Wahl-Studie 2017
 
Freiheit, bitte! Was Eltern wollen

Am 24. September wählen wir einen neuen Bundestag. Die Parteien überschlagen sich mit Versprechungen für bessere Familienförderung – von kostenlosen Kitas bis Kindergrundsicherung. Aber: Was wollen Mütter und Väter wirklich? Wie leben, wie arbeiten sie? Wo brauchen sie Unterstützung? In einer repräsentativen ELTERN-Studie mit Kantar Emnid haben wir das untersucht. Die Ergebnisse überraschen. Acht Annahmen – und wie es wirklich ist.

Homeoffice mit Kind
iStock, Georgijevic

1. Annahme

Manometer: Der Druck auf Familien hat zugenommen, sagen aller Mütter und Väter in Deutschland.

Familien haben heute weniger Druck – dank Ausbau der Kinderbetreuung.
Wahr ist das Gegenteil: 87 Prozent der Befragten finden, der Druck auf Familien hat eher zugenommen.

Im Detail: Professor Barbara Thiessen, die Prodekanin der Fakultät Soziale Arbeit der Hochschule Landshut, hat eine Vermutung, warum das so ist: „Bedeutsam scheint mir, dass ein Missverhältnis zwischen dem Angebot in der Kindertagesbetreuung und dem tatsächlichen Bedarf der Eltern existiert: Je mehr Angebote es gibt, desto höher wird der Bedarf, vor allem in Westdeutschland. Der Mangel bleibt also. Gleichzeitig wächst mit dem gestiegenen Angebot an Kindertagesbetreuung der Druck auf Mütter, frühzeitig wieder in den Beruf einzusteigen.“
Tatsächlich spüren Frauen den Druck auch stärker – 54 Prozent stimmen dem voll und ganz zu, bei den Männern sind es 40 Prozent. „Stimme überwiegend zu“ sagen 35 Prozent der Frauen und 44 Prozent der Männer. Weiteres bemerkenswertes Detail: 86 Prozent aller Befragten sind der Meinung, Familien müssten sich heute eher dem Arbeitsmarkt anpassen als umgekehrt.

2. Annahme

Berufstätige Frauen mit Kind werden immer noch als Rabenmütter betrachtet.
Die Zahlen zeigen: Es läuft eher andersherum – 84 Prozent der Befragten sagen, es werde von ihnen erwartet, ihr Kind möglichst früh in einer Kita abzugeben.

Im Detail: Warum spüren so viele Eltern diesen Zwang? Professor Barbara Thiessen sagt: „In der Kindererziehung gibt es einen hohen Konformitätsdruck und hohe normative Anforderungen. Kurz gesagt: Wir bewegen uns hier in einem Minenfeld. Es so zu machen wie die Nachbarin, Schwägerin oder Freundin, scheint ein Ausweg zu sein. Das war lange Zeit der Verzicht auf eigene Berufstätigkeit. Nun aber entspricht die möglichst frühzeitige Rückkehr an den Erwerbsarbeitsplatz offenbar der Norm einer ,guten Mutter‘. Gleichzeitig wissen wir aber auch, dass viele Paare mit Kindern keine Wahl haben: Durch den Rückgang der Löhne seit den 2000er-Jahren braucht es oft zwei Einkommen.“

3. Annahme

FAMILY FIRST! 93 Prozent sagen, dass ein Vater sehr gut oder gut für ein Kind bis zu zwölf Monaten sorgen kann. Der Unterschied zur Mutter – bei ihr sind es 96 Prozent – ist damit gering. Auf Platz 3: die Großeltern. Dass sie top sind, finden 78 Prozent.

Mütter wollen immer früher zurück in den Beruf.
Die Zahlen zeigen: Nein, die Mehrheit findet es sinnvoll zu warten, bis das Kind eineinhalb bis drei Jahre alt ist. Nur sehr gut ausgebildete, gut verdienende Frauen favorisieren einen früheren Einstieg.

Im Detail: Lediglich elf Prozent der Eltern wollen gleich (nach zwei Monaten oder einem halben Jahr) wieder arbeiten, aber über 51 Prozent finden eine Babypause von zwei Jahren oder mehr richtig. Je höher die Bildung der Frauen, desto früher wollen sie zurück in den Job. Von den Eltern mit den höchsten Nettoeinkommen plädieren 32 Prozent für eine Babypause von etwa einem Jahr, bei den niedrigsten Einkommen sind es zwölf Prozent.
 

