Eine für alle

Weg mit den Zäunen!

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Warum sind Kleingarten bei jungen Familien wieder so beliebt?


Kleingärten sind ja wieder ziemlich angesagt. Insgesamt gibt es davon in Deutschland bereits über eine Million: 46.000 Hektar sind in der Hand von Schreberfans. Und vor allem Familien lassen sich immer öfter auf die Warteliste setzen: "Ist doch schön, ein bisschen eigenes Grün so in der Stadt", sagen sie, "dafür pflegen wir dann auch die Hecke. Oder reparieren den Zaun." Denn die meisten Kleingärten haben einen Zaun - oder eine Hecke. Und meistens haben sie auch eine Verordnung, in der steht, wie hoch die Hecke sein darf. Könnte ja sein, dass sonst jeder macht, was er will.

Könnte auch sein, dass es eine zufällige Parallele ist - das Phänomen mit den Kleingärten, die immer beliebter werden. Und dieses Gefühl, das wir hier in der ELTERN-Redaktion haben: Unsere Gesellschaft splittert sich auf. Und zwar in unseren Köpfen. Sie zerfällt in lauter kleine Teile - man könnte auch sagen: Parzellen. Jeder kocht sein eigenes Süppchen. Jeder will sein eigenes Grüppchen. Nein, es geht hier nicht um die Wähler der Linken, die traditionell nicht mit den CDUlern können. Oder die Leute von der Küste, die die am Alpenrand nicht verstehen. Es geht eigentlich auch nicht um die kinderlosen Cafébesitzer, die Aufkleber mit durchgestrichenen Kinderwagen an ihre Türen kleben - und keine Ahnung haben, wie dringend junge Eltern nach einer durchwachten Nacht Kaffee brauchen. Nein, die Grüppchenbildung in unserem Land ist viel subtiler. Und die stacheligsten Hecken wachsen dort, wo man sie gar nicht vermutet.

Familien in Deutschland: Lauter kleine Splittergruppen?

Nehmen wir nur die Gruppe der Familienmenschen: Diese Gruppe schrumpft ohnehin, weil wir immer weniger Kinder haben. Trotzdem kleingärtnern wir vor uns hin: Eltern, die ihre Kinder Carl und Clementine nennen, rümpfen die Nase über Kevin und Cheyennne: "Ist doch prollig!", sagen sie.

Väter auf der Karriereleiter machen sich über die Weicheier lustig, die tatsächlich Elternzeit wollen. Latte-macchiato-Mütter würden nur ungern ihren Kaffee in einem Vorstadtreihenhaus trinken. Stillgruppenbesucherinnen finden Fläschchenmütter egoistisch. Biobreiköchinnen mokieren sich über unbeschwert shoppende Konsummütter. Und spätgebärende Helikopter-Eltern über Studenteneltern, die alles locker nehmen.

Die Liste der Splittergruppen ließe sich beliebig erweitern. Und so ist es sicherlich auch kein Zufall, dass es auf dem Zeitschriftenmarkt immer mehr Magazine für immer kleinere Zielgruppen gibt: ein Heft für Großstadteltern, die auch mit Kind cool bleiben wollen. Eins für Mütter, für die Kinder ihr "ein, aber nicht ihr alles" sind. Eins für Eltern, die am liebsten spielen und lernen. Eins für Mütter, die nicht aussehen wollen wie Mütter, usw. Und in den Onlineforen geht die Zersplitterung weiter: In den großen Familienportalen gibt es viele Communitys - und viel Aggressivität. Und wehe, einer denkt anders als die anderen und postet das auch noch. Dann müssen die Onlinekollegen einschreiten und befrieden: "Leute, bitte, ein anderer Ton!"

Was genau bedeutet Familie in multioptionalen Zeiten?

Es sind Zeiten, in denen - scheinbar - alles möglich ist. Dafür aber auch vieles unklar: zum Beispiel, was heute eigentlich ein erfolgreiches Leben ist, eine gute Mutter, ein guter Vater, eine "richtige" Familie. Ist es die Patchworkfamilie, das Mama-Papa-zwei-Kinder- Bausparkassen-Ideal, die Alleinerziehende?

Vielleicht auch, weil die vielen unterschiedlichen Lebensentwürfe eine ständige Bedrohung sind. Stellen doch die, die anders leben, das, was man selber lebt, infrage. "Es ist ein logisches Gesetz: Seit Frauen freiwillig entscheiden können ... ob und wann und wie oft sie Mutter werden ..., müssen sie auch zu ihrer Entscheidung stehen und sie gegenüber ihren Konkurrentinnen vertreten", schreibt Cornelie Kister in ihrem Buch "Mütter, Euer Feind ist weiblich".

