Regenbogenfamilie
 
Mama Jochen

Jochen König ist Autor und lebt mit seinen beiden Töchtern in Berlin. 2015 ist sein Buch “Mama, Papa, Kind? Von Singles, Co-Eltern und anderen Familien” im Herder-Verlag erschienen. Darin erzählt er auch von seiner eigenen Familie. Denn seine Töchter Lynn und Fritzi haben drei Mütter. Eltern.de hat ihn getroffen und mit ihm über Arbeitsteilung, die wenigen Väter auf dem Spielplatz und seine Mutterrolle gesprochen.

Regenbogenfamilie: Mama Jochen
Jochen König

Jochen, Du lebst nicht das "klassische" Familienmodell. Wie sieht Deine Familie aus? Wer gehört dazu?
 
Ich habe zwei Kinder und zu diesen Kindern gehören drei Mütter. Meine große Tochter kommt aus einer heterosexuellen Zweierbeziehung. Ich finde es ganz schön viel für nur zwei Personen, Paarbeziehung und Elternsein miteinander zu vereinbaren. Und auch die Trennung war nicht so einfach. Wir wären uns eigentlich gerne für ein halbes Jahr aus dem Weg gegangen, um Emotionen abkühlen zu lassen, aber wir mussten uns gleich am Tag nach der Trennung wieder zusammensetzen, um das Leben unserer gemeinsamen Tochter zu organisieren. Daraufhin habe ich mir überlegt, dass ich gerne ein zweites Kind hätte, ohne mit der Mutter eine romantische Liebesbeziehung zu führen. Man ist dann auf einer anderen Ebene. Meine zweite Tochter hat nun drei Eltern; mich, sowie zwei Mütter.
 
Du hast zwei Kinder, mit denen Du viel Zeit verbringen möchtest. Wie ist ihre Betreuung organisiert? Hast Du Elternzeit genommen?
 
Ich wollte für beide Kinder von Beginn an präsent sein und habe für beide lange Elternzeit genommen. Meine große Tochter lebt seit ihrer Geburt überwiegend bei mir. Ich war 12 Monate in Elternzeit, als sie klein war. Lynn, meine jüngere Tochter, ist knapp die Hälfte der Woche bei mir. Die andere Hälfte ist sie bei ihren Müttern. Auch die Elternzeit haben wir uns geteilt.
 
Warum nehmen so wenig Männer Elternzeit und kümmern sich so wenig um ihre Kinder? Warum liegt die Hauptverantwortung immer noch bei der Frau?
 
 Es ist nicht möglich als Eltern ohne finanzielle oder berufliche Einschnitte ein Kind zu bekommen und großzuziehen. Männer sind noch immer viel zu oft nicht bereit, die dazugehörigen Risiken mitzutragen. Viele Frauen rutschen deshalb eher unfreiwillig in die Rolle der hauptverantwortlichen Person.
 
Du schreibst in Deinem Buch, dass Fritzi Dich früher immer Mama genannt hat. Wie war das für Dich?
 
Für meine große Tochter war ich von Beginn an in der Mutterrolle.  Das heißt, ich habe ihre tägliche Pflege übernommen. Sie getröstet, wenn sie sich weh getan hatte, für sie gekocht, sie ins Bett gebracht. Wie jedes andere Kind in ihrem Alter benannte sie die Person in dieser Rolle irgendwann mit dem Begriff "Mama". Das war in dem Moment eindeutig eine Rollen- und keine Geschlechtszuschreibung. Ich habe dann für mich beschlossen, sie nicht zu korrigieren. Sie darf mich nennen, wie sie möchte.
 
Wie reagieren die anderen Eltern auf Dich, wenn sie von Deiner Familiensituation erfahren? So häufig sind Väter da ja immer noch nicht anzutreffen.
 
Die Reaktionen auf meine Familie sind sehr unterschiedlich. Oft begegnet mir großes Interesse und ich muss viel erklären. Für meine Interpretation der Vaterrolle ernte ich immer wieder großes Lob, obwohl ich nicht viel anderes mache als hunderttausende Mütter. Hin und wieder reagieren Menschen jedoch auch mit Unverständnis und Diskriminierung auf meine Co-Eltern-Familie.
 
Was tust Du, wenn Menschen Deine Familie ablehnen?

Das kommt ganz darauf an, wo das passiert. Online versuche ich die Ablehnung, soweit es geht, zu ignorieren. In der Kita oder der Schule fange ich auch schon manchmal ne längere Diskussion an.
 