4. Annahme

Die Vereinbarkeit von Kind und Beruf hat sich verbessert.
Die Zahlen zeigen: Das stimmt nicht – obwohl man es dank mehr Betreuung und flexibler Arbeitszeitmodelle vermuten könnte.

Im Detail: Unbemerkt von der Öffentlichkeit hat sich in dieser Hinsicht innerhalb der vergangenen vier Jahre eine kleine Revolution vollzogen. In der ELTERN-Wahlstudie von 2013** hatten wir diesen Aspekt schon einmal abgefragt. Damals stellte sich heraus, dass 42 Prozent der Eltern mit der Vereinbarkeit „überhaupt keine“ oder „so gut wie keine“ Probleme haben. Heute sind es nur noch 29 Prozent.
Das bedeutet: Kind und Job gleichzeitig zu wollen und beidem gerecht zu werden, empfinden immer mehr Eltern als immer schwieriger. Professor Barbara Thiessen weiß, warum das so ist: „Die Erwerbsarbeit ist flexibler geworden – aber auf Kosten der Familienzeit. Mit der Digitalisierung sind die Erwartungen gestiegen, beispielsweise die, am Wochenende erreichbar zu sein. Die zunehmend befristeten Beschäftigungsverhältnisse gerade bei jungen Erwachsenen erhöhen den Druck, den Wünschen der Arbeitgeber entgegenzukommen. Da stellt man schon mal übers Wochenende einen Projektbericht fertig – in der Hoffnung, später dauerhaft übernommen zu werden.“ Hinzu komme aber auch noch folgender Aspekt, so die Professorin: „Da vor allem die Erwerbstätigkeit bei westdeutschen Müttern zugenommen hat, die Väter aber – von den häufig genommenen zwei Vätermonaten abgesehen – weitgehend bei ihrer Vollzeitbeschäftigung und Haushaltsabstinenz geblieben sind, haben Mütter größere Schwierigkeiten, Kind und Beruf miteinander zu vereinbaren.“

5. Annahme

Die meisten Eltern wollen eine paritätische Aufgabenteilung.
Die Zahlen zeigen: Das wollen sie nicht, wenn es – entsprechend einem Modell von Familienministerin Manuela Schwesig – bedeutet, dass Mutter und Vater jeweils etwa 30 Stunden pro Woche arbeiten und sich Kinderbetreuung und Haushalt teilen.

Im Detail: Nur 23 Prozent wünschen sich die paritätische 30-30-Lösung. Erstaunlich ist, wie sich die Meinungen hier geändert haben (in unserer Wahlstudie von 2013 hatten wir schon einmal nach den Formen der Arbeitsteilung gefragt): Vor vier Jahren erklärten noch 38 Prozent diese Variante zu ihrem Wunschmodell.
Gleichzeitig wächst die Zustimmung zur traditionellen Aufteilung: 2013 wünschten sich nur sechs Prozent aller Eltern, dass der Mann Vollzeit arbeitet und die Frau nicht berufstätig ist. Heute sind es schon 17 Prozent. Diese Entwicklung ist vor allem bei weniger gebildeten Eltern zu beobachten.
Dass der Mann Vollzeit und die Frau Teilzeit arbeitet, ist übrigens das zurzeit am meisten gelebte Modell (44 Prozent) – und auch das am meisten gewünschte (41 Prozent).
Beobachten wir in Deutschland also eine Retraditionalisierung? Oder haben immer mehr Eltern das Gefühl, überfordert zu sein – von doppelter Arbeitsbelastung, vom ständigen Aushandeln, das die paritätische Aufgabenteilung verlangt? Sehen wir den Wunsch nach klaren Lösungen in einer komplexer werdenden Welt? Das sind Fragen, über die auch Politiker nachdenken müssen.

6. Annahme

Eltern wollen lieber Kinderbetreuung als Geld.
Die Zahlen zeigen: So stimmt das nicht. Fragt man nach den beliebtesten Möglichkeiten der Familienförderung, wird der Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung erst an vierter Stelle genannt.

Im Detail: Bevorzugte Familienleistungen sind die kostenlose Mitversicherung nicht berufstätiger Ehepartner in der Krankenkasse (finden 60 Prozent „sehr wichtig“), ein deutlich höheres Kindergeld (55 Prozent) und der Rechtsanspruch auf Teilzeitarbeit (44 Prozent). Dann kommen der Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung (43 Prozent), der Rechtsanspruch auf die Rückkehr in Vollzeit (42 Prozent) sowie das Ehegattensplitting (38 Prozent). Ein Familiensplitting halten nur 26 Prozent für sehr wichtig. Für Eltern zurzeit nicht oberste Priorität: die verpflichtende Ganztagsschule (16 Prozent).
Wie sich die Zahlen deuten lassen? Vermutlich wollen Eltern vor allem Instrumente, die ihnen die Möglichkeit geben, ihr Lebensmodell den jeweiligen Umständen anzupassen.

