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Thema: Landesverräter

  1. #1
    Gast

    Standard Landesverräter

    Mal etwas für die Geschichtsinteressierten unter euch: Wie würdet ihr es finden, wenn im Geschichtsunterricht Menschen, die während der Besatzungszeit ihres Landes den Besatzern "geholfen" (also kollaboriert) haben, als "Landesverräter" bezeichnet werden? Ich finde, damit wird das Thema Kollaboration doch etwas sehr kurz und einseitig dargestellt ... Sich in so einer Situation mit den Besatzern zu arrangieren und ihnen eventuell auch Dienste zu erweisen, halte ich selbst für ein häufiger vorkommendes Phänomen als den aktiven Widerstand. Das Wort Landesverräter lässt ja keine Nuancen mehr zu.

  2. #2
    claud1979 ist offline Legende
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    Standard Re: Landesverräter

    Zitat Zitat von Babette267 Beitrag anzeigen
    Mal etwas für die Geschichtsinteressierten unter euch: Wie würdet ihr es finden, wenn im Geschichtsunterricht Menschen, die während der Besatzungszeit ihres Landes den Besatzern "geholfen" (also kollaboriert) haben, als "Landesverräter" bezeichnet werden? Ich finde, damit wird das Thema Kollaboration doch etwas sehr kurz und einseitig dargestellt ... Sich in so einer Situation mit den Besatzern zu arrangieren und ihnen eventuell auch Dienste zu erweisen, halte ich selbst für ein häufiger vorkommendes Phänomen als den aktiven Widerstand. Das Wort Landesverräter lässt ja keine Nuancen mehr zu.
    Kommt drauf an ob ich das unter meinen heutigen Wertmaßstäben äußere oder sage das die eben früher so gesehen wurden.
    Kann generell wenig mit der Bezeichnung anfangen. Ich weiß nicht so recht was ich persönlich in meinem Wertesystem als Landesverrat einstufen und dann auch als für mich moralisch verwerflich erachten würde.
    Ich versteh bis heute nicht die Aufregung um den Snowden. Bin da nicht die beste Ansprechpartnerin.

  3. #3
    Avatar von Andrea
    Andrea ist offline besser is
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    Standard Re: Landesverräter

    Zitat Zitat von Babette267 Beitrag anzeigen
    Mal etwas für die Geschichtsinteressierten unter euch: Wie würdet ihr es finden, wenn im Geschichtsunterricht Menschen, die während der Besatzungszeit ihres Landes den Besatzern "geholfen" (also kollaboriert) haben, als "Landesverräter" bezeichnet werden? Ich finde, damit wird das Thema Kollaboration doch etwas sehr kurz und einseitig dargestellt ... Sich in so einer Situation mit den Besatzern zu arrangieren und ihnen eventuell auch Dienste zu erweisen, halte ich selbst für ein häufiger vorkommendes Phänomen als den aktiven Widerstand. Das Wort Landesverräter lässt ja keine Nuancen mehr zu.
    Kann ich jetzt nicht schlimm finden.
    Zur Geschichte gehört ja immer die Interpretation.
    Je nach Zeit und Ort, von dem aus ein geschichtliches Ereignis betrachtet wird, wird es ganz unterschiedlich gesehen.

    Was für die einen ein Terrorist ist, ist für die anderen ein Widerstandskämpfer.
    Was für den einen ein starker Staat ist, ist für den anderen ein Unrechtsregime.

    Oder nimm Edward Snowden. Für die einen ein Landesverräter, für die anderen ein Kandidat für den Friedensnobelpreis.

    Und ja, der Geschichtsunterricht kann auch nur Schlaglichter werfen und wird nie die "endgültige" Bewertung sein, die nie mehr hinterfragt wird.

