Kindergeschichten
Bitte, erzähl mir was!

Können Sie Geschichten erzählen? Geschichten, die Ihr Kind mitgestalten kann? Wir zeigen Ihnen, wie das geht! Wir haben uns mit dem preisgekrönten Geschichtenerfinder Rafik Schami unterhalten, der Ihnen viele Tricks verrät: Von ganz einfachen Geschichten für die Kleinen bis zu Fortsetzungsgeschichten für anspruchsvolle Vorschulkinder.

Zehn Tipps: Geschichten erzählen - leicht gemacht!

Kindergeschichten: Bitte, erzähl mir was!
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  • Als erste Regel gilt: Kinder sind wunderbare und völlig unkritische Zuhörer. Trauen Sie sich ruhig - und verzeihen Sie sich Ungereimtheiten, Wiederholungen und Sprünge in Ihren Geschichten.
  • Zum "Warmwerden" können Sie Geschichten erzählen, die Sie kennen. Märchen eignen sich hier besonders: Dornröschen, Froschkönig, Sterntaler oder Daumerlings Wanderschaft.
  • Kinder freuen sich, wenn in einer Geschichte immer wieder dieselben Elemente vorkommen.
  • Bauen Sie Lieder in Ihre Geschichten ein, wenn Sie Spaß am Singen haben!
  • Kinder lieben es, die Geschichten selbst mitzugestalten. Lassen Sie Ihr Kind zum Beispiel drei Dinge nennen, die in der Geschichte vorkommen sollen. Egal wie unsinnig diese Begriffe erstmal sein mögen - lassen Sie sich drauf ein!
  • Versuchen Sie sich an unterschiedlichen Genres: Märchen, Tiergeschichte, Kindheitserinnerung, ausgeschmücktes Erlebnis aus dem letzten Urlaub oder eine Geschichte mit Kasperl. Vielleicht haben Sie ja sogar Lust auf ein Musical?
  • Wenn Ihnen mal gar nichts einfallen will, erfinden Sie Dinge oder Wörter, die es so eigentlich nicht gibt - und lassen Sie sich dann treiben. Was halten Sie von einem sprechenden Auto, vom Dosenkönig oder von einem Mädchen, das im Land Magula lebt?
  • Was bei Kindern immer gut ankommt: Zaubersteine, Wunscherfüller, Feen, Drachen und natürlich Tiere.
  • Lassen Sie Kinder den Verlauf der Geschichte selbst mitbestimmen: "Was glaubst Du, hat Lukas in der Kiste gefunden?" - Egal, was als Antwort kommt - sie gibt Ihnen die Richtung für die Fortsetzung vor.
  • Bauen Sie Verzierungen ein! Schmücken Sie Ihre Geschichte aus, verwenden Sie Adjektive: das rote Haus, die langsame Schnecke etc.
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Der preisgekrönte Geschichtenerfinder Rafik Schami über die Kunst, Kinder zum Lachen zu bringen

Kindergeschichten: Bitte, erzähl mir was!
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ELTERN: Warum finden es Kinder so toll, wenn Eltern für sie Geschichten erfinden?
Rafik Schami: Weil es ein Spiel ist! Kinder haben Lust am Abtauchen in die Phantasie. Besonders wenn Sie in der Ich-Form erzählen, mögen Kinder das, weil sie in Erwachsenen auf diese Weise ein kleines Wesen entdecken, das auf einmal so groß wie sie selbst ist.

Was sind die besten Themen für Geschichten?
Nehmen Sie Themen, die Ihr Kind gerade beschäftigen: Freundschaft, Spiel, Abenteuer, Träume.Versuchen Sie, die Welt aus dem Blickwinkel des Kindes zu sehen und ignorieren Sie, was nur Erwachsene interessiert.

Zum Beispiel?
Pädagogisch-erzieherische Themen wie gesunde Ernährung - dass ein Kind durch richtiges Essen groß und stark wird.

Wenn ein Kind ein Außenseiter ist - wäre das ein Thema für eine Geschichte oder gilt das auch als pädagogisch-erzieherisch?
Sie können Geschichten schon mit solchen pädagogischen Inhalten verknüpfen. Aber nur, wenn Ihr Kind seine Randstellung tatsächlich beschäftigt. Betonen Sie dabei die Vorteile des Außenseiters: Er ist klein und unauffällig und sieht von außen viel mehr als andere, die mitten im Strudel stecken. Und wenn er sich mit anderen Kleinen und Unauffälligen verbündet, bilden sie eine Gruppe. Und schon haben wir eine Bande und sind am Beginn eines Abenteuers.

Kinder schlagen ja auch selbst Themen vor ...
Und es ist ein schlimmer Fehler, diese lächerlich zu machen,auch wenn sie es sind. Pokmons zum Beispiel: Ich kann sie nicht ausstehen, mein ich auf das Thema einging, verlor es seine Aufdringlichkeit.

Wie schafft man das?
Ich fragte: Was macht ein Pokmon außer schlagen und herumschießen? Emil sagte: Mehr macht es nicht. Ich sagte: Aber ich kenne einen Jungen, der macht noch viel mehr. Einmal war er im Garten, und da hat er einen Ball gefunden, der Ball war merkwürdig. Er funkelte so komisch...

