Bildungspolitik

Sollen Eltern Kitas und Schulen verklagen können?

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Wie können sich Eltern gegen schlechte Erzieherinnen und Schulen wehren?


Dr. Martin R. Textor ist Diplom-Pädagoge. Der Autor und Herausgeber zahlreicher Fachbücher leitet zusammen mit seiner Frau das Institut für Pädagogik und Zukunftsforschung in Würzburg (www.ipzf.de). Oliver Steinbach, stellvertretebder ELTERN-Chefredakteur sprach mit ihm über den Zustand des deutschen Bildungssystems und die geringen Einflussmöglichkeiten, die Väter und Mütter haben - ein Interview, das interessante Denkanstöße liefert.

Deshalb möchten wir von Ihnen wissen: Was sagen Sie zu den Vorschlägen des Experten? Halten Sie es für realistisch, dass Eltern eine bessere Betreuung ihrer Kinder rechtlich einfordern können? Oder haben Sie angesichts der fortdauernden Misere im föderalen Bildungssystem längt resiginiert? Schreiben Sie Ihre Meinung, indem Sie unten einen Kommentar zu dem Interview posten!

Interview mit Martin Textor: "Erziehung und Bildung sind Dienstleistungen"

Wann hat Ihrer Meinung nach das Bildungssystem versagt?
Wenn Erzieherinnen bei einem Zweieinhalbjährigen zum Beispiel eine Hör-Behinderung nicht festgestellt haben, obwohl sie das Kind schon seit einem Jahr betreuen. Oder: Wenn ein Sechsjähriger - gleich welcher Herkunft - bei der Einschulung die deutsche Sprache noch nicht beherrscht. In diesem Fall hat der Kindergarten offenbar bei der Sprachförderung versagt - oder das zuständige Ministerium, das die notwendigen Rahmenbedingungen nicht geschaffen hat.

Wie sind Sie darauf gekommen, einen Rechtsanspruch auf Entschädigung zu fordern?
In den vergangenen 50 Jahren sind Erziehung und Bildung immer mehr vergesellschaftet worden: Heute besuchen fast alle Drei- bis Fünfjährigen den Kindergarten - zunehmend ganztags. Nur noch ein Viertel der Kinder wird für weniger als fünf Stunden betreut. Immer mehr Ein- und Zweijährige sind in einer Tagesbetreuung. Schon ganz kleine Kinder verbringen inzwischen mehr wache Zeit in öffentlichen Einrichtungen als in ihren Familien. In der öffentlichen Wahrnehmung sind Tagesstätten nicht mehr familienergänzendes Angebot für die soziale Erziehung, sondern Bildungseinrichtungen. Die Bildungspläne der Länder, die in den letzten Jahren wirksam geworden sind, unterstreichen das.

Ist das eine negative Entwicklung?
Ich will das gar nicht werten - diese Entwicklung ist unaufhaltsam und in allen hoch entwickelten Ländern zu beobachten. Nur: Gleichzeitig macht unsere Gesellschaft die Eltern immer noch für alles verantwortlich. Aber je weniger Zeit Mütter und Väter mit ihren Kindern verbringen, desto geringer wird ihr Einfluss auf deren Entwicklung und Bildung. Und trotzdem sollen sie schuld sein, wenn es in der Schule schlecht läuft? Das kann nicht richtig sein! Je mehr Erziehung und Bildung vergesellschaftet werden, je umfassender der Staat in Bildungsplänen den Auftrag von Kindergarten und Schule definiert, je mehr er sich also Chancengerechtigkeit auf die Fahnen schreibt, desto, desto mehr Verantwortung trägt er auch für die Entwicklung jedes Kindes. Es ist höchste Zeit, dass die Politik dazu steht!

Warum genügt es nicht, dass die Politiker die Möglichkeiten für eine gute Bildung bereitstellen?
Der Staat schafft die öffentlichen Einrichtungen - mit Staat meine ich Bund, Länder und Kommunen. Der Staat setzt Fachkräfte ein, von denen man, anders als von Eltern, eine professionelle Dienstleistung erwarten kann. Damit ist der Staat, finde ich, zumindest mitverantwortlich, wenn ein Kind sich nicht seiner Begabung entsprechend entwickelt oder verhaltensauffällig wird. Außerdem zahlen Eltern über Steuern und Sozialabgaben ja auch für diese Dienstleistung - und für Kindergarten und Krippe meist zusätzlich direkt über die Gebühren. Und am Ende finanzieren wir Steuerzahler außerdem all die Maßnahmen, die nötig werden, wenn etwas schiefläuft bei der Bildung: wenn ein Jugendlicher die Schule nicht abschließt und deswegen auf Dauer keine Arbeit findet, wenn er mangels Perspektive mit dem Gesetz in Konflikt gerät oder unter psychischen Problemen leidet.