    Da bin ich ganz gelassen.
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  4. #4
    claud1979 ist offline Legende
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    Standard Re: Landesverräter

    Zitat Zitat von Andrea Beitrag anzeigen
    Kann ich jetzt nicht schlimm finden.
    Zur Geschichte gehört ja immer die Interpretation.
    Je nach Zeit und Ort, von dem aus ein geschichtliches Ereignis betrachtet wird, wird es ganz unterschiedlich gesehen.

    Was für die einen ein Terrorist ist, ist für die anderen ein Widerstandskämpfer.
    Was für den einen ein starker Staat ist, ist für den anderen ein Unrechtsregime.

    Oder nimm Edward Snowden. Für die einen ein Landesverräter, für die anderen ein Kandidat für den Friedensnobelpreis.

    Und ja, der Geschichtsunterricht kann auch nur Schlaglichter werfen und wird nie die "endgültige" Bewertung sein, die nie mehr hinterfragt wird.

    Da bin ich ganz gelassen.

    Wobei man rückblickend dann Personen doch nach den heutigen Wertmaßstäben beurteilt. Nicht nach den damaligen. Würde mir heute einer sagen die Geschwister Scholl wären für ihn Verräter, dann würde ich diese Äußerung nicht gelassen entgegennehmen.
    Fimbrethil und Aeessa gefällt dies.

  5. #5
    Gast

    Standard Re: Landesverräter

    Zitat Zitat von Andrea Beitrag anzeigen
    Kann ich jetzt nicht schlimm finden.
    Zur Geschichte gehört ja immer die Interpretation.
    Je nach Zeit und Ort, von dem aus ein geschichtliches Ereignis betrachtet wird, wird es ganz unterschiedlich gesehen.
    Das stimmt schon. Aber im Geschichtsunterricht in der Schule sollte man das doch aus heutiger Sicht sehen. Natürlich kann man sagen "Sie WURDEN nach dem Krieg als Landesverräter bezeichnet", dann bezieht man sich auf die damalige Sicht. Aber der Satz "Das sind Landesverräter" bedeutet, dass man die Leute heute auch noch als solche sieht. Damit hat man das unangenehme Thema schnell abgehakt ...

  6. #6
    Avatar von Andrea
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    Standard Re: Landesverräter

    Zitat Zitat von claud1979 Beitrag anzeigen
    Wobei man rückblickend dann Personen doch nach den heutigen Wertmaßstäben beurteilt. Nicht nach den damaligen. Würde mir heute einer sagen die Geschwister Scholl wären für ihn Verräter, dann würde ich diese Äußerung nicht gelassen entgegennehmen.
    Ach, das kann jeder werten wie er will.
    Ich würde fragen "Warum?" und gut wär.

  7. #7
    Avatar von chell
    chell ist offline einfallslos
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    Standard Re: Landesverräter

    Naja, das hängt doch stark vom Land ab und vom Krieg.

    In Frankreich (vermute ich mal!) hat das noch einen ganz anderen Stellenwert als in (z.B.) Norwegen. Wenn der Monsieur XY, der sein Leben in der Resistance riskiert hat, so etwas sagt, ist das sicherlich hchgradig verständlich.

    Aber grundsätzlich ist der einseitige Blick oft eben genau das: einseitig.Wie bezeichnet man denn dsnn die deutschen "Fräuleins", die mit den US-Amerikanern "fraternisiert" haben?

    Und niemals vergessen: Schülerinnen und Schüler hören gerne mal selektiv - vielleicht sagte der Lehrer auch: diese Leute wurden als Landesverräter bezeichnet.

    Auf diese Art und Weise behauptete mal eine Schülerin von mir, ich hätte behauptet, Hitler hätte den Friedensnobelpreis bekommen

    Ich hatte erwähnt, dass der Kommunistenhass europaweit recht verbreitet war, so dass ein Skandinavier Hitler für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen hat, da der die "rote Gefahr" bekämpft hat...


