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Hausgeburt In den eigenen vier Wänden sein Kind zur Welt zu bringen - ist das für Euch eine schöne Vorstellung? Krankenhaus sind Ärzte, die sich im Notfall sofort um dich oder dein Kleines kümmern können. Aber: Im Krankenhaus bist du nur ein Gast, kannst nicht relaxen und fühlst dich vielleicht unsicher. Daheim hingegen bist du die Hausherrin, es ist gemütlich - und es platzt nicht ständig eine fremde Person herein. Du kannst dich voll auf dich selbst konzentrieren. Es gibt also auch gute Argumente für eine Hausgeburt. Hier könnt Ihr Euch dazu austauschen

 
 
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Alt 11.02.2012, 14:04
Benutzerbild von CarrieCute
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Registriert seit: 13.02.2010
Beiträge: 6.821
Daumen hoch Stellungnahme einer FÄ zur Studie über Risiko bei HG

Über die tendenziöse Interpretation wissenschaftlicher Daten
Eine Erwiderung zur Stellungnahme der DGGG und des BVF über die Risikoerhöhung bei Hausgeburten


Als geburtshilflich tätige niedergelassene Gynäkologin kann ich die Stellungnahme
der DGGG und des BVF im FRAUENARZT Nr. 12, 52(2011)(1) „Hausgeburt- Risiken
erhöht“ nicht unerwidert stehen lassen.
Einigermaßen erstaunlich ist die kühne Interpretation wissenschaftlicher
Untersuchungen in Großbritannien, den Niederlanden und Deutschland, die mit
DGGG/BVF-eigenen Schlussfolgerungen versehen und unzulässig wiedergegeben
werden.
Gleich zu Beginn heißt es in der Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft fürGynäkologie und Geburtshilfe und des Berufsverbands der Frauenärzte:
Eine große, soeben publizierte Studie mit fast 65.000 Schwangeren inGroßbritannien zeigte, dass die Hausgeburt mit einem erhöhten Risiko fürMutter und Kind verbunden ist.
Dies steht im klaren Widerspruch zu der Schlussfolgerung im Originalartikel des
Britisch Medical Journal vom 24.11.11 (2), welche lautet:
Overall, there were no significant differences in the adjust odds of the primaryoutcome for any of the non-obstetric unit settings compared with obstetricunits.

