Freundschaft
Brief an meine kinderlose Freundin

Zwei langjährige Freundinnen. Die eine bekommt ein Kind. Die andere nicht. Mit der Zeit verbindet die Beiden immer weniger. Kennt Ihr das auch? Unsere Kollegin Sarah Wiedenhöft hat das erlebt. Ihre Gefühle und Wünsche hat sie in einem Brief an Ihre Freundin formuliert.

Brief an eine Freundin
© iStock, MartinPrescott

Viel Unverständnis

„Was, du bringst Felix mit?“ Meine beste Freundin Julia war entsetzt. „Ich wollte mich endlich allein mit dir treffen. Wenn Felix dabei ist, kümmerst du dich nur um ihn. Nie hast du Zeit für mich. Du solltest dich auch mal wieder mit „normalen Leuten“ treffen, damit du endlich von den Kinderthemen wegkommst.“ Julia legte auf. Sie war sauer. Wie seit der Geburt von meinem Sohn Felix vor zwei Jahren immer wieder.
 Wir wollten uns schon seit Wochen verabreden, aber nie hatte es geklappt. Erst wurde mein Sohn krank. Ihn mit Husten und leichtem Fieber trotz Semesterferien zur Tagesmutter zu bringen, nur, damit ich Julia endlich wieder einmal allein treffen konnte, war absolut undenkbar.

Auch beim nächsten Versuch klappte es nicht. Wir hatten uns um 19 Uhr zum Abendessen bei mir zu Hause verabredet. Ich hatte den Nudelauflauf vorbereitet und freute mich sehr auf sie. Um kurz nach sechs rief Julia an. Sie hatte es sich anders überlegt. „Heute läuft endlich „The Hateful Eight“ im Kino. Ich liebe Tarantino. Komm doch mit! Danach können wir noch in der Bar um die Ecke Cocktails trinken gehen“, sagte sie mit einer Euphorie in der Stimme, die ich sogar durch den Telefonhörer spüren konnte. Ich war enttäuscht und traurig. Julia schien nicht nachzudenken und überhaupt kein Verständnis für mich zu haben. Ich wäre zwar auch gern mitgegangen, aber da ich alleinerziehend bin, war es nicht möglich, so kurzfristig eine Betreuung für Felix zu organisieren. Und Julia hätte das wissen müssen.

Nun hatte ich ein Treffen am Wochenende in einem Café vorgeschlagen und wollte Felix mitbringen. Julia war beleidigt. Sie hatte auf einer Studentenparty einen Mann kennen gelernt, der Tobi hieß und sie immer wieder versetzte. Darüber wollte sie ihn Ruhe mit mir reden. Ohne Kind.

Leben in unterschiedlichen Welten

Ich weinte, war traurig und verletzt. Seit der Geburt meines Sohnes schienen wir in völlig unterschiedlichen Welten zu leben. Für sie waren wechselnde Männergeschichten und wilde Studentenpartys wichtig, während ich tatsächlich Stunden damit verbringen konnte, verliebt meinen Sohn anzuschauen. Wir schienen uns nicht mehr zu kennen, uns aus den Augen verloren zu haben. Und dabei kannten wir uns schon unser ganzes Leben. Ich nahm mir vor, Julia einen Brief zu schreiben.

Liebe Julia,

Ich erinnere mich noch gut an den Tag, an dem wir uns kennen lernten. Wir waren noch klein, und saßen alle in einem Kreis auf Stühlen, so niedrig, dass unsere Füße den Boden berührten. Ich hatte gerade neue Hausschuhe von meiner Oma bekommen, die ich stolz in die Mitte des Stuhlkreises reckte. Blau, mit einem roten Elefanten mit großen, schwarzen Kulleraugen auf der Spitze. Du warst in der Mitte des Kreises und sahst schüchtern auf den Boden, während unsere Erzieherin uns die Neue vorstellte.

Ich fand dich gleich sympathisch. Als ich dann auf deine Füße schaute, war ich begeistert. Du hattest tatsächlich die gleichen Hausschuhe an wie ich! Von diesem Tag an waren wir unzertrennlich. Wir spielten zusammen, vormittags im Kindergarten und nachmittags auf dem Spielplatz. Als wir dann in die Schule kamen, saßen wir natürlich nebeneinander.

Später, auf der weiterführenden Schule, sahen wir uns weiterhin täglich und teilten alles miteinander: die erste Party, den ersten Kuss, den ersten Liebeskummer. Wenn wir uns nicht sahen, telefonierten wir Stunden lang, bis spät in die Nacht. Ich erzählte dir von meiner ersten Zigarette, von der ich mich übergeben musste. Und du lachtest.