    Zitat Zitat von Babette267 Beitrag anzeigen
    Mal etwas für die Geschichtsinteressierten unter euch: Wie würdet ihr es finden, wenn im Geschichtsunterricht Menschen, die während der Besatzungszeit ihres Landes den Besatzern "geholfen" (also kollaboriert) haben, als "Landesverräter" bezeichnet werden? Ich finde, damit wird das Thema Kollaboration doch etwas sehr kurz und einseitig dargestellt ... Sich in so einer Situation mit den Besatzern zu arrangieren und ihnen eventuell auch Dienste zu erweisen, halte ich selbst für ein häufiger vorkommendes Phänomen als den aktiven Widerstand. Das Wort Landesverräter lässt ja keine Nuancen mehr zu.
    grüßle
    chell

    'I never met a chocolate I didn't like.'(Troi to Riker, TNG/"The Game")

  8. #8
    Avatar von Andrea
    Andrea ist offline besser is
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    Standard Re: Landesverräter

    Zitat Zitat von Babette267 Beitrag anzeigen
    Das stimmt schon. Aber im Geschichtsunterricht in der Schule sollte man das doch aus heutiger Sicht sehen. Natürlich kann man sagen "Sie WURDEN nach dem Krieg als Landesverräter bezeichnet", dann bezieht man sich auf die damalige Sicht. Aber der Satz "Das sind Landesverräter" bedeutet, dass man die Leute heute auch noch als solche sieht. Damit hat man das unangenehme Thema schnell abgehakt ...
    Warum aus heutiger Sicht?
    Geht es nicht darum, die damalige Sicht versuchen einzunehmen?
    Die Akteure aus ihrer Zeit heraus zu verstehen?
    Und es waren für einige eben Landesverräter und das hat auch nach dem Krieg dann noch starke Wirkung gehabt, diese Einschätzung.

  9. #9
    claud1979 ist offline Legende
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    Standard Re: Landesverräter

    Zitat Zitat von Andrea Beitrag anzeigen
    Ach, das kann jeder werten wie er will.
    Ich würde fragen "Warum?" und gut wär.
    Jeder kann werten wie er will ob er das Tun der Geschwister Scholl positiv oder negativ empfindet? Wie könnte man deren Tun als negativ empfinden?

  10. #10
    Gast

    Standard Re: Landesverräter

    Zitat Zitat von chell Beitrag anzeigen
    Naja, das hängt doch stark vom Land ab und vom Krieg.

    In Frankreich (vermute ich mal!) hat das noch einen ganz anderen Stellenwert als in (z.B.) Norwegen. Wenn der Monsieur XY, der sein Leben in der Resistance riskiert hat, so etwas sagt, ist das sicherlich hchgradig verständlich.

    Aber grundsätzlich ist der einseitige Blick oft eben genau das: einseitig.Wie bezeichnet man denn dsnn die deutschen "Fräuleins", die mit den US-Amerikanern "fraternisiert" haben?

    Und niemals vergessen: Schülerinnen und Schüler hören gerne mal selektiv - vielleicht sagte der Lehrer auch: diese Leute wurden als Landesverräter bezeichnet.

    Auf diese Art und Weise behauptete mal eine Schülerin von mir, ich hätte behauptet, Hitler hätte den Friedensnobelpreis bekommen

    Ich hatte erwähnt, dass der Kommunistenhass europaweit recht verbreitet war, so dass ein Skandinavier Hitler für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen hat, da der die "rote Gefahr" bekämpft hat...
    Naja, die Sache ist etwas anders. Wir haben ein Geschichtsspiel, das sich stark an den Geschichtsstoff der Schule anlehnt. Es ist eine Art Trivial Pursuit. Und da kam die Frage vor. Ich gehe mal davon aus, dass das dann ein allgemeiner, vom Lehrplan vorgegebener Konsens ist.
    Es geht mir also nicht um die Meinung eines Geschichtslehrers und sich nicht um die Meinung alter Widerstandskämpfer, sondern um Unterrichtsmaterial.

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