Wachstumsschmerzen
Wenn die Beine weh tun

Einen Beweis dafür, dass Wachsen weh tut, hat bisher niemand erbracht. Trotzdem sprechen Kinderärzte von "Wachstumsschmerzen" und gehen davon aus, dass jedes dritte Kind irgendwann einmal damit zu tun hat. Woran erkennen Eltern, wann es sich um harmlose Wachstumsschmerzen handelt?

Kind mit Wachstumsschmerzen
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© Thinkstock, Nadezhda1906

EF sprach mit Dr. Martin Lang, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und Homöopath in Augsburg.

Stimmt es, dass man im Grunde nicht weiß, was genau hinter den sogenannten Wachstumsschmerzen steckt?

Es gibt keine Labortests oder bildgebenden Verfahren, mit denen man die Ursachen dieser Beschwerden, die sich meist als Beinschmerzen zeigen, nachweisen könnte. Man ist sich ziemlich sicher, dass es etwas mit den Wachstumshormonen zu tun haben muss, die nachts ausgeschüttet werden. Die führen zu einer Wachstumsbeschleunigung, und das verursacht eine Art Spannungsschmerz an der Knochenhaut. Deshalb ist es für Wachstumsschmerzen typisch, dass sie in den frühen Abend- und in den Nachtstunden auftreten.

In welchem Alter muss man denn mit diesen Schmerzen rechnen?

Das Gros der Kinder hat diese Beschwerden im Vorschulalter, manche erst im Schulalter. Aber nicht selten sind die Betroffenen auch noch Kleinkinder, also zwischen zwei und drei Jahre alt. Da ist es besonders schwierig, zu verstehen, wo und weshalb einem Kind etwas weh tut. Hinter Beinschmerzen kann auch mal ein Bruch, eine sogenannte Grünholzfraktur stecken. Bekommt ein Kind beispielsweise beim Toben mit anderen Kindern auf dem Spielplatz plötzlich Beinschmerzen, sollte man so einen Bruch nicht ausschließen.

Lässt sich ein Wachstumsschmerz immer genau orten?

Nein, und das ist ganz typisch für dieses Problem. Fragt man die Kinder, wo es weh tut, dann können sie es nicht genau beschreiben. Irgendwo zwischen Knöchel und Knie, ganz selten mal im Oberschenkel und noch seltener in den Händen. Deutet man auf in Frage kommende Stellen, sagen die Kinder entweder immer "Ja" oder immer "Nein" - je nach Wesensart. Der Schmerz wechselt auch gern die Seiten.

Wachstumsschmerzen: Wenn die Beine weh tun

Was ist noch typisch für Wachstumsschmerzen?

Ein Wachstumsschmerz tritt nicht tagsüber und schon gar nicht unter Belastung auf. Klagt ein Kind beim Spazierengehen über Schmerzen, dann ist es sehr wahrscheinlich kein Wachstumsschmerz. Allerdings können Wachstumsschmerzen besonders stark sein, wenn die Kinder tagsüber viel herumgetollt sind. Typisch ist dann, dass sich dieser Schmerz nicht gleich zeigt. Die Kinder sitzen beim Abendessen oder auf dem Sofa und fangen plötzlich zu jammern an. Am anderen Morgen fühlen sie sich „pumperlgesund“, und der Schmerz ist wie weggeblasen.

Was deutet darauf hin, dass ein Kind aus anderen Gründen Schmerzen hat?

Grundsätzlich ist ganz wichtig: Es gibt einige, teilweise schwere Erkrankungen, die sich ebenfalls durch Beinschmerzen äußern. Die sind allesamt durch Labortests oder radiologische Methoden nachweisbar. Plötzlich auftretende Schmerzen, die sich nicht genau lokalisieren lassen, die aber so stark sind, dass das Kind nicht mehr laufen kann, könnten auf den sogenannten Hüftschnupfen hindeuten, eine meist harmlose Infektion des Hüftgelenks, die typischerweise im Kleinkindalter vorkommt. Kann das Kind beinahe millimetergenau sagen, wo es weh tut, sollten die Eltern diese Stelle mit Kuli markieren und ihr Kind am nächsten Tag einem Arzt vorstellen. Hier muss man genauer nachsehen. Morgendliche Schmerzen oder Gelenksteifigkeit sind ebenfalls Warnsignale, deren Ursachen unbedingt untersucht werden müssen. Das gilt auch, wenn Allgemeinsymptome wie Müdigkeit, Blässe oder Fieberschübe hinzukommen.

Wie helfen Eltern ihrem Kind, das wegen seiner Wachstumsschmerzen nicht schlafen kann?

Man kann ruhig mal ein Paracetamol-Zäpfchen geben. Übrigens: Werden die Beschwerden davon nicht besser, handelt es sich eher nicht um Wachstumsschmerzen. Hoch wirksam ist die Homöopathie. Das klassische Mittel ist hier Calcium phosphoricum, und zwar in der Dosierung D12, 1 Gabe, also fünf Kügelchen. Dauern die Beschwerden länger als drei Wochen an, ist immer ein Labortest ratsam. Für Wachstumsschmerzen ist nämlich auch typisch: Sie kommen und gehen mit Pausen von Wochen bis Jahren!

Von:Doro Kammerer