Verflixter Alltag
Wirre Gefühle – von Neid und Missgunst

Da steht sie, die Mutter mit ihrem Einkaufswagen im Supermarkt. Ganz entspannt durchforstet sie die Sonderangebote. Das Baby in der Autoschale schläft tief und fest und lässt sich von den Geräuschen der anderen Kunden nicht irritieren.

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© iStock, vgajic

Und da auf der Straße, da fährt eine andere Mutter ihr Baby im Kinderwagen herum. Es ist wach und schaut ruhig und geduldig in die Welt hinaus. Dort drüben schiebt eine Oma den Kinderwagen herum, während sich die Mutter wahrscheinlich zu Hause ein Bad einlässt oder eine Extra-Portion Schlaf nachholt. Und hier auf dem Spielplatz, da sitzt das Maxi-Baby ganz ruhig auf dem Schlitten und schaut dem bunten Treiben der anderen Kinder zu.

Wenn der Neid dominiert
Es könnten so schöne Momente sein. Das sind sie auch, keine Frage. Doch jedes Mal, wenn ich diese ruhigen, unkomplizierten Babys betrachte und sich mein Herz eigentlich mit gönnerhafter Wärme füllen sollte, schuppst ein unangenehmes Etwas diese Gefühle beiseite. Mein Herz verengt sich und Wut steigt in mir auf. Es ist so irrational und dennoch da. Ich möchte mich so gerne für die Mütter freuen, dass es ihren Kindern so gut geht und sie wahrscheinlich eine wunderschöne Babyzeit miteinander verbringen. Und ich möchte mich freuen mit ihnen, dass sie Verwandte in der Nähe haben, die ihnen das Kind, wenn es hart auf hart kommt, auch einmal abnehmen können. Aber der Neid überspielt alles.

Ja ich bin neidisch auf die Mütter mit ihren scheinbar unkomplizierten Babys. Ich bin neidisch darauf, dass sie im Kinderwagen liegen. Ich bin neidisch darauf, dass sie im Kinderwagen schlafen. Ich bin neidisch darauf, dass sie trotz Lärm um sie herum im Kinderwagen schlafen. Ich bin neidisch darauf, dass sie so ruhig das Tagesgeschehen betrachten, ohne gleich auszuflippen, herumzubrüllen oder zu heulen. Und ich bin neidisch darauf, dass die Eltern Unterstützung haben und die Mütter eben nicht 24 Stunden am Tag für ihr Baby da sein müssen. Ja ich bin neidisch. Und wie.

Warum bin ich neidisch auf andere Babys?
Und dann bin ich wütend auf mich selber und meine Gefühle. Ich fasse es nicht, dass ich nicht einfach den anderen Müttern gönne, was sie haben, so ganz ohne Neid und Missgunst. Warum kann ich das nicht so annehmen, wie es ist? Warum beschäftigt es mich so sehr? Was habe ich hier noch nicht verarbeitet und brodelt da in mir?
Natürlich ist mir die Antwort bereits bewusst: Die Babyzeit mit Wölkchen, die mich oft an meine Grenzen brachte, sowohl körperlich als auch mental, steckt mir immer noch in den Knochen. Und da kann ich mir noch so viel einreden, dass ein High-Need-Kind eigentlich etwas Wunderbares sein kann (was ich auch wirklich glaube!). Aber die Überlastung, die Anstrengung und - das ist es wohl auch - die fehlende Anerkennung für das, was ich und mein Mann in den ersten Monaten mit Wölkchen geleistet haben, das kocht in solchen Momenten hoch. Denn je mehr friedlich schlummernde Babys ich betrachte, desto stärker wird mir der Unterschied zu meinem Kind bewusst. Und je häufiger ich Mütter anschaue, die diese Kinder für selbstverständlich hinnehmen, desto missverstandener fühle ich mich.

Wo ist meine Anerkennung?
Ja ich tue mir selber Leid. Und für dieses Leid suche ich wohl auch jetzt noch, ein Jahr nachdem die schlimmsten Tage überstanden sind, nach einem Trostspender, einem Pflaster, das mir auf meine unsichtbare Wunde geklebt wird. Doch niemand läuft mit einem Verbandskasten für mich durch die Gegend. Niemand sieht mich verdattert neben den Kinderwägen der anderen Mütter stehen, schaut mich an und ruft "Ohhhh, Du hattest das wohl nicht? Komm, lass Dich mal drücken!". Wie sollten sie es auch sehen, auch wenn ich denke, dass es mir manchmal ins Gesicht gemeißelt ist. Wenn man ganz genau hinsieht, oder in Alltagsgesprächen etwas zwischen den Zeilen liest, dann erkennt man vielleicht meinen kleinen Hilfeschrei. Ein Schrei meiner Seele nach Zuwendung und Anerkennung für meine geleistete Arbeit, für meine Aufopferung und bedingungslose Selbstaufgabe. Wo ist meine Parade und mein Konfettiregen?
Nicht da.

Und er wird wohl auch nie kommen. Warum nicht? Weil es niemanden interessiert. Junge Mütter und Väter haben andere Sorgen, als einer anderen Mutter über den Kopf zu tätscheln und sie für ihre getane Arbeit zu loben. Sie stecken doch selber mittendrin. Und Nicht-Eltern wissen erst gar nicht, wovon ich rede. Ich hätte es selber vor der Geburt meiner Kinder doch nicht verstanden. Doch nun weiß ich es. Und ich weiß, ich würde ein offenes Ohr haben für Mütter, denen es ähnlich geht wie mir. Doch auch sie werden wohl nur schweigend neben einem fremden Kinderwagen stehen und ihre Gefühle sortieren. Ganz für sich.
Und so bleibt mir wohl nur die eigene Aufarbeitung des Themas, in Gefühlen, in Gedanken und in Worten, beispielsweise hier auf meinem Blog, meinem ganz persönlichem Seelenklempner .
 

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Von:Wiebke10.02.2017