Fruchtbarkeit
Ab wann tickt die biologische Uhr?

Viele Paare schieben den Kinderwunsch heute erst mal auf. Aber wie bekommt man Antwort auf die Frage: Wie lange bin ich noch fruchtbar?

Später Mütter

Fruchtbarkeit: Ab wann tickt die biologische Uhr?

Promi-Mütter machen es vor. Carla Bruni wird mit 43 noch mal Mutter, Gianna Nannini mit 54, Birgit Schrowange mit 42 und Ute Lemper mit 48. Ist doch ganz einfach, den Kinderwunsch noch ein bisschen aufzuschieben, oder? Das glauben die meisten Deutschen. 54 Prozent vermuten einer Umfrage des Allensbach-Institutes zufolge, dass es, biologisch gesehen, erst ab 40 oder gar 45 für eine Frau schwierig wird, schwanger zu werden. Da verwundert es auch nicht, dass das Durchschnittsalter der Mütter beim ersten Kind kontinuierlich steigt – derzeit liegt es bei 30 Jahren, jede vierte Erst- Mutter ist älter als 35. Solche Zahlen wiegen Paare mit Kinderwunsch leider nur in Scheinsicherheit, denn Fakt ist: Die Fruchtbarkeit einer Frau nimmt bereits ab Mitte 20 ab. Ab 30 geht es immer schneller. Wer mit 37 schwanger werden will, dessen Chance auf eine Befruchtung liegt pro Zyklus durchschnittlich bei mageren 13 Prozent, ab 40 sind es gerade mal fünf. Spätestens jetzt ahnt man, dass die große Zahl später Promi- und Normalo-Schwangerschaften nicht so ganz ohne Hilfe der Reproduktionsmedizin zustande gekommen sein kann. Die benötigt aber nicht jede Frau über 40 automatisch, denn die Fruchtbarkeit ist eine höchst individuelle Sache. Es gibt Frauen, die mit Mitte 20 schon Jahre brauchen, um ein Kind zu empfangen, und andere, die mit 43 auf Anhieb schwanger werden. Letzteres gelingt übrigens deutlich häufiger, wenn man bereits Kinder hat. Denn Frauen, die problemlos schwanger geworden sind, haben in der Regel einen großen Pool an Eizellen und können daher auch länger schwanger werden. Natürlich spielt auch die Lebensweise eine Rolle: Starkes Über- oder Untergewicht beeinflusst die Fruchtbarkeit genauso negativ, wie massiver Alkohol- oder Nikotinkonsum sowie Stress das tun können. Leider ergibt all das zusammen aber auch noch nicht die Zauberformel, anhand derer man ausrechnen kann, wie lange der Kinderwunsch noch warten darf.

AMH-Messung

Doch dabei können Fachleute helfen. Reproduktionsmediziner wie Dr. Andreas Tandler-Schneider vom Fertility Center Berlin beobachten, dass immer häufiger Frauen in die Praxis kommen, die ihren Hormonstatus in Sachen Fruchtbarkeit bestimmen lassen wollen. Das geht über das sogenannte Anti- Müller-Hormon (AMH), benannt nach Johannes Peter Müller, Mediziner und Philosoph des 19. Jahrhunderts. Dieses Hormon spielt eigentlich nur in der Embryonalentwicklung des Menschen eine Rolle, bleibt aber als Nebenprodukt der Eierstöcke auch später im Körper erhalten. Für die Reproduktionsmedizin hat es vor allem einen Nutzen: Der AMH-Wert steht in direktem Zusammenhang mit der aktuellen Eizellmenge einer Frau. Zusammen mit einem Ultraschall, bei dem auch noch die Reserve der Eibläschen (Follikel) untersucht wird, lässt sich die Fruchtbarkeit für die nähere Zukunft ziemlich genau vorhersagen. Liegt der AMH-Wert über 1 ng/ml (Nanogramm pro Milliliter Serum), wissen die Frauen, dass sie sich – je nach individueller Vorgeschichte – noch ein bis zwei Jahre Zeit lassen können mit ihrem Kinderwunsch. (Eine Voraussage darüber hinaus lässt sich nur mit einem erneuten Test machen.) Liegt der Wert deutlich unter 1 ng/ml, sollte man besser umgehend loslegen. Den AMH-Test kann übrigens jeder bei seinem Gynäkologen durchführen lassen, die Kosten (ca. 50 Euro) werden meist von der Krankenkasse übernommen.

Natürlich kann so ein Testergebnis Druck machen: Was tun, wenn der AMH-Wert schwindet, aber der passende Partner fürs Wunschbaby fehlt oder man gerade ganz andere Sorgen hat, als sofort schwanger zu werden?

Social Freezing

Dann wählen immer mehr Frauen die Option, Eizellen einfrieren zu lassen, die sie später künstlich befruchten lassen. Das sogenannte Social freezing ist ein relativ junges Verfahren und wird vor allem angewandt, wenn zum Beispiel durch eine Operation oder Chemotherapie der Verlust der Fruchtbarkeit droht. Weil aber auch bei allen anderen Frauen die Eizellen altern und eine Befruchtung mit jedem Jahr schwieriger wird, nutzen immer mehr gesunde Frauen um die 40 diese Möglichkeit, um sich ihren Kinderwunsch auch später noch erfüllen zu können.

Kosten: Die Kosten für die Behandlung liegen zwischen 2.000 und 4.000 Euro und müssen dann selbst übernommen werden.

Weil all das möglicherweise nicht sein müsste, wenn alle Frauen besser über ihre Fruchtbarkeit informiert wären, plädieren Reproduktionsmediziner wie Andreas Tandler-Schneider dafür, die AMH-Messung routinemäßig bei allen jungen Frauen vornehmen zu lassen, zum Beispiel beim jährlichen Vorsorge- Check. So käme man nicht darum herum, sich regelmäßig mit dem Thema Kinderwunsch auseinanderzusetzen. "Außerdem muss es zur selbstverständlichen Aufgabe eines Gynäkologen werden, über die Fakten in Sachen Fruchtbarkeit aufzuklären", so Tandler-Schneider.

Aufklären müsste man allerdings auch die Männer, die derlei Probleme bei sich selbst ja schließlich nicht kennen.

Und: Die Gesellschaft müsste umdenken. Heute, da das Durchschnittsalter der Frauen in Deutschland beim ersten Kind bei 30 liegt und in Frankreich bei 29,5, beklagen sich junge Mütter sehr oft auch bei uns von ELTERN darüber, dass sie stets automatisch als Problemfall wahrgenommen werden. "Kein Mensch glaubt mir, dass ich mit 21 bewusst schwanger geworden bin", schreibt die 25-jährige Maike, die gerade ihr zweites Baby erwartet. "Und den wenigen anderen jungen Mamas, die ich kenne, geht es genauso." Dabei hat Maike alles richtig gemacht. Vor 50 Jahren war ihr jetziges Alter das Durchschnittsalter für eine Erstgebärende.

Von: Christiane Börger
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