Familien in Europa

Türkei: Familienpolitischer Umbruch

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Zwischen Tradition und Moderne

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Dass sich der Ministerpräsident eines Landes seine Gedanken über die richtige Familienpolitik macht, ist normal. Dass er seine Landsleute auffordert, zum Wohle des Staates mindestens drei Kinder in die Welt zu setzen, ist es nicht. Deshalb war der Aufschrei in der Türkei groß, als Regierungschef Recep Tayyip Erdogan öffentlich verkündete, die Türkei brauche mindestens drei Kinder pro Familie, um als Gesellschaft nicht zu vergreisen. Bei bäuerlichen Familien wird Erdogan mit seinem Appell vielleicht noch auf Verständnis treffen – in den Dörfern im Osten des Landes haben Familien nicht selten noch zehn oder zwölf Kinder, bei Vielehen können es über 30 sein.

Städtische Türken wie Rahmine und Ruhsati Tiras in Adana sind aber längst die Mehrheit, und sie haben andere Prioritäten. Sie wollen nicht mehr wie frühere Generationen möglichst viele Kinder bekommen, um ihre Altersversorgung zu sichern. Sie wollen ihren Kindern eine gute Ausbildung ermöglichen. Dafür legen sie sich krumm – auch ohne Hilfe vom Staat.

Alphabetisierung von Mädchen ist immer noch Thema

In der türkischen Familienpolitik ist vieles anders als in europäischen Ländern. Auf manchen Feldern, wie der Alphabetisierung von Mädchen und Frauen, kämpfen türkische Bildungs- und Familienpolitiker noch Schlachten, die in der EU längst geschlagen sind. Doch die Türken holen auf. Insbesondere der wachsende Stellenwert, der in türkischen Familien der Bildung von Mädchen zugemessen wird, dürfte das Land in den kommenden Jahren ziemlich stark verändern.

Die Politik ist auf diesen Wandel nur bedingt vorbereitet. Erdogan steht mit seinem Kinder-Appell in einer langen Tradition einer längst überholten Familienpolitik. So viele Kinder wie möglich für den Aufbau des neuen Staates war in den ersten Jahrzehnten der 1923 gegründeten Republik das Credo. Aber schon in den 1950er Jahren änderte sich das, in den 60ern wurde die Abtreibung erlaubt. Statt der früher üblichen drei Prozent wächst die Bevölkerung der Türkei heute um 1,3 Prozent. Das verlangsamte Tempo hat mit der fortschreitenden Urbanisierung des Landes zu tun, aber auch mit dem steigenden Bildungsniveau und mit Einsichten von Bürgern wie dem Ehepaar Tiras in Adana. Nach einer kürzlich veröffentlichten Studie für die Gleichstellungskommission des türkischen Parlamentes heiraten Türkinnen mit Gymnasial- oder Hochschulabschluss im Durchschnitt mit 24 Jahren und damit fünf Jahre später als Frauen ohne Schulbildung. Und von Letzteren gibt es dank staatlicher und privater Kampagnen in den vergangenen Jahren immer weniger.

Wirtschaftsaufschwung führt zu Geburtenrückgang

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Ironischerweise sind es gerade die Folgen von Erdogans eigener Politik, die das Bevölkerungswachstum in der Türkei zum Kummer des Premiers bremsen. Die Türkei erlebt seit Jahren einen nachhaltigen Wirtschaftsaufschwung, der auch bei Mittelschicht-Familien wie den Tiras bescheidenen Wohlstand schafft. Außerdem werden Bildung und Reformen in den kommenden Jahren die im internationalen Vergleich mit 22 Prozent sehr niedrige Beschäftigungsrate bei Frauen verbessern. Auch bei der Familie Tiras in Adana weiten sich die Horizonte: Die 13-jährige Ceren will Ärztin oder Lehrerin werden. Zwar sind traditionelle Rollenverständnisse in der türkischen Gesellschaft nach wie vor stark – nach einer neuen Studie im Auftrag der Regierung gilt in zwei von drei türkischen Familien immer noch der Mann als Oberhaupt –, doch der Wandel in den vergangenen Jahren war rasant. Vor allem, wenn man bedenkt, dass türkische Frauen erst seit 1992 das Recht haben, sich ohne Erlaubnis ihres Ehemannes einen Job zu suchen.

