Präimplantationsdiagnostik
Dürfen Eltern ein Baby ohne Brustkrebs-Gen zeugen?

Angenommen, in Ihrer Familie würde das Risiko für Brustkrebs vererbt: Würden Sie Ihr Kind bereits als Embryo daraufhin untersuchen lassen, ob es dieses Gen besitzt - und es nur austragen, wenn das nicht der Fall ist? Ein englisches Paar hat das getan. Jetzt wurde das Mädchen geboren - und sorgt für Diskussionen: Handelten Eltern und Ärzte zum Wohle des Kindes oder wurde damit ein Schritt auf dem Weg zum Designer-Baby gemacht?

Was ist so besonders an dem Baby ohne Brustkrebs-Gen?

Präimplantationsdiagnostik: Dürfen Eltern ein Baby ohne Brustkrebs-Gen zeugen?

In der vergangenen Woche kam in England erstmals ein Mädchen zur Welt, dem die Eltern ein schlimmes Schicksal ersparen wollten: Der Vater des jetzt geborenen Babys wusste, dass in seiner Familie eine Mutation des so genannten Brustkrebs-Gens BRCA1 vererbt wird. 70 bis 80 Prozent der Frauen mit dieser Genvariante müssen damit rechnen, im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs zu erkranken. Auch das Risiko eines Eierstock-Tumors liegt bei dieser Genmutation ebenfalls bei 40 bis 60 Prozent.

Deshalb entschieden der Engländer und seine Frau sich zu einem radikalen Schritt: nämlich einer In-Vitro-Fertilisation (IVF), bei der der Frau nur ein Embryo eingepflanzt werden sollte, der dieses Brustkrebs-Gen nicht hat. Dazu entnahmen die Londoner Ärzte den Embryonen im Labor eine oder zwei Zellen und untersuchten mithilfe der so genannten Präimplantationsdiagnostik (PID), bei welchem Embryo das entsprechende Gen in Ordnung war. Zwei der getesteten Embryonen setzten sie anschließend der Frau ein. Alles lief wie geplant: In der Gebärmutter der 27-Jährigen entwickelte sich ein Keim - und sie gebar jetzt ein gesundes Mädchen.

Was halten Sie von der Entscheidung der Eltern für die Präimplantationsdiagnostik?

Wie denken Sie über den Entschluss der Eltern, ihr Baby bereits als Embryo auf das Risiko-Gen testen zu lassen? Stimmen Sie ab!

Ist ein solches Vorgehen auch in Deutschland erlaubt?

Nein. Das deutsche Embryonenschutzgesetz schreibt vor, dass der Arzt nur so viele Eizellen pro IVF-Zyklus befruchten darf wie der Frau übertragen werden sollen. Und weil in Deutschland maximal drei Embryonen in die Gebärmutter eingesetzt werden dürfen, ist es den Ärzten auch nicht erlaubt, mehr als drei Embryonen zu erzeugen. Um eine PID durchzuführen, bräuchten sie jedoch acht oder neun Embryonen (mehr zu der Diskussion über die PID in Deutschland finden Sie auch hier).

In vielen anderen EU-Ländern wie beispielsweise Polen oder Belgien dagegen können Paare mit einem hohen Risiko, ein genetisch schwer krankes Kind zu bekommen, die PID bereits nutzen. Die Kosten liegen bei circa 2.000 Euro. Man schätzt übrigens, dass in Deutschland jährlich ungefähr 150 Paare eine PID in Anspruch nehmen würden.

Warum wird die PID so kontrovers diskutiert?

Werden sich Eltern ihre Kinder nach Augenfarbe oder Intelligenz aussuchen?

Kritiker der PID befürchten, dass diese Methode der erste Schritt hin zur Selektion von Embryonen sein könnte: Wenn es erst einmal möglich ist, einen Embryo aufgrund eines genetischen Defekts für die Übertragung in den Mutterleib auszuschließen, könnten in Zukunft vielleicht auch andere Wünsche der Eltern darüber entscheiden, welche Kinder zur Welt kommen - und welche nicht. Werden sich im Extremfall eines Tages Eltern ihre Kinder nach Augenfarbe, Körpergröße oder Intelligenz aussuchen können?

Auch wenn diese Horrorvision eher unrealistisch ist, weil beispielsweise die Haarfarbe nicht nur von einem einzigen Gen bestimmt wird, verweisen Skeptiker grundsätzlich auf die Frage nach der Würde des Menschen: Dürfen wir uns anmaßen, über lebenswertes und nicht lebenswertes Leben zu entscheiden? Gegner der PID glauben auch, dass durch diese Methode Behinderte verstärkt ausgegrenzt werden könnten: Vielleicht wird man Eltern, die sich für ein behindertes Kind entscheiden, eines Tages einen Vorwurf machen können?

Und: Selbst für Mädchen und Frauen, die das Brustkrebs-Gen besitzen, lässt sich keine hundertprozentige Voraussage treffen, dass die Krankheit tatsächlich später ausbricht. Soll man also wirklich Embryonen aufgrund einer bloßen Wahrscheinlichkeit ihr Recht, sich zu entwickeln, absprechen? Gerade bei einem genetisch erhöhten Brustkrebs-Risiko könnten die Überlebenschancen der Frauen außerdem selbst im schlimmsten Fall durch eine intensive Vorsorge beträchtlich erhöht werden, da die Krankheit frühzeitig erkannt und behandelt werden könnte. Nicht zuletzt erkranken auch Frauen ohne das Risiko-Gen an Brustkrebs - eine absolute Garantie, dass das jetzt geborene Mädchen die Krankheit nie entwickelt, gibt es einfach nicht.