7. Annahme

Job oder Familie – Familien haben die Wahl.
Die Zahlen zeigen: Das stimmt nicht. Eine Biografie ohne Berufstätigkeit kann oder will sich heute kaum noch jemand vorstellen. Die Frage ist aber, wann man in den Job zurückkehrt und wie viel man dann arbeitet.

Im Detail: Von unseren repräsentativ befragten 1000 Eltern befinden sich derzeit 181 in Elternzeit, sind nicht berufstätig, arbeitslos oder Hausfrau bzw. Hausmann. Von ihnen wollten wir wissen, ob und wann sie zurück in ihren Job möchten. Nur 22 Prozent planen, innerhalb der nächsten zwölf Monate nicht wieder arbeiten zu gehen. In einen Vollzeitjob wollen allerdings auch nur wenige zurück: acht Prozent.
Fast zwei Drittel (60 Prozent) fühlen sich übrigens nicht frei in ihrer Entscheidung. Die meisten von ihnen meinen, man müsse sich für einen schnellen beruflichen Wiedereinstieg entscheiden, meist aus finanzieller Notwendigkeit.

8. Annahme

Ungeachtet der Tatsache, dass Profiköche in überwältigender Zahl männlich sind, ist das private Kochen nach wie vor Frauensache. 74% der Frauen sind für die Mahlzeiten zuständig - und zwar allein.

Die neuen Väter bringen sich stark in Haushalt und Familie ein.
Die Zahlen sagen: So weit sind wir noch nicht. In den meisten Familien dominiert die klassische Rollenverteilung, die Hausarbeit bleibt in weiten Teilen an den Frauen hängen.

Im Detail: Väter verbringen an einem normalen Werktag im Schnitt 2,4 Stunden mit ihren Kindern, Mütter 4,6 Stunden. Ähnlich sieht es bei den Haushaltsarbeiten aus: Dafür bringen Männer 1,2 Stunden auf, Frauen 2,1 Stunden. Beim Job ist das Verhältnis – wenig überraschend – umgekehrt. Männer sind 7,7 Stunden bei der Arbeit, Frauen 4,1 Stunden.
Auch die Wahrnehmung ist sehr unterschiedlich – wobei man nicht genau weiß, ob die Väter ihren eigenen Beitrag überschätzen oder die Frauen ihn unterschätzen. „Wir machen den Haushalt abwechselnd bzw. beide gemeinsam“, sagen zum Beispiel 41 Prozent der Männer, aber nur 20 Prozent der Frauen. Kurios, oder?

Fazit: Trend zum Neo-Biedermeier

Professor Barbara Thiessen: „Das Familienleben hat an Bedeutung gewonnen – für Frauen wie für Männer. Gleichzeitig wächst der Druck aus der Erwerbsarbeit mit ihren Anforderungen nach mehr Mobilität und Flexibilität, während Unsicherheit und schlechte Entlohnung bis weit in akademische Berufsfelder hinein zunehmen. Das hat zur Folge, dass Menschen sich nach sicheren Beziehungen, gemütlichen Wohnungen und Naturnähe sehnen. Hier kann man von einem Trend zum Neo-Biedermeier sprechen. Tatsächlich sinkt die Heiratsneigung weiter, die Trennungsraten bleiben stabil hoch, und Mütter gehen früher in den Beruf zurück. Das Ideal einer gleichberechtigten Partnerschaft ist ungebrochen, auch bei eher traditionellen Familien.
Hier werden ambivalente Trends sichtbar. Deutlich ist, dass gerade jungen Familien viel zugemutet wird. Der Druck, perfekt gebildete Kinder heranzuziehen, kommt noch hinzu. Es wird Zeit, neu darüber nachzudenken, wie Familien konkret entlastet werden können. Für Eltern, die das wollen, zum Beispiel durch Ganztagsschulen mit sportlichen und musischen Angeboten. Durch die Abschaffung der Hausaufgaben. Ebenso braucht es Familienauszeiten in der immer länger werdenden Lebensarbeitszeit, um für Väter und Mütter, für Töchter und Söhne Raum für Fürsorge zu schaffen.“

* Repräsentative Befragung von Müttern und Vätern mit Kindern bis 10 Jahren, Kantar Emnid
** Repräsentative Befragung von Müttern und Vätern mit Kindern bis 10 Jahren, forsa