Wie es ist, als Einzelkind aufzuwachsen
Als Kind wollte ich immer Geschwister - am liebsten einen großen Bruder. So um die zwei Jahre älter sollte er sein, und natürlich einer von der netten Sorte. In den frühen 80er Jahren, in denen ich aufwuchs, waren Kinder ohne Geschwister noch eher die Ausnahme und die Vorurteile gegenüber den angeblich so verzogenen Einzelkindern noch weit verbreitet. Allerdings habe ich mich nie besonders exotisch gefühlt. Und da ich keinen älteren Bruder mehr bekam, mussten halt meine Cousins und Cousinen als Ersatz-Geschwister herhalten.
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An dieser Stelle muss ich meinen Eltern mal ein ganz dickes Lob aussprechen: Auch wenn ich ihr sehnsüchtig gewünschtes, einziges Kind war, haben sie mich nicht in Watte gepackt und mir auch nicht jede Extrawurst gebraten. Im Gegenteil: So manches Mal hat mich meine Mutter sogar regelrecht zu Nachbarschaftskindern geschubst, damit ich nicht zum eigenbrötlerischen Stubenhocker werde. Und als später alle Schulfreundinnen in sündhaft teuren Marken-Klamotten rumliefen, musste ich mein Outfit mühsam vom Taschengeld absparen.
Kurz: Ich kann ohne falsche Bescheidenheit sagen, dass ich nicht zu den verwöhnten Einzelkindern gehöre. Ich habe viele Freunde, kann wunderbar teilen (okay, Wassermännern sagt man auch nach, dass sie so lange teilen, bis sie selbst nichts mehr haben) und bestätige auch amerikanische Studien, nach denen Einzelkinder sogar selbstkritischer sind als Geschwisterkinder.
Woran man erwachsene Einzelkinder erkennt
Trotzdem habe ich im Laufe der Zeit einige untrügliche Anzeichen dafür an mir entdeckt, dass ich keine Geschwister habe - und die ich übrigens an ebenfalls bruder- und schwesterlosen Freundinnen feststellen kann. Dazu gehören der Hang, jeden lapidar dahin gesagten Satz auf sich zu beziehen, ebenso wie die zunehmende Unruhe nach drei Tagen Urlaub mit Freunden in einer Ferienwohnung ohne Rückzugsmöglichkeit.
Absolut sicher herausfinden, ob jemand ein Einzelkind ist oder nicht, kann man beim gemeinsamen Essen. Achten Sie mal drauf: Erwachsene, die Geschwister haben (vor allem Männer), stürzen sich auf den Teller mit den Filets, als müssten sie ihre Beute vor einem ganzen Rudel hungriger Wölfe in Sicherheit bringen. Die Einzelkinder in der Runde jedoch lassen von ihrer fachmännisch geviertelten Pizza grundsätzlich das Stück über, das am schönsten belegt ist. So können sie sich das ganze Essen über darauf freuen - dass es dann längst kalt ist, macht nichts. Kein Wunder, schließlich hat ihnen nie ein fieser Bruder oder eine zickige Schwester das beste Stück triumphierend vor der Nase weggeschnappt. Sie konnten sich beim Essen stets alle Zeit der Welt lassen.
Aber wehe, ein leichtsinniger Mensch mit Geschwistern greift gegen Ende des Essens mit den Worten "Ich klau' mir noch mal eine, okay?" nach einer der letzten drei Pommes frites auf dem Teller (die natürlich die schönste Form und die goldenste Kruste aufweisen) - das erwachsene Einzelkind wird sich kaum beherrschen können, dem frechen Dieb nicht mit aller Kraft die Gabel in die vorwitzige Hand zu rammen!
Wie hat Sie das Aufwachsen ohne Geschwister geprägt?
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Ich bin eigentlich kein klassisches Einzelkind (mein Bruder ist fast 10 Jahre jünger als ich), dennoch habe ich einige der im Artikel angeführten "Merkmale" auch bei mir wieder gefunden. Heute hab ich zu meinem Bruder ein tolles Verhältnis, aber so richtig konnten wir in den ersten Jahren nichts miteinander anfangen. Ganz tief drin bin ich wohl doch das Einzelkind geblieben. Für mich war daher eigentlich schon immer klar, dass ich später nicht nur ein Kind haben möchte. Inzwischen toben bei uns eine 5-jährige und ein 2-jähriger durchs Haus. Und obwohl sie sich manchmal nur in den Haaren haben, bin ich froh, dass keiner der beiden alleine sein muss. Und unser Kleiner himmelt seine große Schwester absolut an und will einfach nur mitmachen. Das hätte ich mir als Kind doch auch gewünscht. Alleine mit den Eltern in Urlaub zu fahren und keinen zum Spielen dabei zu haben ist nicht immer schön. Wir überlegen uns inzwischen auch, ob wir´s nicht noch mit einem dritten Kind versuchen wollen...
