Spracherwerb
Fünf Dinge übers Sprechenlernen, die Sie garantiert noch nicht wussten

So viel ist sicher: Mit vier Jahren können die meisten Kinder fließend sprechen. Aber jedes Kind verfolgt für dieses Ziel seine ganz eigene Strategie

Japanische Babys können "l" und "r" unterscheiden – ihre Eltern nicht

Spracherwerb: Fünf Dinge übers Sprechenlernen, die Sie garantiert noch nicht wussten
© mauritius images/ Image Source

Jeder von uns kennt mindestens einen Witz, in dem es um die Schwierigkeit erwachsener Japaner geht, die Laute "l" und "r" zu unterscheiden. Das Erstaunliche: Sechs Monate alte japanische Babys sind zu dieser Unterscheidung durchaus in der Lage. Diese und andere Untersuchungen rund um den Globus legen den Schluss nahe: Babys, egal in welchem Land dieser Welt sie geboren werden, sind Universalisten. Sie haben die Fähigkeit, sämtliche Laute und Lautkontraste, die die unzähligen Weltsprachen bereithalten, wahrzunehmen – und damit auch das Potenzial, jede von ihnen zu lernen

Ein Hund ist ein Fuchs ist eine Katze

Etwa jedes dritte Wort hat für Sprachanfänger nicht dieselbe Bedeutung wie für uns Erwachsene. Denn Kinder neigen zur sogenannten Überdehnung. Das heißt: Kleine Kinder kennen zunächst nur einen kleinen Teil der Merkmale, die die Bedeutung eines Wortes ausmachen. Erkennt das Kind einen Hund zunächst durch die Merkmale "vier Beine" und „braunes Fell“, ist es nur logisch, dass auch Füchse oder Ziegen als Hund bezeichnet werden.

Naturvölker sprechen nicht mit Kindern

Es gibt Kulturen, zum Beispiel in Mittelamerika und Papua-Neuguinea, in denen man mit kleinen Kindern nicht direkt spricht. Und erst das Wort an sie richtet, wenn sie die ersten Zwei-Wort-Sätze sprechen. Interessanterweise lernen diese Kinder genauso schnell und mühelos sprechen wie Kinder in allen anderen Kulturen. Allerdings zeichnen sich die besagten Völker dadurch aus, dass kleine Kinder rund um die Uhr wie selbstverständlich am Leben der Erwachsenen teilnehmen. Sie sind in die soziale Gruppe der Großfamilie integriert und hören permanent Sprache, die um sie herum gesprochen wird.

Warum wir mit Tieren und Kranken sprechen wie mit Kindern

Wenn wir mit Ein- bis Zweijährigen sprechen, tun wir das in einer ganz bestimmten Art - in hoher Tonlage, mit kurzen Sätzen, mit vielen Fragen, langsam und deutlich. Dieser Sprachcode ist allerdings nicht nur für Kinder reserviert. Wir sprechen ganz ähnlich, wenn wir mit Ausländern, alten und kranken Menschen und mit unseren Haustieren sprechen. Was dahintersteckt? Vermutlich der Wunsch, verstanden zu werden. Bei Ausländern nehmen wir an, dass sie unserer Sprache nicht so mächtig sind und wir deshalb einfach und langsam für sie sprechen müssen. Was wir bei alten und kranken Menschen annehmen, ist nicht so ganz klar. Gleiches gilt für unsere Haustiere. Mit ihnen sprechen wir Babysprache in Reinform. Vermutlich nicht, damit sie uns wirklich verstehen. Aber Tiere können die emotionalen Botschaften in unserer Sprachmelodie deuten.

Schwaben und Sachsen werden zweisprachig groß

Vorbei sind die Zeiten, als Hochdeutsch Sprechende ihre Dialekt sprechenden Mitmenschen mitleidig und ein wenig hochnäsig beäugten. Heute weiß man: Wer Dialekt und Hochdeutsch gleichermaßen lernt, hat einen eindeutigen Vorsprung. Ähnlich wie Kinder, die mit einer Fremdsprache groß werden, müssen auch Dialekt sprechende Kinder dauernd zwischen verschiedenen Sprachebenen hin und her schalten – und das trainiert Kreativität, Auffassungsgabe und abstraktes Denken!