Wie geht es weiter, wenn ich ein Thema habe, das dem Kind am Herzen liegt?
Sie können zum Beispiel abwechselnd erzählen: Jeder denkt sich einen Satz oder einen Abschnitt aus. Aber vorher ist es hilfreich, wenn Sie noch "Personal" erfinden. Dazu können Sie Figuren aus Ihrer Umgebung nehmen: ein Spielzeug, eine Puppe, ein Stofftier, ein Tier, eine Pflanze. Haben Sie ruhig den Mut, die Figur zu wechseln, bis Sie eine gefunden haben, die Ihr Kind liebt.

Kann ich auch von mir erzählen?
Ja, nehmen Sie sich als Vorbild und trauen Sie sich, Ihre Eigenschaften komisch zu überzeichnen. Wenn Ihr Kind lacht, haben Sie gewonnen. Behalten Sie die Figur bei und ändern Sie nicht ständig ihre Eigenschaften. Zum Beispiel: Die kleine Sabine war zierlich, hatte blonde Haare, große grüne Augen und ein ziemlich abstehendes Ohr.

Braucht man ein drolliges Merkmal wie das abstehende Ohr?
Nicht unbedingt, aber wenn es darüber lachen kann, gewinnt das Kind eine Figur lieb und prägt sie sich besser ein. Ein Merkmal, das die Figur unvollkommener macht, macht sie wärmer, und so steht sie dem Kind näher. Wenn eine Figur prinzessinnenhaft ist, mit kleinem Näschen und niedlichen Äuglein, dann wird sie fast engelhaft und nicht mehr spaßig. Aber jedes Kind lacht, wenn ich sage: Mein Freund hatte schon als Kind sooo große Füße, er musste sie beim Schlafen durchs Fenster strecken.

Wenn ich das Thema und die Hauptperson habe, wie finde ich nun den Anfang einer Geschichte?
Am besten fängt das Kind an. Es hat eine wahnsinnige Phantasie,weil es noch keine Bremsen im Kopf hat.

Wie bringe ich mein Kind zum Erzählen?
Indem Sie Neugier und Offenheit zeigen: Ihr Interesse an seinen Gedanken kitzelt ihm die Worte aus dem Mund heraus. Aber bitte: Tun Sie nie so, als ob Sie zuhören - Kinder merken das, und es tötet ihre Lust am Erzählen.

Warum ist es wichtig, dass ein Kind Geschichten erzählt?
Weil das so ist, als ob ein Bildhauer Rundungen in den Stein schlägt. Beim Sprechen entstehen solche Rundungen, indem das Kind die Worte benutzt, seinen Gedanken Gestalt und Konturen aus Buchstaben gibt. Ein Kind, das nur brav zuhört, aber nie den Mund aufmacht, hat wenige Möglichkeiten, seine Sprachfähigkeiten zu schleifen. Der allertollste Gedanke ist aber nichts, wenn er nicht formuliert wird.

Entwickeln sich Geschichten leichter, wenn sie immer am selben Ort spielen?
Nein, das engt die Phantasie ein. Geschichten geschehen überall: auf der Straße, im Garten, im Kindergarten. Und jede Figur kann überall hingehen.

Wie lang soll eine Erzählung sein?
Für kleine Kinder bis zu etwa sechs Jahren nicht länger als 15 Minuten.

Was tue ich, wenn mir nichts einfällt, wie die Handlung weitergehen soll?
Dann haben Sie zwei Möglichkeiten:Sie borgen sich etwas aus der Literatur und lassen Ihre Figur mit einer ihrem Kind vertrauten Figur aus einer anderen Geschichte zusammentreffen - zum Beispiel mit Lars dem Eisbären oder Mogli aus dem Dschungelbuch. Oder Sie unterbrechen die Geschichte, um später eine Fortsetzung zu erzählen. Aus der Unterbrechung kann eine kleine Gedächtnisübung werden: Erinnerst du dich? Wir haben vor zwei Wochen doch eine Geschichte erfunden über ein Mädchen, das am Bahnhof steht - wir wussten nicht, wie es weitergeht. Was hältst du davon, dass ein alter Mann es fragt: "Was willst du denn hier?" Und das Mädchen zuckt zusammen und sagt: "Wie bitte?" Und der Mann sagt: "Was willst du denn, du suchst doch was?" Und das Mädchen sieht, dass der Mann hinter seinem Rücken etwas in der Hand hält ...

Wie soll eine Geschichte enden?
Immer auf dem Höhepunkt, immer bevor die Neugier des Kindes befriedigt ist - das erzeugt Hunger nach mehr. Dann sagt Ihr Kind: Bitte, noch ein Stückchen! Und Sie verschieben die Fortsetzung auf den nächsten Tag. Und so geht das Erzählen immer weiter.

Geschichten zum Abtauchen

Kindergeschichten: Bitte, erzähl mir was!

Rafik Schami ist ein Verführer. Seine preisgekrönten Geschichten verlocken Kinder wie Erwachsene zum ausgiebigen Schmökern. Viele Erzählungen spielen in seiner syrischen Geburtsstadt Damaskus und sind wie ein unendlicher Phantasie-Kranz miteinander verflochten. In "Erzähler der Nacht" (Beltz & Gelberg, 7, 90 Euro) etwa verstummt der Kutscher Salim plötzlich. Seine Freunde erlösen ihn, indem sie ihm Geschichten aus ihrem Leben erzählen. Heute schreibt Schami, der seit 1971 in Deutschland lebt, gern über das Verhältnis zwischen Ausländern und Deutschen, zum Beispiel in "Wie ich Papa die Angst vor Fremden nahm" (ab 5 Jahre, Hanser, 12,90 Euro).

Von:Benita Wintermantel, Sabine Laerum