Und weil man den ständigen Rechtfertigungsdruck leichter aushält, wenn man nicht allein ist, sucht man Gleichgesinnte. Menschen, die ein ähnliches Weltbild haben, sind beruhigend. Sie geben Sicherheit, Bestätigung, Orientierung. "Willkommen im Club", heißt es dann. Man klopft sich auf die Schulter! Man unterstützt sich. Mit Kontakten. Mit Tipps. Und man grenzt sich ab!

Warum grenzen sich Familien heute so stark voneinander ab?

Abgrenzung hilft, wenn man Angst hat. Zum Beispiel Angst davor, abzurutschen in die Masse der Perspektivlosen. Und deutsche Mittelschichtsfamilien haben große Angst vor dem Abrutschen.

In einer Umfrage, die ELTERN beim Meinungsforschungsinstitut forsa in Auftrag gab, sagten 57 Prozent, Kinder seien heute ein Armutsrisiko. Und 60 Prozent glaubten, dass es ihren Kindern schlechter gehen werde als ihnen selbst - und das trotz vieler Prognosen, die sagen, dass es auf dem künftigen Arbeitsmarkt wegen des Geburtenrückgangs genug Jobs für alle geben wird, die einen halbwegs vernünftigen Abschluss haben.

"Viele Eltern sind von Statuspanik befallen", sagt auch Dr. Heinz Bude, Bereichsleiter am Hamburger Institut für Sozialforschung, Professor für Soziologie an der Uni Kassel und Buchautor, "und diese Panik führt vor allem im Bildungsbereich zu einer starken Abgrenzung und Zersplitterung der Elternschaft. Denn Bildung ist heute vor allem in der Mittelschicht das, was früher Besitz war. Mit anderen Worten: Früher gab man einen Hof weiter oder ein Geschäft, heute vererbt man Wissen."

Und das heißt auch: Man sorgt für den bestmöglichen Abschluss, um die Zukunft seiner Kinder zu sichern. Wer es sich leisten kann, schickt sein Kind deshalb in eine private Einrichtung - oder zieht weg vom hippen Kiez in einen "guten" Stadtteil mit "guten" Schulen und Kindergärten.

Abschottung hilft nicht nur dem Status, sondern auch dem Prestige

Besonders paradox dabei: "Viele der Eltern, die jetzt Kinder großziehen, sind in den 70er- und 80er-Jahren aufgewachsen, in einer Zeit also, als die Bildungsexpansion auch denen eine Chance zum Aufstieg gab, die kein akademisches Elternhaus hatten", sagt Heinz Bude. Obwohl sie von der sozialen Durchlässigkeit profitiert haben, entwickeln sie sie heute nicht weiter. Im Gegenteil: Sie blockieren sie.

So war beispielsweise in Hamburg der Widerstand gegen die Gemeinschaftsschule so groß, dass es zum Volksentscheid kam: Das Schulprojekt wurde abgeschmettert. Zwar betonen Bildungsforscher, dass alle profitieren, wenn sie länger miteinander lernen. Aber die Leute in Hamburg wollten das nicht hören. Und machten die Schotten dicht.

Denn Abschottung hilft nicht nur dem Status, sondern auch dem Prestige: je kleiner die Gruppe (der Erfolgreichen), je schwerer die Zugangsbedingungen, je strenger der Kodex, umso exklusiver. Das machen traditionelle Clubs wie Rotarier oder studentische Verbindungen vor: Man ist anders als die anderen, individueller, und man zeigt das auch. Bei den Studenten erkennt man sich an den Farben, vielleicht an der Narbe auf der Stirn. Bei den jungen Eltern ist es der hippe Kinderwagen, das ausgesuchte Kinderzimmerdesign oder auch die Attitüde: "Diese ganze Neukauferei mach ich nicht mit." Retro heißt das dann - und man erkennt sich auch daran ...

Warum kann Abgrenzung auch ganz schön anstrengend sein?

Nicht nur, weil man die Hecke pflegen muss und den Zaun reparieren, wenn einer dagegentritt. Sondern, weil Festhalten auch viel Kraft kostet. Denn beim Festhalten darf man nicht zweifeln. Man muss Haltung wahren. Und ist gleichzeitig gefangen - in festen Mustern. So kann der Blick nicht schweifen und weit werden. So bleiben Vielfalt und Facettenreichtum auf der Strecke. So können neue Erfahrungen nicht gemacht werden. Und die persönliche Entwicklung wird gebremst.

