Samstag abends, nachdem der gröbste Teil unseres Umzugs geschafft war, saßen mein Mann, meine Mama (die beim Umzug geholfen hatte) und ich noch zusammen im neuen Wohnzimmer und redeten ein wenig. So gegen Mitternacht machten wir uns dann auf den Weg ins Bett (wir wollten am Sonntag morgen gleich noch den restlichen Kram holen und die wichtigsten Sachen einräumen) und da hatte ich schon leichte Wehen und so ein gefühl, als würde sich da etwas tun.

Um 2 Uhr wurde ich von einer Wehe wach, 10 Minuten später kam die nächste. Es war sehr schwer einzuschätzen, wie stark sie wirklich waren, denn ich hatte jedes Mal geträumt ich hätte Wehen und als ich dann wach wurde, war es nur undeutlich auseinander zu halten was jetzt Traum und was echte Wehe gewesen war. Ich begnügte mich also erst einmal damit, die Abstände zu beobachten. Die nächsten Wehen kamen dann auch jeweils erst eine halbe Stunde später und ich begann zu hoffen, daß ich es noch bis zum Morgen schaffen würde, damit ich den beiden Großen noch selbst sagen konnte, daß das Baby kommt. Denn das es kommen würde, war mir da schon klar. Die Frage war nur noch wann.

Um Viertel nach 5 wurde ich dann wieder von einer Wehe geweckt. Die kam mir nun doch recht stark vor, aber es war wieder mehr als eine halbe Stunde Abstand zur letzten Wehe. Als ich gerade wieder am Wegdösen war, kamen beide Kinder zu uns ins Schlafzimmer getappt. Ziemlich gleichzeichtig mit der nächsten Wehe. Die Abstände wurden jetzt rapide kürzer (knapp 5 Minuten), schlafen konnte ich jetzt nicht mehr und die Kinder bekamen auch mit, daß irgendetwas passierte. Also habe ich meinen Mann geweckt und ihn gebeten, seine Eltern anzurufen, damit die die Kinder abholen konnten. Dann habe ich meiner Hebamme angerufen und Bescheid gesagt, daß wir in der nächsten halben Stunde etwa Richtung Geburtshaus fahren würden. Den Kindern habe ich erklärt, daß das Baby jetzt raus kommen möchte und wir zusammen nach unten gehen, um auf Oma und Opa zu warten. Auf dem Weg durften sie dann noch meine Mama wecken, denn die wollte (wie bei den anderen beiden Geburten auch) mit dabei sein.
Bis meine Schwiegereltern dann da waren, waren die Abstände bei drei bis einer Minute und ich fing teilweise schon mit Tönen an. Zwischendurch (manchmal auch während der Wehen) habe ich den Kindern erklärt, was jetzt passiert, den Großen beruhigt, der Angst hatte, daß wir los fahren, bevor seine Großeltern ankommen, ihm versichert, daß ich wirklich bald wieder daheim sein würde (er hatte immer Angst, daß ich, wie in seinen Büchern, doch ein paar Tage weg wäre), vielleicht sogar schon zum Mittagessen und meinen Mann daran erinnert, seinen Personalausweis mitzunehmen.

Als wir um kurz nach 6 endlich los fahren konnten, war das Veratmen für mich richtig schwer. Ich war noch garnicht richtig bei der Geburt angekommen und hatte tausend andere Dinge im Kopf.

Um kurz vor 7 waren wir dann endlich da und meine Hebamme hat erst einmal nach Herztönen und Muttermund gesehen. Die Herztöne waren perfekt, der Muttermund bei gut 3 Zentimetern. Mein erster Gedanke war: "Mist, ich hatte mit 5 gerechnet." der Zweite: " Das wird also noch dauern. Verdammt, wir sind niemals zum Mittagessen daheim. Hoffentlich geht das mit dem Großen gut."
Inzwischen lief Wasser in die Wanne und ich fand langsam zu meinem Rythmus. Die Wehen waren unvermindert heftig, die Abstände kurz, aber alles war viel besser auszuhalten.
In der Wanne wurde es dann noch entspannter. Meine Hebamme hat uns völlig in Ruhe gelassen, nur einmal zwischendrin nach den Herztönen gehorcht.
Wie immer während der Geburt, war mein Zeitgefühl völlig weg - alles, was noch zählte war mein Rythmus von Wehe und Kraft schöpfen in den Pausen. Irgendwann merkte ich, daß die wehen nicht nur stärker wurden, ich fing auch an mitzuschieben. Ich war sicher, daß es dafür noch viel zu früh war. Außerdem war der Drang zu pressen noch nicht sehr stark. deswegen wollte ich, daß die Hebamme noch einmal nach dem Muttermund sieht. Ich wollte halbwegs einschätzen können, wie lange ich noch vor mir hatte.

