KOMPAKT-THEMA:

Künstliche Befruchtung
Mit 40 ist Schluss mit Zuschuss

Bei verheirateten Frauen zwischen 25 und 40 Jahren, die nur durch künstliche Befruchtung schwanger werden können, zahlen die gesetzlichen Krankenkassen die Hälfte der Behandlungskosten - bei älteren Frauen nicht. Warum das so ist, erfahren Sie hier.

Wenige Monate können über den Zuschuss entscheiden

Tina wird in ein paar Monaten 40. Birte hat gerade den 40. Geburtstag gefeiert. Beide haben einen unerfüllten Kinderwunsch, beide wollen es mit künstlicher Befruchtung versuchen. Tina wird dabei von ihrer Krankenkasse finanziell unterstützt, Birte ist dafür schon zu alt. Frauen, die die 40 überschritten haben, müssen sich den Kinderwunsch komplett selbst finanzieren. Ungerecht? Nein, sagen die Richter am Bundessozialgericht. Und was meinen Sie?

Gering: Die Wahrscheinlichkeit schwanger zu werden

Als knallhart und ungerecht müssen viele Frauen um die 40 die aktuelle Entscheidung des Bundessozialgerichts in Kassel empfinden. Denn die Richter sagten im Grunde genommen sehr klar: Ja, die Gesellschaft unterstützt Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch - aber nur bis zum vollendeten 40.Lebensjahr. Bei allen anderen ist die Wahrscheinlichkeit einfach zu gering, dass die Maßnahmen zu einer Schwangerschaft führen. Basta! Damit bestätigten die Richter die derzeitigen Regelungen. Und wiesen die Klage einer Frau aus Hamburg zurück, die sich mit 41 Jahren einer künstlichen Befruchtung unterzogen hatte und die Hälfte der Kosten von ihrer Krankenkasse eingefordert hatte.

Bei Privatpatienten gibt es keine Altersgrenze

Bei verheirateten Frauen zwischen 25 und 40 Jahren, die nur durch künstliche Befruchtung schwanger werden können, zahlen die gesetzlichen Krankenkassen die Hälfte der Behandlungskosten - nicht beliebig oft, sondern nur bei den ersten drei Behandlungen. Privatpatienten bekommen übrigens drei Behandlungen komplett finanziert, eine Altergrenze gibt es nicht. Vor der Gesundheitsreform von 2004 hatten die gesetzlichen Kassen die Kosten ebenfalls insgesamt übernommen – aber nur bei verheirateten Paaren und Frauen bis zum 40. Lebensjahr! Hinweise darauf, dass früher alles anders war, sind also bei den älteren Frauen falsch. Aber, was heißt hier eigentlich ältere Frauen? Mehr zum Thema Kosten der Redproduktionsmedizin lesen Sie hier.

Immer mehr Frauen werden spät Mutter

Ein paar Beispiele gefällig? Moderatorin Sandra Maischberger brachte ihr erstes Kind mit 40 zur Welt, Kollegin Bärbel Schäfer mit 41 Jahren, ebenso Schauspielerin Halle Berry. Kim Basinger wurde mit 42 Mutter, Schauspielerkollegin Holly Hunter sogar mit 47 Jahren. Die Liste der prominenten Erstgebärenden "40 plus" ließe sich noch weiterführen - und auch abseits der Klatschspalten sieht man immer mehr Frauen, die sich erst recht spät für den Nachwuchs entscheiden. Umso schmerzlicher muss es für Frauen in diesem Alter sein, die sich auch ein Kind wünschen, aber ohne künstliche Befruchtung keine Chance haben.

Müsste sich der Gesetzgeber diesem Trend nicht anpassen? Schließlich ist doch 40 heute wirklich kein "Alter" mehr! Und: Die starre Grenzziehung bei 40 sei medizinisch gar nicht nachvollziehbar, beanstandete auch die Hamburger Klägerin. Erst mit 43 Jahren sinke die Erfolgswahrscheinlichkeit der künstlichen Befruchtung deutlich.

Chance von 18 Prozent

Die Richter am Bundessozialgericht widersprachen dem. Dem Gesetzgeber stehe es zu, eine pauschale Grenze zu ziehen. Er gehe davon aus, dass sich die Wahrscheinlichkeit für eine Schwangerschaft im Laufe der 30er immer mehr verringere und jenseits der 40 gering sei. Stimmt das? Ein Blick auf die Erfolgsraten bei der IVF gibt Auskunft: Frauen mit 30 haben eine Chance von 34 Prozent schwanger zu werden, 40-Jährige eine Chance von unter 20 Prozent und 45-Jährige eine Chance von 12 Prozent.

Finanzierung als Mittel der Familienpolitik?

Die Kasseler Entscheidung fällt in eine Zeit, in der darüber diskutiert wird, wie Paare dazu ermutigt werden können, wieder mehr Kinder zu bekommen. Durch finanzielle Unterstützung bei unerfülltem Kinderwunsch? Vielleicht ist das ein Weg, meinen Experten. In Sachsen erhalten Ehepaare daher seit diesem Monat einen Zuschuss zu den Behandlungskosten. Bundesfamilienministerin von der Leyen findet den Ansatz zumindest interessant. Aber auch in Sachsen gilt der Zuschuss nur für Frauen zwischen 25 und 40 Jahren. Wer älter ist, muss die Behandlungskosten, die sich auf 5.000 Euro belaufen können, komplett selber bezahlen.

Von:Eva Becker