Die Wahrnehmung ändert sich.
Sein Name ist Frido, und er rutscht im Möbelhaus-Kinderparadies nicht wie andere Kleinkinder sitzend ins Kugelbad, sondern mit dem Kopf voraus - und rammt beim Eintauchen noch mindestens drei andere Zwerge. Der Zweijährige sieht süß aus, ist eigentlich sehr gutmütig - und ein Gefahrensucher.
Alle bleiben auf Trab.
Mit Frido in die Eisdiele gehen heißt für seine Eltern: Einer stürzt den Kaffee hinunter und löst dann schnell den anderen ab, der gerade hinter Frido herläuft. "Wir müssen immer wachsam sein", sagt Claudia. Kinder wie ihr Sohn tragen ein höheres Unfallrisiko, sind kontaktfreudig und kennen keine Angst. Sie stürzen sich im Schwimmbad ins Schwimmerbecken und auf dem Spielplatz vom Klettergerüst. Außerdem ziehen sie immer durch, was sie sich in ihre kleinen Dickköpfe gesetzt haben.
Claudia und ihr Mann wollen Frido nicht ständig bremsen und schimpfen. Trotzdem besteht ihr Wortschatz vor allem aus "Nein!" und "Nicht!". "Verglichen mit ruhigeren Zeitgenossen fordern Kinder wie Frido die drei- oder vierfache Erziehungsleistung", sagt der Psychologe und Erziehungsberater Hans Berwanger.
Die Sozialkontakte bröckeln
Zumindest, wenn man nicht aufpasst. "Als wir mal eine befreundete Familie besuchten", erinnert sich Claudia, "hatte mein Sohn nichts Besseres zu tun, als in dem sehr gepflegten Garten das erstbeste Rankgitter zu besteigen. Unser Freund fand das gar nicht komisch und zog Frido persönlich wieder herunter. Was mein Sohn ihm natürlich ziemlich übel genommen hat."
Das Problem: Außenstehende sehen oft nur das Anstrengende, aber nicht die charmanten Seiten dieser Kleinkraftwerke. Was dazu führt, dass ihre Eltern manch eine Bekanntschaft nicht mehr pflegen und bestimmte Restaurants nicht mehr besuchen können. Und natürlich fragt man sich als Mutter oder Vater stets: Warum? Und warum trifft es uns?
Wenigstens entlastet es, zu wissen, dass ein großer Teil dieser Experimentierlust genetisch bedingt ist - angeborenes Temperament eben, das oft von einem Elternteil (oder beiden) vererbt wird. Was weniger beruhigend klingt: "Die Beobachtung 'wildes Kind' kann später durchaus in die Diagnose Aufmerksamkeits- Defizit-Syndrom/Hyperaktivität (ADHS) münden", sagt Hans Berwanger. Wenn beispielsweise Konzentrationsprobleme hinzukommen oder Schwierigkeiten, wichtige von unwichtigen Reizen zu unterscheiden. Da sind die Übergänge fließend, seriöse Diagnosen erst mit drei, vier Jahren möglich.