In den Managementetagen der großen Unternehmen hat man das längst begriffen: "Diversity Management" heißt dort das Zauberwort. Und es bedeutet: Ein Betrieb, der es schafft, die Mitarbeiter so einzusetzen, dass sie sich trotz (oder gerade wegen) großer Unterschiedlichkeit und Potenziale gegenseitig inspirieren, macht mehr Gewinn. Nun muss ein "erfolgreiches kleines Familienunternehmen" zum Glück keine große Rendite einfahren wie ein DAX-notierter Riesenkonzern. Laufen soll der Laden aber schon.

Machen sie doch mal Ihren eigenen Diversity-Check!

Wie viele unterschiedliche Stimmen haben Sie in sich? Wie viele lassen Sie zu? Und wie viele drücken Sie weg, weil der "Club", zu dem Sie gehören, ruft: "Du darfst nicht zweifeln. Du darfst nichts falsch machen. Du musst wissen, wie es geht!"

Müssen wir Eltern das? Können wir das überhaupt, wenn es ums Kindergroßziehen geht? Machen wir das nicht alle zum ersten Mal? Und wie ist das sonst bei ersten Malen: Trial and Error, genau! Und Kompromisse, natürlich!

Nehmen wir also mal an, Sie haben ein Kind und sind berufstätig. Und Sie finden das gut. Meistens jedenfalls. "Ich habe doch keine Ausbildung gemacht, um zu Hause zu bleiben", sagen Sie. "Und mein Kind hat eine wunderbare Krippenerzieherin." Alles roger also. Sagen ja auch Ihre Freundinnen, die ebenfalls berufstätig sind. Und sagen sogar viele Politiker, die es neuerdings gut finden, wenn Mütter arbeiten. Schließlich gilt es, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Und die Demografie im Auge zu behalten ...

Doch an manchen Tagen sehen Sie die Nachbarin mit dem Kind auf dem Arm, wie sie dem Papa hinterherwinken - und plötzlich ist da dieses komische Gefühl: "Mensch, die hat's eigentlich gut. Kann mal langsam machen. Hat weniger Stress."

Jetzt haben Sie zwei Möglichkeiten: Sie können schnell die Hecke hochziehen und Ihre Zweifel aussperren. Zum Beispiel, indem Sie die Nachbarin niedermachen: "Heimchen am Herd", sagen Sie, "ist ja von vorgestern. Geht ja gar nicht."

Die andere Möglichkeit: Sie gehen Ihren Zweifeln nach. Was passiert, wenn Sie mal genauer rübergucken auf die andere Seite der Hecke? Und was würde wohl passieren, wenn das auch die Nachbarin täte? "Ach", würde die vielleicht sagen, "berufliche Perspektiven, eigenes Einkommen, das ist schon toll. Aber im Moment passt es so für mich besser: Mein Mann verdient genug, ich bin hier mein eigener Chef. Kann mir meinen Tag einteilen. Nein, nichts Ideales - bloß eine 40-zu-60-Lösung. Aber eben 60 für den Hausfrauenjob."

"Ach, guck mal", würden Sie dann vielleicht denken, "bei mir ist es auch 40 zu 60, bloß fürs Büro." Der Unterschied? Gar nicht so groß. Die Ambivalenz? Darf sein! Die Hecke? Kann eigentlich weg!

Das ist unser Anliegen für 2012:

Wir haben nichts gegen Schrebergärten. Aber wir haben was gegen emotionale Kleingärtnerei. Und deshalb fangen wir gleich in der Februar-Ausgabe von ELTERN mit dem Heckeschneiden an: Wir wollen Sie zusammenbringen! Ja, Sie, mit dem Baby und dem Vollzeitjob, und Sie, mit den drei Kindern und ohne eigenes Einkommen. Wir wollen Wunschkaiserschnittmütter und Hausgeburtshebammen auf unser pinkfarbenes Sofa setzen, Einzelkindeltern und Großfamilien, Bauersfrauen aus Bayern und Hamburger Kiezmütter. Zum Reden. Zum Streiten. Zum Ehrlichsein.

Was das Ganze bringen soll? Wir verschwenden weniger Energie beim Haltungbewahren und Abschotten. Und wir haben mehr Kraft für ein gemeinsames Projekt: Denn wir wünschen uns einen Park ohne Barrieren, der allen kleinen Familienunternehmen offensteht. Einen öffentlichen Raum, in dem man weit blicken kann.