Als ich dann schwanger wurde, war deine Freude zunächst groß. Wir gingen Babykleidung kaufen und dachten uns schon aus, was wir gemeinsam mit dem Kleinen tun könnten.

Doch das änderte sich schnell.  Du hattest immer weniger Interesse für die Ultraschallfotos, auf denen Felix abgebildet war, wolltest mir nicht dabei helfen, einen Namen für ihn auszuwählen. Das hat mich sehr verletzt und tief traurig gemacht. Das erste Mal, dass ich etwas mit dir teilen wollte, ohne dass du Notitz davon genommen hast.

Stattdessen forderst du von mir flexibel zu sein. Dich zu besuchen, weil du keine Lust hast, mit der U- Bahn zu fahren. Oder weil dir zwei Euro fünfzig für eine Bahnfahrt zu teuer sind. Spontan soll ich sein und schnell Kinderbetreuung organisieren, wenn du ins Kino oder feiern gehen willst. Für dich da sein, wenn dein Freund dich verlassen hat. Auch nachts um zwei erreichbar sein, das Telefon am besten neben das Bett legen. Am liebsten möchtest du mich ohne Kind, wie früher. Aber das geht nicht.

Wahrscheinlich kannst du dir nicht vorstellen, wie anstrengend das Leben mit einem Kind ist. Dass es ewig dauern kann, den schreienden Felix anzuziehen und ihn dann samt Kinderwagen und Wickeltasche aus dem vierten Stock nach unten zu tragen.  Ich muss für ihn verfügbar sein, 24 Stunden, an sieben Tagen in der Woche. Ich schlafe wenig, esse unregelmäßig und gehe selten aus. Gleichzeitig macht mich nichts glücklicher, als in das zufriedene Gesicht meines Sohnes zu schauen.

Dein Leben unterscheidet sich stark von meinem: Du brauchst nur Deine Belange unter einen Hut zu bekommen. Ich dagegen muss die Bedürfnisse meines Kindes berücksichtigen. Gerne würde ich auch mal wieder früh morgens von einer Studi-Party nach Hause kommen. Oder bis nachmittags schlafen.

Ich vermisse Dich als Freundin

Ich vermisse Dich als Freundin in meinem neuen Alltag sehr. Und ebenso unsere alten Zeiten. Ich verstehe deine Wut auf mich. Gern würde ich wieder mit dir unbeschwert ins Kino oder in die Disco gehen, ohne den Babysitter im Hinterkopf, der jeder Zeit anrufen könnte. Ich würde mich gern mit dir ganz spontan zum Kaffee verabreden. Ohne Kind. Manchmal möchte ich mich in einen Zug oder in ein Flugzeug setzen und in den Urlaub fahren. Ganz allein, nur mit dir. Aber das geht leider nicht, so lange Felix noch so klein ist.

Ich wünsche mir, dass du mich auch mal besuchen kommst, wenn ich dich darum bitte. Und, dass du verstehst, dass mein Sohn bei unseren Treffen dabei ist, wenn ich keine Betreuung für ihn habe. Auch, wenn ich es nicht mehr so kann wie früher, bin ich trotzdem für dich da und höre dir zu. Und auch, wenn wir nicht mehr das gleiche Leben führen, können wir uns sicher trotzdem nahe sein, wenn wir beide Rücksicht aufeinander nehmen. Ich habe dich sehr lieb und möchte dich auch weiterhin bei mir haben. Ich wünsche mir, dass wir mehr miteinander reden und versuchen, uns gegenseitig besser zuzuhören und zu verstehen.

Julia heißt eigentlich anders und wie mit ihr war es auch mit einigen anderen kinderlosen Freundinnen nicht leicht, unsere Bedürfnisse aufeinander abzustimmen, seitdem ich Mutter bin.

Diesen Brief wollte ich immer wieder abschicken. Ich habe es nie getan. Die Sorge, damit letztlich das Ende unserer Freundschaft deutlich zu machen statt einen Neuanfang zu schaffen, hielt mich davon ab. Doch mit meinen sortierten Gedanken und Gefühlen konnte ich leichter mit meiner Freundin ins direkte Gespräch kommen. Es war nicht einfach unsere Bedürfnisse auf einander abzustimmen. Doch es ist uns besser gelungen. Aber unsere Freundschaft hat sich verändert. Unsere unterschiedliche Lebensrealität hat dazu geführt, dass sie nicht mehr so intensiv ist wie früher. Manchmal macht mich das noch wehmütig, auch wenn ich froh bin, dass unsere Freundschaft Bestand hat und ich für sie eingestanden bin.

Von:Sarah Wiedenhöft