Unsere Gesellschaft macht immer noch die Eltern für alles verantwortlich!

In welcher Form sollten Eltern ihre Ansprüche einfordern können?
Erziehung und Bildung sind letztlich Dienstleistungen. Da sollte es sein wie in anderen Branchen auch: Wenn die erbrachten Leistungen nicht den Vorgaben beziehungsweise einem festgelegten Standard entsprechen, hat der Kunde Anspruch auf Entschädigung. Die könnte finanzieller Natur sein, also zum Beispiel eine Art Schmerzensgeld, wenn ein Kind in der Schule schwer verhaltensauffällig geworden ist und die ganze Familie darunter leidet. Oder die Betroffenen erhalten Unterstützung in Form besonderer Förderung, was natürlich sinnvoller wäre.

Wie kann diese Förderung aussehen?
Sie sollte weit über die heute möglichen Maßnahmen der Frühförderung, Umschulung, Jugendsozialarbeit hinausgehen. Ich denke da an eine intensive individuelle Förderung: Wenn eine musikalische Hochbegabung beispielsweise erst in der siebten Klasse entdeckt wird, sollten die Eltern hochwertigen Musikunterricht finanziert bekommen.

Gegen wen würde sich der Anspruch auf Entschädigung richten? An die Erzieherinnen und Lehrer?
Nein, der Anspruch sollte nur gegenüber dem Staat bestehen. Er ist schließlich für die Aus- und Fortbildung dieser Personen zuständig. Und für die Rahmenbedingungen, die eine gute pädagogische Arbeit erst ermöglichen.

Ein praktisches Problem: Wer soll das Versagen diagnostizieren? Wie lassen sich Schuld des Staates und Faktoren wie Elternhaus, Gesundheit trennen?
Das wird mal leichter, mal schwieriger sein. Liegen Schulleistungen weit unter dem Niveau, das nach dem IQ zu erwarten wäre, muss die Schule das erklären. Dasselbe gilt, wenn Psychologen bei einem Kind Schulangst diagnostizieren oder ein Schüler eindeutig beschreiben kann, dass er gemobbt wurde.

Nehmen wir an, Ihre Forderungen würden Wirklichkeit: Was hätte das für Folgen?
Eine Haftung des Staates würde den Druck erhöhen, die Bildungsqualität in Deutschland zu verbessern. Die Politik hätte dann größtes Interesse daran, mehr für die Aus- und Fortbildung des Kindergarten- und Schulpersonals zu tun, Gruppengrößen zu reduzieren und dem Personal mehr Zeit fürs einzelne Kind zuzugestehen - für seine individuelle Förderung und vor allem auch für die sozialemotionale Zuwendung. Die ist besonders bei Kleinkindern wichtige Vorbedingung für eine positive Entwicklung.

von Oliver Steinbach


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  • von Ljiljana Huhle am 22. Februar 2013, 16:37 Uhr

    Wenn der Staat die Verantwortung für die Kinder ab dem Krippenalter übernimmt, muss dieser auch dafür sorgen, dass jedes Kind wohlerzogen nach Hause kommt und dass es mit dem Schulerfolg klappt. Wenn Mütter gezwungen werden, ihre Säuglinge nach einem Jahr in der Krippe abzulegen, um ihren Arbeitsplatz behalten zu dürfen, ist das eine verfehlte Familienpolitik, die gestraft werden muss. Statt Krippengarantie, sollten die Eltern Erziehungsurlaub bis zur Einschulung nehmen dürfen. Ab der Einschulung muss die Unterrichtsversorgung sichergestellt sein und eine Betreuugsmöglichkeit nach dem Unterricht zur Verfügung stehen. Mit dieser Maßnahme erübrigen sich Krippen und die Eltern-Kind-Bindung bleibt erhalten. Weiterhin sollt die Politik Einfluss nehmen auf die Einstellung der Unternehmen, die Mütter auch nach einer längeren Erziehungspause gerne wieder einstellen sollten.


