Mehrsprachigkeit bei Kindern
"Kinder lernen viel unbefangener"

Rosemarie Tracy, Anglistik-Professorin und Leiterin der Forschungs- und Kontaktstelle Mehrsprachigkeit an der Universität Mannheim, im Interview über Englisch für Kleinkinder.

Mehrsprachigkeit bei Kindern: "Kinder lernen viel unbefangener"

Was bringen solche Kurse?

Studien, die den Nutzen bestimmter Englischkurse für Kleinkinder belegen würden, gibt es – bislang – nicht. Allerdings: Ein Kind, das von frühester Kindheit an regelmäßig Kontakt mit einer Fremdsprache hat, hat sehr gute Chancen, diese Sprache mal akzentfrei zu erlernen.

Was verstehen Sie unter „regelmäßigem Kontakt“?

Grundsätzlich stehen Quantität und Qualität nicht in direktem Verhältnis. Sicher lernt jemand, der fünfmal pro Woche Englischkassetten hört, leichter oder mehr als jemand, der dies nur einmal in der Woche tut. Besonders wichtig ist aber die Alltagsrelevanz. Sprich: Je selbstverständlicher ein Kind mit einer Sprache in Kontakt kommt, desto besser. Der Idealfall ist ein regelmäßiges, zwangloses Zusammentreffen mit Muttersprachlern – beispielsweise beim Besuch eines bilingualen Kindergartens.

Einmal pro Woche einen Kurs zu besuchen, halten Sie für vergleichsweise wenig effektiv?

Sagen wir lieber so: Schaden wird es ganz sicher nicht. Allerdings sollte man nicht erwarten, dass sich ein Kind einen großen Wortschatz oder die Grammatik des Englischen aneignet. Denn gerade am Anfang läuft in den Kursen viel über Lieder und formelhafte Äußerungen, und es ist nicht unbedingt eine Leistung, eine Floskel nachzusprechen – das können auch Papageien.

Was die Kurse meines Erachtens aber können, ist, Spaß und Interesse an einer Sprache oder am Sprachenlernen vermitteln. Bei Kindern kommen ja noch nicht die Hemmungen oder schlechten Erfahrungen ins Spiel, die Erwachsene beim Erlernen einer Sprache oft blockieren. Kinder lernen viel unbefangener, und sie lernen Dinge beiläufig. Am besten lernen sie, wenn die Sprache für sie mit etwas Positivem besetzt ist. Wie bei Emilia, für die die englische Sprache für den erlebten Kanada- Urlaub oder den netten Freund aus den USA steht.

Was spricht generell für einen frühen Zweitspracherwerb?

Je früher dem Gehirn sprachliche Muster präsentiert werden, desto bereitwilliger wird es sie aufnehmen. Das Wissen um das Sprachlerntalent des kindlichen Gehirns sollte Eltern aber nicht unter Zugzwang setzen, wenn es um den Erwerb von Fremdsprachen geht. Alles mit Augenmaß! Eine Stunde Fahrtzeit in Kauf zu nehmen, nur damit das Kind ein paar Takte Englisch pro Woche hört, lohnt sich sicher nicht. Da wäre die Zeit sinnvoller zu Hause beim Vorlesen eines schönen Buchs investiert.

Von:Elisabeth Hussendörfer