Heiraten

Die nervigsten Hochzeitsgäste

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Onkel Walter oder "Bier und 'nen Appelkorn, schalalala …"


Schon gefühlte drei Minuten nach Beginn des Sektempfangs - es haben noch nicht mal alle Gäste dem Brautpaar gratuliert - färbt sich die Halbglatze von Onkel Walter bereits bedenklich rot. Liegt’s an der Sonne? Schon möglich. Liegt’s am Sekt? Ziemlich sicher. Onkel Walter ist nämlich einer jener Zeitgenossen, die zwar bei jeder Gelegenheit ein Bierchen kippen - und das schon seit 45 Jahren - bei denen der Alkohol aber dennoch wie bei einem 14-jährigen Pfadfinder sekundenschnell wirkt. Deswegen nimmt die Metamorphose von Onkel Walter leider schon am Nachmittag ihren unheilvollen Lauf. Würde man ihn nicht an dem roten Kopf erkennen, könnte man ihn immer noch ziemlich eindeutig lokalisieren. Er hält sich genau dort auf, von wo in regelmäßigen Abständen ein dröhnendes "Hohoho" herüber schwappt - in den meisten Fällen hervorgerufen durch billige Blondinen-Witze oder anderen Humor-Fusel. Zu diesem Zeitpunkt ist Onkel Walter aber noch halbwegs zu ertragen, denn
1.) er steht noch sicher auf beiden Beinen
und 2.) er hält sich in Männerkreisen auf.

Na Määädche, sollen wir a Dänzchen wagen?

Beides wird sich im Laufe des Abends ändern - was dem Bewegungs- und Kommunikationsdrang von Onkel Walter aber leider keinen Abbruch tun wird. Im Gegensatz zu Leuten, die nach der Feststellung, dass die Beine nachgeben, lieber sitzen bleiben, meint Onkel Walter nämlich: "Jetzt erst recht!" Und so wird er in den kommenden Stunden von Stehtisch zu Stehtisch taumeln, mit gezielt gestreuten Kommentaren wie "Na Määädche, sollen wir a Dänzchen wagen?" oder "Mensch Nadindche, du bist aber groß gewodde" den weiblichen Nachwuchs nerven, diverse Wein- und Biergläser mittels ausfallender Armbewegungen umkippen und erst in den frühen Morgenstunden samt Tischdecke gen Parkett gleiten, um dort zufrieden schnarchend einzuschlummern.

Sabine oder "Uups, der Brautstrauß!"

Ach ja, Sabine! Sie freut sich auf die Hochzeit, wirklich. Schade nur, dass es nicht ihre eigene ist. Verdient hätte sie es doch, so viele Fürbitten hat sie schon vorgetragen, Tauben fliegen lassen, Luftballons in den Himmel geschickt, Lieder vorgetragen, Beiträge für Hochzeitszeitungen geschrieben und, und, und. Wäre da nur nicht Matthias, ihr Freund - wohlgemerkt Freund, nicht Verlobter, denn da stellt er sich etwas an. Dass Sabine "will", müsste er eigentlich langsam mal gemerkt haben, denn von fast jeder Hochzeit trägt Sabine eine Trophäe mit nach Hause: den von ihr gefangenen Brautstrauß, der - und das weiß mittlerweile sicher auch Matthias - ja durch Zufall der nächsten Braut zufliegt. Bei Sabine will das Prinzip nur leider nicht funktionieren. Matthias bleibt stur.

Sabine prüft die Windrichtung - manchmal bleibt ihr aber nur der Hechtsprung

Und was macht Sabine? Sie fängt tapfer weiter. Vereinbart mit der Braut, dass sie ihr, und nur ihr den Strauß zuwirft, stellt komplizierte Flugmessungen an, prüft am Morgen die Windrichtung und baut sich dann an strategischer Position auf. Meistens funktioniert ihr Plan, wenn nicht, dann bleibt ihr nur noch der spontane Hechtsprung. So oder so wird Sabine nach erfolgreichem Fang dann ihr gekonnt erstauntes Gesicht aufsetzen, "Uups, der Brautstrauß" sagen und dabei zu Matthias rüber schielen, der sich aber in Erwartung des Dramas schon vom Ort des Geschehens entfernt haben wird. Und wir, die das Schauspiel immer und immer wieder beobachten müssen, würden am liebsten laut schreien "Matthias, erlöse uns!"

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