....als Buchhändlerin erlebt man auch harte Einzelschicksale mit...wir haben eine Kundin (so Mitte 70) die kenne iche jetzt schon seit 10 Jahren.
Sie kauft täglich ihre Herald Tribune bei uns. Wir legen sie ihr immer beiseite, damit sie auf JEDEN FALL eine bekommt und kein anderer Kunder sie wegschnappt.
Sie war schon immer sehr ängstlich und etwas zerstreut.
Seit ca. 1 Jahr ruft sie mindestens einmal morgens im Laden an (oft vor unseren Öffnungszeiten) um a) zu fragen, wann wir öffnen (die Ö-Zeiten haben sich seit 15 jahren nicht geändert) und b) darum zu bitten, das wir ihr eine Zeitung zurück halten.

Seit ca. einen halben Jahr ruft sie auch des öfteren bei einer Kollegin privat zu hause an (die Nummer hat sie aus dem Telefonbuch) und zwar immer dann, wenn sie im Laden niemanden erreicht (weil um 8 Uhr eben noch niemand am Schreibtisch sitzt...) und fragt dann dort nach, wann die Buchhandlung aufmacht und warum denn niemand drangehe...

Heute war sie da und es war wirklich bemitleidenswert schreckelich...die Kollegin hat ihr gesagt, daß sie MORGEN am Dienstag ihre Zeitung bei uns nicht kaufen kann, weil wir wegen Inventur geschlossen haben.
Das hat die arme Dame vollends aus dem Konzept gebracht...sie hat glaube ich 10 mal nachgefragt, wann wir öffnen, wann wir schließen, welcher Tag heute ist, an welchem Tag die Inventur sei, ob wir so Abreißkalender für jeden Tag hätten....aber ungelogen,sie hat dies alles bestimmt 10 mal gefragt und war immer verwirrter.
Dann kam eine Kollegin vorbei, die die Dame auch schon ewig kennt und mit der sie eigentlich immer relativ viel zu zun hatte. Die Kollegin begrüßt sie Kundin mit Namen, wünscht ein Frohes Neues und verschwindet wieder. Völlig verwirrt fragt sie die andere Kollegin, wer das denn gewesen sei...
und in den letzten Wochen klagt sie immer darüber, daß sie ja noch kein neues Geld von ihrem Betreuer bekommen habe.

Man, diese Frau war jahrelang Redakteurin bei der Deutschen Welle, eine weitgereiste, sehr intelligente Frau...und nun verfällt sie geistig komplett :o(
Ich glaube, die werden wir nicht mehr lange bei uns als Kundin begrüßen dürfen.
Sie kommt bestimmt bald in ein Heim.
Sorry, ist lang geworden, aber mich beschäftigt das sehr. Ich hoffe jedesmal, wenn ich sie in der Stadt sehe, daß sie heil wieder nach Hause kommt.