Ohne Kopftuch bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt

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Bei ihrer Arbeit habe sie festgestellt, dass auch viele Türkinnen aus dem islamisch- konservativen Lager unbedingt arbeiten wollten, sagt die Ankaraner Soziologin Dilek Cindoglu. "Für diese Frauen besteht kein Widerspruch zwischen islamischer Frömmigkeit und der Teilnahme am Arbeitsmarkt." Allerdings werden sie durch das Kopftuchverbot in öffentlichen Institutionen stark behindert. Zwei Drittel aller türkischen Frauen tragen das Kopftuch – doch erst seit ein paar Monaten dürfen Studentinnen mit Kopftuch überhaupt die Hochschulen betreten. In Ämtern, Behörden, Gerichten und ähnlichen Institutionen bleibt es aber verboten – Berufe wie Staatsanwältin, Ärztin im staatlichen Krankenhaus oder Polizistin bleiben den meisten türkischen Frauen daher verwehrt.

Pauken für gute Zukunftschancen

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Ceren Tiras trägt kein Kopftuch. Um ihr Ziel einer Karriere als Ärztin oder Lehrerin verwirklichen zu können, muss sie schon früh mit dem Pauken beginnen. Der türkische Staat schreibt eine achtjährige Schulpflicht vor, die nach Plänen eines Beirats der Regierung bald auf zwölf Jahre angehoben werden könnte. Der Weg zu einer Hochschulausbildung ist aber schon jetzt weit und mühsam. Wie Ceren besucht mehr als eine Million türkische Kinder nach ihrem regulären Schulunterricht eine Paukschule, die sie zunächst auf die Prüfung für den Zugang zum Gymnasium vorbereitet.

Nach der Gymnasialzeit wartet eine weitere Hürde: eine zweistufige Hochschulzugangsprüfung. Das Ergebnis dieser Prüfungen entscheidet nicht nur über den Studienplatz – auf den Prüflingen lasten oft die Hoffnungen einer ganzen Familie. Wenn Sohn oder Tochter einen Platz an einer guten Uni ergattern, ist die Familie möglicherweise auf dem Weg aus der Armut, denn das Einkommen eines Arztes oder Ingenieurs kann helfen, die Lebensbedingungen auf dem anatolischen Land entscheidend zu verbessern.

Kein Wunder, dass an den Prüfungstagen Ausnahmezustand herrscht in der Türkei: Zehntausende Eltern, Geschwister und andere Verwandte der Prüflinge stehen vor den Hörsälen, um die Daumen zu drücken und häufig auch zu beten. Wenn der Test vorüber ist, werden die richtigen Antworten live im Fernsehen veröffentlicht. Die Erstplatzierten werden von den Medien gefeiert wie Stars, geben Interviews und Tipps – und sie werben für jene Paukschule, die ihnen zu dem Erfolg verholfen hat. Denn nicht nur der private Vorbereitungskurs für den Gymnasialzugang, den die 13-jährige Ceren in Adana derzeit besucht, ist für türkische Schüler die Norm. Auch zur Vorbereitung auf den Uni-Zugang ist der Besuch einer "Dershane", einer Paukschule fast obligatorisch. Für Familien wie die Tiras bringen diese Vorbereitungskurse große finanzielle Lasten mit sich.

Während für staatliche Kindergärten, Schulen und Universitäten in der Türkei keine Gebühren anfallen, müssen die privaten Vorbereitungsschulen bezahlt werden. Ein Vorbereitungskurs kann zwischen 1000 und 5000 Euro kosten, viel Geld für eine türkische Durchschnittsfamilie, die wie die Tiras mehr als ein Kind hat. Deshalb stellen Eltern überall im Land ihre eigenen Bedürfnisse zugunsten der Bildungschancen ihrer Kinder zurück. Hilfe vom Staat erwarten sie dabei nicht – aber sie bekommen weniger Kinder. Da kann Erdogan so viel appellieren, wie er will.

Familienvater Ruhsati Tiras über türkische Familienpolitik

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"Es ist nicht so leicht, ein Kind ordentlich aufzuziehen. Deshalb haben wir auch noch nicht entschieden, ob wir ein drittes Kind bekommen wollen. Wenn ich jedes Kind so aufziehen könnte wie diese beiden, dann hätte ich gerne vier oder fünf, aber ich will lieber zwei ordentlich aufgezogene Kinder als mehrere verwahrloste. Was die staatliche Familienpolitik angeht, habe ich keine Klagen. Der Staat soll bedürftigen Familien helfen, aber wir brauchen das nicht. Wenn wir uns Cerens privaten Vorbereitungskurs nicht mehr leisten könnten, würden wir eben das Rauchen aufgeben oder mein Aquarium verkaufen oder mit Rahimes Kunsthandwerk etwas dazuverdienen. Aber die Verantwortung für unsere Kinder tragen wir selbst. Den Leistungsdruck im türkischen Schulsystem finde ich nicht bedenklich: Er bereitet die Kinder beizeiten darauf vor, im Leben etwas zu leisten."

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