Worum geht es in der Britischen Studie?
In einer prospektiven Kohortenstudie wurden von April 2008 bis April 2010 insgesamt
64 538 gesunde Schwangere mit komplikationslosen Einlingsschwangerschaften und
Geburten nach vollendeter 37.SSW in Bezug auf den Zustand von Mutter und Kind
während und nach der Geburt (perinatal and maternal outcome) abhängig von der
Wahl des Geburtsortes untersucht. Miteinander verglichen wurden die Geburt zu
Hause, in einer hebammengeführten Einrichtung (Geburtshaus), in einer
Beleghebammenabteilung einer Klinik und in einer geburtshilflichen klinischen
Abteilung (obstetric unit). Messkriterien sind so unterschiedliche
Geburtskomplikationen (perinatal outcome event) wie Hirnschäden,
Mekoniumaspiration, Armlähmungen, Humerus-oder Claviculafrakturen, perinataler
Kindstod.
Beim Vergleich der Untersuchungsergebnisse mit der Interpretation von DGGG und
BVF fällt eine bemerkenswerte Diskrepanz auf:
Während der BMJ-Artikel 4,3 Komplikationen auf 1000 Geburten ohne Unterschied
zwischen den verschiedenen Geburtsorten nennt, sprechen DGGG/BVF von
9,3/1000 bei Hausgeburten und nur 5,3/1000 bei Klinikgeburten.
Wie kommen DGGG und BVF auf diese Zahlen?
Es wurden willkürlich Zahlen aus einer Subgruppenanalyse, nämlich die der
Erstgebärenden ohne vorher bekannte Risikofaktoren herangezogen und
ausschließlich Hausgeburten und Klinikgeburten in dieser, das Gesamtergebnis nicht
signifikant beeinflussenden Untergruppe, als Gesamtergebnis dargestellt. Die
entsprechende Schlussfolgerung im BMJ Artikel, nämlich, dass „es insgesamt keinen
signifikanten bei außerklinischen und klinischen Geburten in Bezug auf die
gemessenen Geburtskomplikationen gibt“, wurde oben bereits zitiert.
Darüberhinaus – und dies ist in der deutschen Stellungnahme keine Erwähnung
wert- wird keinerlei Unterschied in Bezug auf Geburtskomplikationen bezüglich des
Geburtsortes bei Mehrgebärenden festgestellt.
Die Verlegungsraten bei 36-45% der Erstgebärenden und 9-13% bei
Mehrgebärenden im Rahmen von Hausgeburten, werden lieber als Unfähigkeit von
„Hebammen, die auftretende Komplikationen nicht mehr beherrschen konnten“
gesehen, denn als Ausdruck eines verantwortungsvollen Geburtsmanagements von
berufserfahrenen Hebammen und außerklinischen geburtshilflichen Teams.
Diese polemisierende Interpretation mag ins Editorial desselben
FRAUENARZTheftes Nr.12 passen, wo die Hausgeburtshilfe der 60er Jahre ganz
unzulässig und unseriös mit der qualitätsgesicherten außerklinischen Geburtshilfe
nach 2000 verglichen wird; sie ist aber nicht in der offiziellen Stellungnahme zweier
etablierter Fachgesellschaften angebracht.
Obwohl der Kostenaspekt bei der Wahl der verschiedenen Geburtsorte sicher auch
für das hiesige Gesundheitssystem lohnenswert wäre, sollte nicht auf weitere, ganz
zentrale Schlußfolgerungen der englischen Studie verzichtet werden, die die
deutsche Stellungnahme von DGGG/BVF leider ganz unterschlägt:
1) Gesunde Frauen mit komplikationslosen Schwangerschaften sollten bei der
freien Wahl des Geburtsortes unterstützt werden
2) Bei Gebärenden ohne Risikoschwangerschaften, insbesondere bei
Mehrgebärenden, werden in hebammengeführten Einrichtungen weniger
geburtshilfliche Eingriffe notwendig als in klinischen geburtshilflichen
Abteilungen.
3) Bei Erstgebärenden kommt es im Rahmen des außerklinischen Geburtsortes
zwar zu einer höheren Komplikationsrate als in der Klinik; dieses
Untergruppenergebnis ist aber statistisch nicht signifikant für das
Gesamtergebnis der Studie, bei der Hausgeburten, Geburtshausgeburtenund Geburten an Belegabteilungen kein erhöhtes Risiko für Mutter undKind darstellen.

Was die Interpretation der niederländischen Geburtsdaten betrifft, so sind
DGGG/BVF auch hier sehr ungenau, um nicht zu sagen verfälschend, in ihrer
Darstellung. Richtig ist, dass in den Niederlanden 20-30% der Geburten
Hausgeburten sind. Tatsache ist laut einer Studie von van der Kooy et al vom
November 2011 (3), bei der geplante Hausgeburten mit geplanten Klinikgeburten
verglichen werden, dass bei Hausgeburten die intrapartale und postpartale Mortalität
(Tag 0-7 postpartum) 1,5/1000 , bei Klinikgeburten 1,8/1000 beträgt. Dass laut Euro-
Peristat die Niederlanden die höchste perinatale Mortalität von 15 anderen
europäischen Vergleichsländern aufweisen, liegt jedoch nicht an den Hausgeburten,
wie in der Stellungnahme von DGGG/BVF gemutmaßt wird, sondern laut Buitendijk
et al 2004 (4) an anderen Faktoren: dem konservativen, wenig invasiven Vorgehen
niederländischer Neonatologen bei der Behandlung von Frühgeborenen, das die
deren Überlebenswahrscheinlichkeit reduziert; weniger häufigem pränatalem
Screening für angeborene Fehlbildungen; deutlich höhere Quote an älteren
Gebärenden; höhere Anzahl von Mehrlingsschwangerschaften und von Müttern
ethnischer Minderheiten.
Das Euro-Peristat (5) erwähnt mit keiner Silbe die Hausgeburten als ursächlichen
Faktor der erhöhten perinatalen Sterblichkeit.