  • von johnny am 28. Oktober 2010, 21:49 Uhr

    Beim Lesen dieses Artikels im Zug habe ich so entgeistert geschaut, dass mehrere fremde Mitfahrer sich nach meinem befinden erkundigten. Unglaublich! Kann jemand das ernst meinen? Ich bin bis jetzt unsicher, ob dieser Artikel nur schocken und eine gesellschaftliche Kritik darstellen soll. In Deutschland herrscht ein bemerkenswerter und gefährlicher Trend Verantwortung an das Kollektiv zu übertragen. Wenn das nun auch schon für die Verantwortung der Erziehung unserer Kinder gilt, ist jeder freiheitliche Gedanke an Eigenverantwortung gestorben.


  • von paulesmama am 27. Oktober 2010, 10:00 Uhr

    Ich finde die Idee toll! Als Erzieherin und als Mutter finde ich es teilweise erschreckend, was unseren Kindern zugemutet wird. Da sollen sich drei Pädagogen gut um 25 Unter-Dreijährige kümmeren; Kinder einer Kitagruppe werden auf andere Gruppen verteilt, weil nicht genug Erzieher da sind; eine Erzieherin die Kinder haut und beschimpft wird in eine andere Kita versetzt, weil sie nicht entlassen werden darf. Wer schützt eigentlich unsere Kinder?
    Nach einem Elternjahr müssen die meisten Eltern wieder arbeiten gehen und können ihr Kind somit nicht ausschließlich selbst erziehen, betreuen und für es da sein. Ab dem Schulalter ist jeder verpflichtet sein Kind abzugeben und ja es ist richtig, dass wir Eltern die VERANTWORTUNG für unsere Kinder haben, und genau deshalb verlange ich, dass meine Kinder gut betreut werden und wenn es sein muss, klage ich das auch ein!


  • von loumas am 26. Oktober 2010, 20:37 Uhr

    Spätestens seitdem es eine allgemeine Schulpflicht gibt, hat sich die Verantwortung für die Erziehungsleistung etwas verlagert. Wenn ich die Pflicht habe, mein Kind zur Schule zu schicken, habe ich eben auch damit verbunden Rechte, z.B. auf eine ordentliche Bildungs- und Erziehungsleistung.
    Ich möchte niemals die Verantwortung ganz auf eine Einrichtung abwälzen. Viele Eltern sehen ihre Kinder max. 2-3 Std./Tag schlicht und einfach aus dem Grund, weil die Eltern arbeiten gehen müssen. Für Betreuung, Bildung und Erziehung bin ich somit gezwungen, mir eine Dienstleistung einzukaufenn. Da kann es schon schnell passieren, dass man wochentags mit seinen Kindern max. 3 Stunden am Tag verbringen kann.
    Ein gesellschaftliches Problem: Wie soll Familie aussehen? Dürfen/müssen beide Elternteile arbeiten? Inwieweit kann man Job/Erziehung gerecht werden?
    Das Interview kratzt nur am Dilemma, ist es aber allemal wert, darüber zu diskutieren und den Faden weiter zu spinnen...


  • von Nicole Delenk am 26. Oktober 2010, 13:05 Uhr

    Wieso denn wieder der Staat? Meines Wissens nach, haben nicht die Schulen die Hauptaufgabe der Erziehung, sondern immer noch die Eltern! Die Kompetenzen der Lehrer sollten hauptsächlich in der Wissensvermittlung liegen - natürlich auch ein Miteinander in der Gruppe, die soziale Kompetenz der Schüler entsprechend fördern / trainieren.
    Aber: Anstand, Moral, Fleiß und Eigenverantwortung liegt immer noch im Aufgabenbereich der Eltern. Lehrer können nicht zusätzlich zum Lehrplan auch noch Erziehungsdefizite der Eltern ausgleichen. Dafür sind sie nicht ausgebildet.
    Oder kommen Schulen auf die Idee, Schüler nicht mehr zu unterrichten, weil sie von ihren Eltern nicht die nötigen Verhaltensweisen erlernt haben?


(8 Kommentare)

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