Die Geburtstagskiste
Überraschung war gestern

Geburtstagskisten sind wie Hochzeitlisten für Kinder. Das Geburtstagskind sucht sich seine Geschenke selbst aus. Echte Überraschungen gehören der Vergangenheit an. Wie schade, findet unsere Kollegin Sandra Hermes.

Geburtstagkisten sind praktisch, machen aber die Überraschung kaputt
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„Mama, wann gehen wir zu Karstadt und machen meine Kiste?“, ruft meine Tochter. Es sind noch 21 Tage bis zu ihrem Geburtstag und meine Tochter hat meine Dauer-Ermahnung, über ihren Geburtstag erst drei Wochen vorher sprechen zu wollen, nicht vergessen. „Zu Karstadt gehen“, ist neben Einladungskartenschreiben und Geburtstagskuchen aussuchen der wichtigste Schritt im Vorgeburtstagsmarathon. Und wer jetzt denkt, es geht ums Geschenke kaufen, der liegt richtig und falsch zugleich. Bei Karstadt – wie natürlich in vielen anderen hier ungenannten Spielzeuggeschäften – stehen seit einigen Jahren Regalmeter von so genannten Geburtstagskisten. In der Filiale in unserem Stadtteil sind es rund 50 Kisten.

Zwei Wochen vor ihrem Kindergeburtstag hat meine Tochter ihre ungefüllte Kiste schon an der Kasse abgeholt, bevor ich überhaupt in der Spielzeugabteilung angekommen bin. Auf der Geburtstagskiste prangt nun vorne ein Schild mit ihrem Namen und dem Datum des Fests. Gut sichtbar für ihre Gäste, die aus dieser Kiste die Geschenke quasi zugeteilt bekommen.

Und so funktioniert des Kistensystem: Das künftige Geburtstagskind sucht sich in einem Spielzeuggeschäft oder einer Buchhandlung seine Geschenke selbst aus. Diese kommen in die Kiste, die dann neben vielen anderen Boxen gut sichtbar im Geschäft platziert wird. Auf der Einladungskarte nennt das Kind seinen Gästen den Ort seiner Kiste. Die Eltern können mit ihren Kindern nun in das betreffende Geschäft gehen und suchen sich ein Geschenk aus der Kiste aus.

Ich habe Mühe hinterherzukommen, als eine überglückliche Sechsjährige Stofftiere mit Riesenglubschaugen, CDs, Bastelboxen, ein Taschenmesser, diverse Lego-Friends-Bausätze, zwei Puzzle und einen fluoreszierenden Ball in ihre Kiste wirft. Am Ende sortiere ich unter ihrem Protest alles, was über zehn Euro kostet zurück in die Regale.

„Aber Mami, in Bens und in Larissas Kiste waren auch Sachen, die teurer waren!“ Tja, das stimmt leider. Viele Eltern scheinen das ok zu finden. Ich finde es definitiv nicht. Schließlich sind nicht alle Eltern der eingeladenen Kinder Großverdiener. Ohnehin sind Geburtstagskisten in meinen Augen das Ende einer persönlichen Geschenkkultur. Zugegeben, sie sind für die Eltern der kleinen Gäste praktisch, da sie sich keine großen Gedanken machen müssen und einfach das kaufen, was in der Box liegt. Dabei sind es doch die Gedanken, die das Schenken ausmacht. Auch und gerade bei den ganz Kleinen.

Das Kind zu fragen, was es glaubt, über was sich ein anderes freuen würde. Über Vorlieben und Abneigungen nachzudenken oder das andere Kind persönlich anzurufen und es selbst zu fragen. In ein Geschäft fahren und nach einigem Hin und Her ein Geschenk auszusuchen, es später mit einem leichten Kribbeln im Bauch zu überreichen, weil man nicht genau weiß, ob man den Geschmack getroffen hat und sich dann von Herzen mitfreuen, wenn das Geburtstagskind jubelt. Alles passé.

Der Effekt ist derselbe wie bei einer Hochzeitsliste: Nur nichts Unnötiges riskieren, die Kontrolle behalten und echte Überraschungen verhindern. Effizient und praktisch, vorhersehbar und irgendwie traurig.

Wie unpersönlich diese Art des Schenkens ist, stellt sich dann meistens einen Tag nach dem Kindergeburtstag heraus. Auf die Frage, von wem meine Tochter denn das süße Glubschtier bekommen habe, konnte sie nur unwissend den Kopf schütteln. Es war halt in der Kiste. Ob es von Amelie, Leon oder Luisa überreicht wurde, bleibt da nicht mehr in Erinnerung.

Eltern, die auf Geschenkekisten verzichten wollen, drücke ich von Herzen die Daumen und wünsche einen langen Atem. Denn wenn ihr Kind das zweite oder dritte Mal das Kistenprozedere bei einem anderen Kind mitgemacht hat, wird es sich auch wünschen, seine Geschenke selbst aussuchen zu dürfen. Wir haben es bis zum fünften Geburtstag durchgehalten. Jetzt unterliegen wir dem Kistendiktat.
 

Als ich meiner Tochter letztens erzählte, dass ich als Kind früher auch oft ein selbstgemaltes Bild oder einen selbstgebackenen Kuchen geschenkt bekam, schaute sie mich ungläubig an und fragte: Aber Mami, wie kam denn der Kuchen in die Geburtstagskiste?
 

Von:Sandra Hermes12.02.2015