Zurück nach Deutschland. Hier ist bei der Gesellschaft für Qualität in deraußerklinischen Geburtshilfe (QUAG) für jedes Jahr nachzulesen (6), wie hoch die
perinatale Mortalität der außerklinisch geborenen Kinder ist. Die perinatale Mortalität
laut QUAG betrug 2009 2,0/1000 Geburten, die maternale Mortalität betrug 0 %. (In
der von Ihnen zitierten Jahresauswertung 2009 der Ärztekammer Niedersachsen (7)
werden neben klinischen geburtshilflichen Abteilungen nur noch Belegabteilungen für
Geburtshilfe, jedoch keine Hausgeburten oder Geburtshäuser genannt.)

Die offizielle Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und
Geburtshilfe und des Bundesverbands der Frauenärzte suggeriert auf den ersten
Blick vehementes Engagement mit wissenschaftlich fundierten Begründungen. Nach
Auseinandersetzung mit der Originalliteratur bleibt die ernüchternde Erkenntnis: Hier
werden wissenschaftliche Untersuchungsergebnisse aufgrund von vorgefassten
Meinungen wissentlich ignoriert; der gute Ruf einer Fachgesellschaft mit
Leitlinienkompetenz wird aufs Spiel gesetzt.
Wenn DGGG und BVF in Zukunft für Sachlichkeit und wissenschaftliche Seriösität
stehen wollen, dann sollten sie sich zu mehr fachlicher Diskussion und weniger
Polemik durchringen.

Mit freundlichen Grüßen
Dr. med. Ulrike Bös Staufen, den 17.01.2012
Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe
Hauptstr.25
79219 Staufen

Literatur:
1. Hausgeburt- Risken erhöht. Stellungnahme der DGGG und des BVF, FRAUENARZT
Nr.12, 52(2011)
2. Perinatal and maternal outcomes by planned place of birth for healthy women with
low risk pregnancies: the Birthplace in England national prospective cohort study.
BMJ 343(2011) bmj.d7400
3. Planned home compares with planned hospital births in the Netherlands: intrapartum
and early neonatal death in low-risk pregnancies. Van der Kooy J., et al, Dptm. Of
Obstetricx and Gynaecology, Erasmus MC, Rotterdam, The Netherlands. Obstet
Gynecol. 2011 Nov; 118(5): 1037-46
4. High perinatal mortality in the Netherlands compares to the rest of Europe. Buitendijk
SE , Nijhuis JG, TNO Preventie en Gezondheid/Jeugd, Postbus 2215, 2301 CE
Leiden. Ned Tijdschr Geneeskd 2004 Sep 18; 148(38):1855-60
5. European Perinatal Health Report by the Eruo-Peristat Project in Collaboration with
SCPE, EUROCAT EURONEOSTAT. Data from 2004. www. Europeristat.com
6. Außerklinische Geburtshilfe in Deutschland- Qualitätsbericht 2009. Gesellschaft für
Qualität der außerklinischen Geburtshilfe e.V. QUAG.Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe e.V. ( QUAG )
7. Zentrum für Qualitätsmanagement im Gesundheitswesen. Einrichtung der
Ärztekammer Niedersachsen: Geburtshilfe. Modul 16/1. Jahresauswertung 2009.
Ärztekammer Niedersachsen
__________________
Carrie

Der Tod einer Mutter ist der erste Kummer, den man ohne sie beweint.



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