die Vorteile für sie selbst und ihr Kind vermitteln.  
Dabei dürfen wir nicht noch mehr Druck auf die Schwangeren ausüben oder Schuld zuweisen.  Eine Schwangerschaft betrifft im weiteren Sinne nicht nur die Mutter, sondern vor allen anderen auch den Kindsvater und die gesamte Gesellschaft. Die werdenden Väter könnten sich hier viel stärker einbringen und ihre Frauen unterstützen.  Statt also abends Limonade zu trinken und Pommes zu essen, könnten die werdenden Eltern gemeinsam kochen oder Fisch und Salat einkaufen. Toll wäre, wenn beide Partner die Schwangerschaft als Chance sähen, jetzt und dauerhaft die Ernährung ihrer Familie zu verbessern.
 
Hier der Link zur Originalstudie.