KOMPAKT-THEMA:

Erziehung
"Kinder brauchen keine Grenzen, sondern Liebe"

Disziplin und Ordnung lauten die neuen Zauberworte in der Erziehungsdebatte. Eine fatale Entwicklung, meint der Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann. Für ihn ist vor allem die Liebe der Schlüssel zu einem guten Eltern-Kind-Verhältnis. Was Bergmann über die Ratgeber der Bestsellerautoren Winterhoff und Bueb denkt - und was er selber Eltern empfiehlt, dazu hat er jetzt als Gast der ELTERN-Redaktion Stellung bezogen.

Wolfgang Bergmann ist diplomierter Erziehungswissenschaftler und leitet das Institut für Kinderpsychologie und Lerntherapie in Hannover. Seine Erfahrungen aus der Arbeit mit entwicklungsgestörten Kindern fließt auch in Bücher mit Titeln wie "Gute Autorität" oder "Disziplin ohne Angst" ein. Darin vertritt er die Einstellung, dass Kinder zwar ununterbrochen nach Ordnung und Schutz suchen - diese aber nur finden, wenn sie die Liebe ihrer Eltern spüren und Vertrauen aufgebaut haben. Bergmann, selbst Vater von drei Kindern, lehnt die aktuellen Ratgeber zu Gehorsam und Disziplin explizit ab. Im Gespräch mit der ELTERN-Redaktion erklärte er seine Position.

Disziplin passt zum Zeitgeist

Erziehungspsychologe Wolfgang Bergmann zu Gast in der ELTERN-Redaktion
Erziehungspsychologe Wolfgang Bergmann zu Gast in der ELTERN-Redaktion
© Roberto Janacek

Warum erhalten die Bücher von Kinderpsychiater Michael Winterhoff ("Warum unsere Kinder Tyrannen werden" - eine Auseinandersetzung mit Winterhoff finden Sie hier ) und Pädagoge Bernhard Bueb ("Lob der Disziplin") so große Aufmerksamkeit - und vor allem so viel Zustimmung? Weil sie in den Zeitgeist passen, meint Erziehungsexperte Bergmann. Weil Eltern heute das Gefühl haben, dass sie ihren Kinder am meisten Sicherheit bieten, indem sie ihnen Disziplin und Ordnung beibringen. Denn nur so würden sie in der Schule Erfolg haben - und später auch im Beruf. In wirtschaftlich unsicheren Zeiten erleben diese Werte eine Renaissance.

Kinder wollen den Eltern vertrauen können

Ist es aber denn wirklich so falsch, wenn Eltern ihren Kindern Grenzen setzen wollen? Nein, sagt Bergman. Aber vor dem Gehorsam müsse die Liebe stehen. Nur wenn ein Kind Vertrauen zu seinen Eltern habe, könne Erziehung erfolgreich sein. Und um ein Vertrauensverhältnis aufbauen zu können, bräuchten die Kinder vor allem das Gefühl, geliebt zu werden.

"Zuerst die Liebe, dann der Gehorsam" - Mehr zu Bergmanns Position lesen Sie in einem Interview mit Oliver Steinbach, stellvertretender Chefredakteur von ELTERN.

Eine Liebesgeschichte: Eltern und ihre Kinder

Die Liebe zum eigenen Kind - eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Trotzdem sind viele Eltern verunsichert. Sie fragen sich, ob sie ihrem Kind diese Liebe auch genügend zeigen. Schließlich kennt wohl jede Mutter und auch jeder Vater Augenblicke, wo die Kinder in ihnen vornehmlich Zorn und nicht Liebe auslösen. Nicht schlimm, findet Wolfgang Bergmann. Eltern könnten ruhig mit ihrem Kind schimpfen - solange sie sich auch in solchen Momenten das liebevolle Gefühl bewahrten. "Meckern Sie, wenn Ihr Kind sie angelogen hat - aber achten Sie gleichzeitig darauf, wie lustig die roten Ohren aussehen, die es beim Schwindeln immer bekommt. Das Kind wird es an ihrer Stimme spüren", so der Experte. Nur wenn die Eltern authentisch seien, könnte das Kind ihnen vertrauen - und aus ihrem Beispiel lernen.

"Verwöhnen ist keine Liebe"

Eltern sollten sich auch um ihre Beziehung als Paar kümmern

Daneben fragen sich Eltern aber auch, ob sie in dem Bestreben, ihr Kind in einer liebvollen Atmosphäre aufwachsen zu lassen, es nicht zu sehr verwöhnen. Kein Wunder, schließlich warnen Bestseller-Autoren wie Winterhoff auch vor diesem vermeintlichen Erziehungsfehler. Bergmann stellt denn auch klar: "Verwöhnen ist keine Liebe - oft genug ist es sogar das Gegenteil davon!" Denn: Nach Bergmanns Erfahrung überschütten viele Eltern ihr Kind mit Aufmerksamkeit und Geschenken, weil sie es zu ihrem einzigen Lebensmittelpunkt gemacht haben. Diese Eltern projizierten all ihre Erwartungen und ihren Anspruch an das eigene Glück auf das Kind. "Kindern tut es aber überhaupt nicht gut, derart im Zentrum der Familie zu stehen", ist Wolfgang Bergmann überzeugt.

Im Gegenteil: Diese Kinder wären so auf sich selbst fixiert, dass sie später Schwierigkeiten im Umgang mit anderen hätten - also zu den verwöhnten kleinen Prinzen und Prinzessinnen werden, die Kindergärtnerinnen, Lehrer und auch die Eltern zur Weißglut treiben. Der Appell des Kinderpsychologen an die Eltern lautet daher auch: "Kinder brauchen ein lebendiges Familienleben und müssen bei den Erwachsenen eine vibrierende Lebenslust verspüren. Eltern sollten sich deshalb besser um ihre Beziehung als Paar kümmern als ständig dem Kind die alleinige Aufmerksamkeit zu widmen."

Von:Jennifer Litters, Eva Becker