KOMPAKT-THEMA:

Kinderzähne
Warum Milchzähne so wichtig sind

Karies-Bakterien werden durch Löffel oder Schnuller übertragen

Kinderzähne: Warum Milchzähne so wichtig sind

Schlechte Zähne liegen in der Familie, heißt es. Das ist eine Ausrede. Kein Kind kommt mit Karies-Erregern auf die Welt. Es steckt sich eines Tages an, meistens bei seiner Mutter. Das hat mit der körperlichen Nähe zwischen Mutter und Kind zu tun und mit der Tatsache, dass Mütter oft Schnuller oder Sauger sauber lecken oder den Brei mit dem Babylöffel vorkosten. Karies-Bakterien können sich mit einer Art Saugnäpfchen an Hartgeweben wie Zähnen, aber eben auch an Löffeln, Schnullern und Spielzeug festhalten.

Wenn Karies bei Kindern begonnen hat, geht alles ganz schnell

Milchzähne haben eine wichtige Platzhalterfunktion

Bei der Ansteckung spielt außerdem das immunologische "Strickmuster", das Kinder über die Muttermilch bekommen, eine Rolle. Jedes Kind hat bestimmte Antikörper im Speichel, vor denen sich die Karies-Erreger, die von der Mutter übertragen werden, möglicherweise zunächst tarnen können. Deshalb vergeht immer einige Zeit, bis sich die Karies zeigt. Grundsätzlich ist die Karies-Anfälligkeit bei Kindern nicht höher als bei Erwachsenen, aber wenn Karies einmal begonnen hat, geht alles viel schneller:

Der Zahnschmelz von Milchzähnen ist dünner, sodass sich Karies rascher ins weichere Dentin vorarbeiten und leider bald auch den Nerv angreifen kann. "Wenn wir ein Kind mit Zahnschmerzen zu sehen bekommen, hat sich die Karies oft schon an etlichen Zähnen zu schaffen gemacht", sagt Dr. Christina Meller von der Poliklinik für Zahnerhaltung an der Universität Tübingen. Heute versucht man alles, um auch schwer geschädigte Milchzähne zu erhalten: Von Milchzahnkronen über Wurzelbehandlung bis hin zu Kinderprothesen werden alle Register gezogen. Spezialisten für Kinderzahnheilkunde in Ihrer Nähe finden Sie unter: www.kinderzahnaerzte.de oder www.kinderzahnheilkunde-online.de.

"Leider ist die Vorstellung noch weit verbreitet, dass Milchzähne keine große Bedeutung haben", so Christina Meller. "Umdenken tut not. Infektionen, die von Milchzähnen ausgehen, können das Allgemeinbefinden von Kindern stark beeinträchtigen. Manche Kinder sind infektanfälliger und haben öfter Durchfall. Wenn sich an der Wurzelspitze eines Milchzahnes eine Entzündung entwickelt, können sogenannte Keimschäden entstehen, die eventuell zu Verfärbungen oder Missbildungen an den bleibenden Zähnen führen. Außerdem haben Milchzähne eine wichtige Platzhalterfunktion: Die ersten bleibenden Backenzähne hangeln sich gewissermaßen an den letzten Milch-Backenzähnen hoch. Fehlt dieses Klettergerüst, landen die neuen Backenzähne viel zu weit vorne. Das muss später kieferorthopädisch behandelt werden."

Fallen die Milchzähne im Frontbereich des Oberkiefers vorzeitig aus, ist die Sprachentwicklung beeinträchtigt. S- und Z-Laute klingen merkwürdig, weil die Zunge sich zu weit nach vorn bewegen kann. Dieses Lispeln ist nicht das einzige Problem: Die ständigen Bewegungen der Zunge führen unter ungünstigen Voraussetzungen zu einem offenen Biss nach dem Zahnwechsel (= die oberen und unteren Schneidezähne können sich nicht berühren).

Karies ist kein Schicksal

Hat man Karies-Bakterien einmal im Mund, wird man sie zeitlebens nicht mehr los. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute: Damit ist keineswegs ein unabänderliches Karies-Schicksal besiegelt. "Man muss unterscheiden zwischen aktiver Karies und Karies-Risiko", erklärt Christina Meller. Wer eine große Zahl an Karies verursachenden Keimen im Mund hat, lebt zwar mit einem höheren Risiko, doch ob sich aus diesem Risiko eine Karies entwickelt, hat man auch selbst mit in der Hand. Konkret heißt das:

