KOMPAKT-THEMA:

Geschlechter
Gute Jungs sind wie Mädchen

Kleine Jungs haben es heute schwer. Ständig schimpfen die Erzieherinnen: Sie sollen leiser sein. Und raufen ist sowieso verboten. Den Jungs tut das gar nicht gut, findet der bekannte Erziehungswissenschaftler Wolfgang Bergmann. Hier seine Streitschrift gegen Erzieherinnen. Und wie denken Sie darüber?

Müssen den Jungs "männliche" Eigenschaften ausgetrieben werden?

Geschlechter: Gute Jungs sind wie Mädchen

Die Welt ist eng geworden für kleine Jungen. Normiert. Langweilig. Was Spaß macht, ist meistens verboten. Und was sie gut können, wird nirgends verlangt - im Kindergarten nicht, und in der Schule auch nicht. Sie sind zugestellt von einer pädagogischen Welt, in der sich alle verschworen zu haben scheinen, ihnen ihre kleinen "männlichen" Eigenschaften abzugewöhnen.

Da ist zum Beispiel der vierjährige Johannes. Was er will, ist ganz einfach: einerseits klein und behütet sein, am liebsten von Mama - und andererseits die Welt erobern, Sachen bauen und wieder kaputtmachen, am liebsten mit seinen Freunden und dem großen Papa im Hinterkopf.

Im Kindergarten darf Johannes dann malen. Und Papierbuchstaben ausschneiden. Dabei würde er, wie alle Jungen in seinem Alter, gern zeigen, was in ihm steckt. Und das hat er auch schon gemacht: Er brüllt dann los wie ein Raubtier, heftig und ungehemmt. Das klingt gewaltig, findet er. Und er fühlt sich für kurze Zeit sehr stark. Aber dieses Gefühl hält nicht an, denn da nähert sich schon eine liebe Erzieherin, legt ihm ganz sanft die Hand auf die Schulter und sagt: "Du, Johannes, wir wollten doch heute mal ganz ruhig sein."

Verstehen Erzieherinnen die Jungs nicht?

Leiden die Jungen darunter, dass sie in Krippe, Kindergarten und Grundschule fast nur von Frauen umgeben sind? Mehr männliche Erzieher könnten nicht schaden. Aber leider hat die Antikörperlichkeits- und Antimännlichkeitserziehung längst auf die männlichen Köpfe übergegriffen.

Ob da eine Frau oder ein Mann vor den Kindern steht, ist auch schon egal. Johannes hat jedenfalls das Gefühl, dass er nicht so sein darf, wie er gern sein würde. Was männlich ist an ihm, will hier keiner. Johannes ist, wie alle drei-, vierjährigen Jungen, gespannt auf die Welt. Nur: Diese weibliche pädagogische Welt, die ihn umgibt, ist nicht gespannt auf ihn. Sie versteht den kleinen Johannes nicht, und deshalb versteht Johannes sich auch selbst immer weniger.

Setzt das Leistungsdenken Jungs noch stärker unter Druck?

Die kleinen Jungen sind heute eingezwängt - zwischen einer allgegenwärtigen Harmonieseligkeit, die immer ganz motivierend und pädagogisch korrekt ist, und etwas, das den Erwachsenen noch wichtiger zu sein scheint als dieses merkwürdige Friedensideal: nämlich Leistung.

Kinder merken schon im Kindergarten, dass verglichen wird. Einer kann etwas besser als der andere - das beschäftigt die Mütter. Auch die Erzieherinnen übrigens, die schließlich möchten, dass ihre Gruppe nicht schlechter dasteht als die anderen Gruppen. Die kleinen Jungs müssen sich anstrengen heute, sie raufen nur noch, wenn keiner hinguckt (doch irgendeine pädagogische Fachkraft schaut immer).

Weibliche Pädagogik und Leistungsdenken - das ist für kleine Jungen eine schwer erträgliche Mischung. Denn einerseits wollen sie ihren Müttern und Erzieherinnen gefallen. Aber andererseits wollen sie raufen und schubsen - aber dann sind die Frauen leider traurig.

Müssen Jungs miteinander rangeln und raufen?

Jungs brauchen Raufereien für Ihre Sozialisation

Sollen wir etwa wegschauen, wenn die Jungs sich am Boden wälzen?, fragen die Mütter und Erzieherinnen jetzt. Wenn keine Gefahr im Verzug ist: Ja! Jungs müssen diese Erfahrungen machen, sie brauchen das für eine gesunde Sozialisation. Die kleinen Kämpfe sind ihre Art, sich mit anderen zu messen und ihre Rangordnung zu testen. Beim Rangeln, beim Schubsen und Ringen erleben sie ihren Körper und seine Stärke - und entwickeln dadurch die Empfindsamkeit, die nötig ist, um mit anderen mitzufühlen.

Wenn Jungen diesen Teil ihrer Männlichkeit ständig unterdrücken müssen, dürfen wir uns nicht wundern, dass die Polizei über zunehmende Brutalität bei Jugendlichen klagt, über 15-Jährige, die noch zutreten, obwohl ihr Opfer schon wehrlos am Boden liegt. Mit ein Grund dafür ist, dass viele gar nicht wissen, was sie mit ihren Tritten oder Schlägen anrichten. Weil sie als Kinder nie spielerisch gekämpft haben. Weil Kämpfen tabu war.

Die Jungen sind ein Problem, sagen die Erzieherinnen und Lehrerinnen. Dabei sind sie nur Jungen und dürfen es nicht sein.

Was denken Sie über Wolfgang Bergmanns Beitrag?

Was halten Sie von Wolfgang Bergmanns Beitrag? Werden die Jungs heute wirklich von den Erzieherinnen unterdrückt? Oder finden Sie es in Ordnung, wenn Jungen lernen, sich mehr zurückzunehmen? Diskutieren Sie diesen Artikel, indem Sie hier Ihre Meinung posten.

Von:Wolfgang Bergmann