Wenn wir Glück haben, sehen wir hinten am Horizont die Zukunft. Sie ist hoffentlich rosig. Und sie gehört unseren Kindern. Allein das sollte uns Väter und Mütter eigentlich schon verbinden.

Ihre Mithilfe ist gefragt:

Sie haben schon eine Idee, worüber auf dem pinkfarbenen Sofa geredet werden soll? Dann schicken Sie uns doch einfach hier Ihren Themenvorschlag! Wir freuen uns auf viele spannende Anregungen!

Und wenn Sie Lust haben, selbst auf dem schönen Sitzmöbel Platz zu nehmen und über ein Thema zu diskutieren, das Sie ganz persönlich betrifft, können Sie sich hier direkt bewerben.

Sie möchten schon jetzt etwas zu Anke Willers' Gedanken loswerden? Dann posten Sie einfach einen Kommentar unter diesen Artikel. Wir sind gespannt auf Ihre Meinung!

von Anke Willers


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  • von Tina am 14. Januar 2012, 20:40 Uhr

    Mich hat dieser Artikel sehr berührt. Nicht nur, weil ich ähnlich denke, sondern weil auch ich mich immer wieder beim "Kleingärtnern" ertappe. Ich finde es schade, manchmal den Blick fürs Ganze zu verlieren, dennoch passiert es auch mir immer wieder mal. Die Frage ist doch, ob man es überhaupt verhindern kann? Und ist es nicht auch irgendwo normal, dass man, einmal eine Meinung zu einem Thema gebildet, eine Erziehungsstrategie entwickelt..., diese dann auch so konsequent vertritt, dass man andere Methoden und Weisheiten klar ablehnt?
    In diesem Sinne, möchte ich für diesen Artikel und die Anregungen danken!


  • von julia am 26. Dezember 2011, 23:18 Uhr

    dennnoch ist es so, dass sich jeder irgendwo abgrenzt und nichts mit diesen müttern zu tun haben will bzw. deren erziehungsmethoden ablehnt. ich denke das diese aktion etwas bringen könnte, denn jeder kann von dem anderen etwas lernen oder vielleicht sogar davon profitieren. diese abgrenzung hat auch sehr stark mit unserem immer stärker werdenden egoismus und dieser intoleranz zu tun. jeder denkt, mein kind ist das beste, mein kind ist schlauer. dieser egoismus muss aufhören, denn irgendwie haben wir doch alle ein ziel. das unsere kinder eine schöne kindheit haben. das funktioniert aber nicht, wenn sie diesen egoismus von den eltern schon vorgelebt bekommen. denn dann werden die kinder zu noch größeren egoisten. dann sind wir irgendwann keine gesellschaft mehr, sondern nur noch eine nation von einzelgängern.


  • von Babsi am 20. Dezember 2011, 15:51 Uhr

    Man grenzt sich nicht ab, nur weil man Angst hat. Abgrenzung ist wichtig, um seinen eigenen Standpunkt zu finden! Ein Beispiel aus meiner Arbeitswelt: Ich bin Mitarbeiterin bei der katholischen Kirche. Hier könnte man meinen: Die werden auch immer weniger, die sollten sich zusammenraufen. Aber auch hier gibt es "Grüppchen": die Konservativen, die Progressiven, die Papsttreuen, die Romkritischen usw. Sich so einzugruppieren ist aber wichtig, um selber zu wissen, wo, bzw. für welche Ideale man steht. (wobei hier die Grundlage für alle gleich ist - genauso wie bei Familien!!!). Abgrenzung, und somit eigenen Standpunkt suchen, findet doch überall statt (bereits als Kind/Jugendlicher). Ich glaube mein Motto wäre eher: Abgrenzung ja - Intoleranz nein.


  • von Annika am 18. Dezember 2011, 13:54 Uhr

    Ist es wirklich noch so schlimm wie Sie schreiben?
    Meinem persönlichen Empfinden nach ist diese Trennung nicht mehr so stark. Ich treffe mich jetzt seit 4 Jahren mit 'meinen Mädels' vom ersten Geburtsvorbereitungskurs und wir 6 Mädels haben alle andere häusliche/arbeitstechnische Schwerpunkte und verstehen uns trotzdem oder erst recht blendend. Ich glaube jeder ist einmal neidisch auf die andere, denn egal was ich mache, ob ich komplett zu Hause bin, Vollzeit oder Teilzeit arbeite, man wünscht sich doch immer zwischenzeitlich das, was man gerade nicht hat!! Das ist aber auch okay, wie ich finde.


    (4 Kommentare)

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