  • Zahnfreundlich essen und trinken!
    Zucker wie Trauben-, Frucht und Milchzucker und produzieren dabei Schmelz schädigende Säuren. Jedes Mal, wenn Zuckerhaltiges gegessen oder getrunken wird, greift das die Zähne an. Dasselbe gilt für säurehaltige Getränke wie Cola (enthält u. a. Phosphorsäure) oder Eistee. Besonders stark begünstigen all die Nahrungsmittel Karies, die an den Zähnen kleben, also zum Beispiel Honig, Trockenfrüchte, Bananen oder Kartoffelchips. Grundsätzlich gilt: besser geregelte Mahlzeiten einhalten als über den Tag verteilt viele Snacks essen. Ein Kinderleben ohne Süßigkeiten finden auch Zahnärzte unrealistisch. "Wenn Süßes, dann sollte es möglichst nur einmal am Tag, beispielsweise als Nachtisch, gegeben werden", so Christina Meller. "Was wir Zahnärzte gar nicht gern sehen: Wenn Kinder ständig und unkontrolliert zwischendurch naschen. Es entstehen jedes Mal Säuren, die wiederum winzige Schmelz-Bausteine herauslösen. Passiert dies einmal am Tag, hat der Organismus genügend Zeit, diese Fehlstellen zu reparieren. Passiert das aber alle paar Stunden, bricht die 'Schmelzmauer' ein, und es entsteht Karies." Aus Studien weiß man, dass Kinder, die dreimal täglich etwas Süßes essen, weniger Karies haben, als diejenigen, die neunmal am Tag naschen.
  • Sorgfältige Mundhygiene
    Kinder brauchen lange, bis sie feinmotorisch in der Lage sind, alle Flächen und Winkel in ihrem Gebiss zu reinigen. Vom ersten Zahn bis mindestens zum neunten Lebensjahr müssen Eltern beim Zähneputzen helfen. Die meisten Zahnärzte empfehlen die KAI-Technik: auf den Kauflächen hin- und herbürsten, dann die Außenfl ächen kreisend putzen, anschließend die Innenfl ächen von Rot nach Weiß streichend reinigen. Lange galt die Devise: Nach jeder Mahlzeit Zähne putzen! "Heute sagen wir: Dreimal am Tag zu putzen ist prima, aber zweimal täglich, und zwar nach dem Frühstück und vor dem Zubettgehen, ist realistisch", so Christina Meller. "Dabei sollte mindestens einmal am Tag eine gründliche Plaque-Entfernung erfolgen. Hierbei müssen die Eltern helfen. Die anderen Male kann das Kind allein putzen." Optimal sind Kinderzahnbürsten, deren Handgriffe und Borstenfelder auf ein bestimmtes Alter zugeschnitten sind.
  • Fluoridierung
    Fluoride härten den Zahnschmelz und machen ihn widerstandsfähiger gegen Säuren. "Fluorid-Tabletten empfehlen wir nicht", so Christina Meller, "da wir inzwischen wissen, dass es auf die lokale Wirkung am Zahn ankommt und dass zu viel eingenommenes Fluorid später Zahnverfärbungen verursachen kann." Bis zum sechsten Geburtstag sollte ein Kind fluoridhaltige Kinderzahncreme verwenden. Im Milchgebiss reicht zweimal am Tag eine erbsengroße Menge auf der Zahnbürste aus. Eine Kinderzahncreme ist so dosiert, dass die Zähne bei regelmäßiger Anwendung ohne Nebenwirkungen sicher geschützt sind. Nach dem sechsten Geburtstag sollen Kinder eine Junior- bzw. Erwachsenenzahncreme mit einem höheren Fluoridgehalt verwenden. Als Vorbeugung für die ganze Familie empfiehlt sich fluoridiertes Speisesalz, weil sich das beim Kochen in Nudeln, Reis, Kartoffeln oder Gemüse anreichert und zusätzlich schützt. Kinder mit hohem Karies-Risiko können noch Extraanwendungen bekommen, wie etwa eine wöchentliche Fluoridgel-Anwendung zu Hause oder in der Zahnarztpraxis. Das entscheidet der Zahnarzt, der alle sechs Monate die Zähne sehen sollte.
  • Backenzähne versiegeln
    Backenzähne haben Grübchen, Rillen und Furchen (sogenannte Fissuren). Je enger die Vertiefungen, umso geringer die Chance, den Bakterien-Biofi lm ("Belag") mit den Borsten der Zahnbürste zu entfernen. Hier können die Bakterien ungestört ihre Säuren bilden und damit den Zahnschmelz zerstören. Fissurenkaries ist die häufi gste Karies-Form nach dem Durchbruch der Zähne. "Wir empfehlen, Backenzähne mit tiefen Fissuren mit einem speziellen Versieglerkomposit zu behandeln - das ist eine Art Kunststoff, dessen Bestandteile unproblematisch für den Körper sind", versichert Christina Meller. "Am besten versiegelt man die Zähne bald nach ihrem Durchbruch, die ersten also etwa ab dem sechsten Lebensjahr. Dann sind die Oberflächen noch intakt." Die Kassen bezahlen die Maßnahme an den großen bleibenden Backenzähnen, die an den kleineren ("Prämolaren") und an den Milchzähnen muss man selbst bezahlen (15 bis 50 Euro pro Zahn). Aber ob versiegelt oder nicht - Zähne müssen konsequent geputzt und regelmäßig kontrolliert werden! Ist die Versiegelung an einer Stelle defekt, kann sich auch dort Karies ausbilden.