Ich will mich hier auch als Einzelkind outen. Meine Mutter ist leider einige Monate meiner Geburt an Krebs verstorben. Mittlerweile hat mein Vater wieder geheiratet, wobei er einen Stiefbruder mit in die Ehe brachte, aber meine Kindheit verlebte ich als Einzelkind. Ich denke schon, dass das geschwisterlose Dasein meinen Charakter geprägt hat: Irgendwie habe ich ein geringeres Selbstbewusstsein, gehe nicht so unbefangen auf andere zu (Freunde hatte ich immer, aber nie unendlich viele Kontakte) und bin ungewollt manchmal misstrauisch gegenüber anderen, verstehe also vieles fälschlich negativ ("der Hang, jeden lapidar dahin gesagten Satz auf sich zu beziehen").
Mein Vater, meine liebevollen Großeltern und mein Cousins, Cousinen und Freunde haben mich zwar die Einsamkeit nicht so fühlen lassen, aber ich denke, zu Geschwistern besteht - im Normalfall - einfach noch einmal ein besonderes Verhältnis.
Tja auch ich muss mich hier als unfreiwilliges Einzelkind outen. Meine Eltern waren immer bemüht mir alles zu geben und mir ein schönes Leben zu ermöglichen und dafür bin ich ihnen sehr dankbar.
In meiner Kindheit war ich mit dem Einzilkinddarsein ganz zufrieden. Ich hatte Freunde, meinen Sport und viele (ältere) Cousinen und Cousins.
Doch je älter ich wurde, desto öfter dachte ich darüber nach, wie es mit Geschwistern wäre. Mir gingen meine Eltern mit ihrer Überfürsorglichkeit auf die Nerven. Ich hatte das Gefühl, ich hätte zu Hause keine Luft mehr zum Atmen. Sie waren total auf mich fixiert. Hatten keine eigenen Hobbies. Ich hatte das Gefühl, dass ich gar nicht mein eigenes Leben lebe, sondern nur auf der Welt war um meinen Eltern zu gefallen. Irgendwann bin ich dann mit 19 völlig überstürzt zu meinem damaligen Freund (jetzt mein Mann) gezogen, was meine Eltern in eine tiefe Kriese gestürzt hat. Sie waren der Meinung mein Mann hätte mich ihnen weggenommen. Statt sich für mich zu freuen, haben sie mich für ihren "Verlust" und ihr Unglück verantwortlich gemacht.
Es war für mich als Einzelkind nicht leicht erwachsen zu werden, ohne von Schuldgefühlen erdrückt zu werden.
Heute bin ich selbst Mutter. Und gerade jetzt vermisse ich bei Familienfeiern Geschwister oder Schwägerinnen mit denen ich mich austauschen kann. Mir fehlen Tanten, Onkel und Cousinen / Cousins für meine Tochter. Sie wird nie welch haben und das finde ich sehr traurig.
Ich bin gerade wieder schwanger und hoffe, dass wir meiner Tochter ein gesundes Geschwisterchen schenken können.
ich dachte immer ich wär die einzigste die das beste Stück Pizza zuletzt nimmt, denn ich hab immer nur "Brüder" Freunde gehabt.
Wie schön verstanden zu werden!
*lol* jaja, das mit dem essen stimmt schon. ich bin auch meistens die letzte, die mit dem essen fertig ist, weil ich einfach eine totale genießerin bin. mein freund, der mit drei geschwistern aufgewachsen ist, schlingt alles nur so herunter, das hab ich ihm schon so oft gesagt. grins.
ich bin wie gesagt auch einzelkind (eher unglücklich darüber, denn ich habe sehr gern menschen um mich herum).
woran man heute noch merkt, dass ich einzelkind bin, ist, dass ich mich nie wirklich dazugehörig in einer gruppe fühle. wie hier auch schon erwähnt wurde, war und bin ich immer wieder ein bisschen einsam. familie ist einfach etwas anderes als freunde, und wenn man keine (vollständige) familie hat (meine eltern sind auch getrennt), dann hat man das gefühl dass man nirgends dazu gehört.
naja, das ist wohl ne schlechte seite am einzelkind sein.
das man mehr vom großen kuchen abkriegt, ist da wohl nur ein kleiner trost.
corina
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