Wie reagieren andere Männer darauf, dass Du für Fritzi die „Mama“ bist?
Hm, mir fallen da keine besonderen Reaktionen ein.
 
 Gab es auch Momente, in denen Du an deine Grenzen gekommen bist?
 
Ich komme immer wieder an meine Grenzen. Das Leben mit Kindern kann sowohl emotional als auch körperlich ziemlich belastend sein. Unterbrochene Nächte, Sorgen um ein krankes Kind, organisatorische Fragen können ganz schön an den Nerven zehren. Ich saß durchaus auch schon weinend auf dem Fußboden und habe an meinen Qualitäten als gutes Elternteil gezweifelt.
 
 
Viele Alleinerziehende haben Schwierigkeiten mit der Einstellung von den Vätern ihrer Kinder. Die Männer wollen nur Spaß haben und keine Pflichten übernehmen. Was hältst Du von diesen "Schönwettervätern"?
 
Trotz steigender Zahlen beispielsweise bei der Elternzeit, entziehen sich noch immer viel zu viele Väter ihrer Verantwortung bei der Kinderbetreuung. Gleichzeitig ist es unter Vätern gerade sehr beliebt, sich für das eigene geringe Engagement loben zu lassen. Sigmar Gabriel wird medial gefeiert, weil er einen Tag bei seinem kranken Kind verbracht hat. Das steht in keiner Relation zur tatsächlichen Leistung.
 
Fürsorgearbeit ist Frauensache! Was denkst Du darüber?
 
Natürlich nicht. Aufeinander zu achten, füreinander Sorge zu tragen, im Miteinander Verantwortung zu übernehmen, ist die Aufgabe aller Menschen. Nur so funktioniert gesellschaftliches Zusammenleben. Wir sind alle im Laufe unseres Lebens auf Unterstützung, Kooperation und Pflege durch andere angewiesen. Warum sollte nur ein Teil der Menschen dafür verantwortlich sein?
 
 
Was ist für Dich typisch Mama? Was typisch Papa?
 
Die Aufteilung der Carearbeit ist in den meisten Familien noch immer recht eindeutig. Mütter sind im Alltag für die Kinder da, trösten bei alltäglichen Sorgen oder bleiben zuhause, wenn das Kind krank ist. Väter spielen am Wochenende auch gerne mal etwas wilder mit ihren Kindern. Diese Aufteilung erfolgt jedoch nicht aufgrund biologischer Unterschiede, sondern vor allem, weil sich viele Väter noch immer weigern, beruflich zurückzustecken und die genannten Sorgeaufgaben zu übernehmen.
 
 
Kinder brauchen ein männliches Vorbild. Stimmt das?
 
Kinder brauchen Menschen, die sich um sie kümmern und sie brauchen auch verschiedene Personen, an denen sie sich orientieren können und von denen sie sich Sachen abgucken können. Es ist schön, wenn Kinder unterschiedliche Lebensentwürfe und geschlechtliche Rolleninterpretationen kennen lernen können, um dann für sich daraus eine Auswahl für das eigene Leben treffen zu können. Das Geschlecht der Person gegenüber ist dabei jedoch nicht wirklich entscheidend.
 
Fühlst Du Dich durch Deine Rolle als Vater weniger männlich?

Keine Ahnung, wie sich "Männlichkeit" anfühlt. Natürlich ist so etwas wie "Männlichkeit" etwas, das zu meiner Identität dazu gehört, häufiger kommt die Identifizierung damit aber auch eher von außen. Ich verspüre keinen Druck, irgendetwas erfüllen zu müssen, um Männlichkeit aufrecht erhalten zu können.
 
Was müsste sich denn ändern, damit mehr Väter mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen können?

Väter müssten bereit sein, mehr zu investieren. Sie müssten bereit sein, länger in Elternzeit zu gehen und weniger zu arbeiten, egal, was der Chef dazu sagt und egal, ob es für die zukünftige Karriere Nachteile bedeutet. Wenn sie diese Nachteile nicht in Kauf nehmen, bleiben sie weiterhin überwiegend an den Frauen hängen.
 
 
 
 
 

Regenbogenfamilie: Mama Jochen

Mama, Papa, Kind?von Singles, Co-Eltern und anderen FamilienHerderverlagPreis: 16, 99Mehr Infos gibt es hier: www.weltbild.deJochen bloggt auch über seinen Alltag und sein Familienleben. Hier geht es zu seiner Homepage.

ELTERN Abo