Bevor meine Mama die Hebamme holen konnte, war die schon da. "Schiebst du schon mit? Es klingt nämlich so." Dann tastete sie nach dem Muttermund. "7 Zentimeter." Scheiße - noch 3 Zentimeter und die Wehen wurden immer noch stärker. "Aber da ist alles weich - der Drang zu pressen ist okay." Gott sei Dank!

Als hätte mein Körper nur auf das Okay der Hebamme gewartet, wurden die Wehen richtig heftig. Drei Wehen lang, schaffte ich es noch, nicht zu pressen, sondern nur sanft mitzuschieben. "Laß S. das machen. laß S. das machen." dachte ich immer während der Wehe, wenn der Drang zu pressen stärker wurde und gab mit meinem Schieben quasi nur die Richtung vor.

Dann kam die erste richtige Presswehe und ich dachte, ich würde das alles nicht überleben. Ich presste wie von Sinnen und nach dieser Wehe, war S. Köpfchen schon ganz vorne. Ich wusste: Noch eine Wehe, dann ist er da. Ich weiß nicht mehr, was meine Hebamme in der Wehenpause zu mir gesagt hat, ich weiß nur noch, daß sie mit mir gesprochen und mich so weit aus den Schmerzen heraus geholt hat, daß ich wieder klar denken konnte. Kurz vor der nächsten Presswehe sagte sie dann: "Und jetzt ganz ruhig. Versuch' mal nicht zu pressen - atme dein Baby ganz sanft heraus."
Dann kam die Wehe. Ich erinnere mich noch an drei Dinge: Den unglaublichen Schmerz, daran, daß ich anfing "nein, nein, nein" zu brüllen und an meine Hebamme. "Ganz ruhig jetzt. NICHT pressen. Atme dein Baby heraus. Atmen."
Ich weiß nicht wie, aber es hat funktioniert. Ich wurde ruhig, hörte auf zu schreien und ich habe nicht gepresst, nur geatmet (aber nicht VERatmet) und das Köpfchen kam ganz sanft und liebevoll unter der Anleitung und Aufmunterung meiner Hebamme ("Ganz toll. Schön weiter atmen. Genau so. Jetzt kommt die dicke Stelle am Köpfchen. Gleich hast du es geschafft. Ganz wunderbar machst du das.") heraus.
Eine weitere Wehe später schob ich langsam (aber leider nicht langsam genug - dabei ist dann der Damm etwas gerissen) die Schultern heraus und dann hielt ich meinen kleinen Spatz um 8:17, nicht einmal anderthalb Stunden nach unserer Ankunft im Gebrutshaus, im Arm.
Wie immer war der Schmerz sofort völlig vergessen und ich konnte wieder einmal nur staunen, angesichts dieses kleinen Wunders, das ich in den Armen hielt.

Dann ging es erst einmal zum ausführlichen Kuscheln ins Bett, wo auch mein Mann und meine Mama unser Würmchen ausgiebig bestaunen konnten.

Während der U1 bekamen wir dann von der zweiten Hebamme (die es nicht mehr rechtzeitig zur Geburt geschafft hatte) Frühstück ans Bett gebracht. Dann teilte uns meine Hebamme S. stolze Maße (53 Zentimeter lang, 4300 Gramm schwer und 37 Zentimeter Kopfumfang) mit und wir haben noch ein Weilchen gekuschelt, bis ich dann unruhig wurde. Ich wollte wieder heim zu den beiden Großen. Wir packten also alles zusammen, verabschiedeten uns und brachten das neue Brüderchen püntkilich zum Mittagessen zu seinen beiden Geschwistern nach hause.