Familie
Müttersorgen und Väterfrust - alles "Kinderkacke"?

Julia über ihr neues Leben als Mutter

"Seit der Geburt meiner Kinder weiß ich, was ich in jedem Fall bin: Mutter. Der Krabbelkurs sagt es mir, die Werbung der Drogeriekette, die Vorabendserie, die Spielzeugindustrie und die Babynahrungskonzerne. Die Bäckerin um die Ecke und meine Eltern und Schwiegereltern. Leider auch gleichaltrige Mütter. Das Spiel mit den wunderbaren Möglichkeiten des Lebens hatte mir besser gefallen. Ich würde es gerne weiterspielen. Aber von meiner Umwelt gibt es so einen verdammten Fixierungswahn auf mein Muttersein. Als ob es nur die Alternative Mutter oder eben alles andere gäbe. Muttersein ist einzigartig und steht für sich, es verträgt sich nicht mit schlauen Gesprächen, einem Arbeitsalltag im Büro, einer Gehaltsdebatte, einer ordentlichen Sauferei am Vorabend. Es fragt einfach niemand mehr nach diesen Dingen, die mein Leben vorher bestimmt haben, als ob es dieses Leben selbstverständlich nicht mehr gibt. Die meisten Leute fragen mich ausschließlich nach meinen Kindern, und ihr verzücktes 'Ah!' und 'Oh!' bilden ein monotones, nie abreißendes Hintergrundrauschen. Jemand sagt: "Mit dem Lesen ist es auch erst mal vorbei." Das Gefühl der intellektuellen Herablassung schleicht sich ein, was mir ganz und gar nicht gefällt. Also bemühe ich mich. Während des sechsmonatigen Stillens lese ich Guido Knopps Hitler-Biographie durch und versuche mich wie früher über den neuesten Underground-Horrorfilm aus Fernost zu unterhalten, der in einem kleinen Programmkino läuft. Aber die Fassade bröckelt. Als ich zum hundertsten Mal stoisch gefragt werde, wie oft mein Baby in der Nacht denn 'kommt', knicke ich ein und philosophiere über blähfreies Gemüse und Biobaumwollhemdchen (...)

Vieles, was der landläufigen Meinung nach mit Muttersein zu tun hat, macht mich aggressiv. Der Aufdruck auf der Breipackung zum Beispiel. Da gibt es eine 'Mama-Hotline' zum Thema Kinderernährung. Wenn es schon so dümmlich formuliert wird, warum nicht auch Papa-Hotline? (...)

Ich lese eine Anzeige, in der es um ein neues Buch geht: Mutterliebe - das stärkste Gefühl der Welt. Und sitzen im so genannten 'Mutter-Kind-Abteil' im Zug nur Mütter mit ihren Kleinen drin, keine Väter, Omas oder Opas, Onkel oder Tanten? Warum spricht man nicht vom 'Eltern-Kind-Abteil' oder 'Kinderabteil'? Man kann das kleinlich nennen, aber es handelt sich hier um die konsequente Unsichtbarmachung anderer Bezugspersonen als der Mutter."

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