Geschlechter

Gute Jungs sind wie Mädchen

Weiterleiten Drucken

Müssen den Jungs "männliche" Eigenschaften ausgetrieben werden?


Die Welt ist eng geworden für kleine Jungen. Normiert. Langweilig. Was Spaß macht, ist meistens verboten. Und was sie gut können, wird nirgends verlangt - im Kindergarten nicht, und in der Schule auch nicht. Sie sind zugestellt von einer pädagogischen Welt, in der sich alle verschworen zu haben scheinen, ihnen ihre kleinen "männlichen" Eigenschaften abzugewöhnen.

Da ist zum Beispiel der vierjährige Johannes. Was er will, ist ganz einfach: einerseits klein und behütet sein, am liebsten von Mama - und andererseits die Welt erobern, Sachen bauen und wieder kaputtmachen, am liebsten mit seinen Freunden und dem großen Papa im Hinterkopf.

Im Kindergarten darf Johannes dann malen. Und Papierbuchstaben ausschneiden. Dabei würde er, wie alle Jungen in seinem Alter, gern zeigen, was in ihm steckt. Und das hat er auch schon gemacht: Er brüllt dann los wie ein Raubtier, heftig und ungehemmt. Das klingt gewaltig, findet er. Und er fühlt sich für kurze Zeit sehr stark. Aber dieses Gefühl hält nicht an, denn da nähert sich schon eine liebe Erzieherin, legt ihm ganz sanft die Hand auf die Schulter und sagt: "Du, Johannes, wir wollten doch heute mal ganz ruhig sein."

Verstehen Erzieherinnen die Jungs nicht?

Community
> zur Forenübersicht

Leiden die Jungen darunter, dass sie in Krippe, Kindergarten und Grundschule fast nur von Frauen umgeben sind? Mehr männliche Erzieher könnten nicht schaden. Aber leider hat die Antikörperlichkeits- und Antimännlichkeitserziehung längst auf die männlichen Köpfe übergegriffen.

Ob da eine Frau oder ein Mann vor den Kindern steht, ist auch schon egal. Johannes hat jedenfalls das Gefühl, dass er nicht so sein darf, wie er gern sein würde. Was männlich ist an ihm, will hier keiner. Johannes ist, wie alle drei-, vierjährigen Jungen, gespannt auf die Welt. Nur: Diese weibliche pädagogische Welt, die ihn umgibt, ist nicht gespannt auf ihn. Sie versteht den kleinen Johannes nicht, und deshalb versteht Johannes sich auch selbst immer weniger.

Setzt das Leistungsdenken Jungs noch stärker unter Druck?

Die kleinen Jungen sind heute eingezwängt - zwischen einer allgegenwärtigen Harmonieseligkeit, die immer ganz motivierend und pädagogisch korrekt ist, und etwas, das den Erwachsenen noch wichtiger zu sein scheint als dieses merkwürdige Friedensideal: nämlich Leistung.

Kinder merken schon im Kindergarten, dass verglichen wird. Einer kann etwas besser als der andere - das beschäftigt die Mütter. Auch die Erzieherinnen übrigens, die schließlich möchten, dass ihre Gruppe nicht schlechter dasteht als die anderen Gruppen. Die kleinen Jungs müssen sich anstrengen heute, sie raufen nur noch, wenn keiner hinguckt (doch irgendeine pädagogische Fachkraft schaut immer).

Weibliche Pädagogik und Leistungsdenken - das ist für kleine Jungen eine schwer erträgliche Mischung. Denn einerseits wollen sie ihren Müttern und Erzieherinnen gefallen. Aber andererseits wollen sie raufen und schubsen - aber dann sind die Frauen leider traurig.

Müssen Jungs miteinander rangeln und raufen?

Sollen wir etwa wegschauen, wenn die Jungs sich am Boden wälzen?, fragen die Mütter und Erzieherinnen jetzt. Wenn keine Gefahr im Verzug ist: Ja! Jungs müssen diese Erfahrungen machen, sie brauchen das für eine gesunde Sozialisation. Die kleinen Kämpfe sind ihre Art, sich mit anderen zu messen und ihre Rangordnung zu testen. Beim Rangeln, beim Schubsen und Ringen erleben sie ihren Körper und seine Stärke - und entwickeln dadurch die Empfindsamkeit, die nötig ist, um mit anderen mitzufühlen.

Jungs brauchen Raufereien für Ihre Sozialisation

Wenn Jungen diesen Teil ihrer Männlichkeit ständig unterdrücken müssen, dürfen wir uns nicht wundern, dass die Polizei über zunehmende Brutalität bei Jugendlichen klagt, über 15-Jährige, die noch zutreten, obwohl ihr Opfer schon wehrlos am Boden liegt. Mit ein Grund dafür ist, dass viele gar nicht wissen, was sie mit ihren Tritten oder Schlägen anrichten. Weil sie als Kinder nie spielerisch gekämpft haben. Weil Kämpfen tabu war.

Die Jungen sind ein Problem, sagen die Erzieherinnen und Lehrerinnen. Dabei sind sie nur Jungen und dürfen es nicht sein.

Was denken Sie über Wolfgang Bergmanns Beitrag?

Was halten Sie von Wolfgang Bergmanns Beitrag? Werden die Jungs heute wirklich von den Erzieherinnen unterdrückt? Oder finden Sie es in Ordnung, wenn Jungen lernen, sich mehr zurückzunehmen? Diskutieren Sie diesen Artikel, indem Sie hier Ihre Meinung posten.

von Wolfgang Bergmann

Wolfgang Bergmann ist diplomierter Erziehungswissenschaftler und leitet das Institut für Kinderpsychologie und Lerntherapie in Hannover. Er ist Autor vieler Bücher wie "Kleine Jungs - große Not".


Weiterleiten Drucken

Eltern.de User, die sich für Schwangerschaft, Geburt, Babys und alle weiteren Familien-Themen interessieren, treffen sich im Eltern.de Forum.

Fruchtbarkeitskalender, mobile Website und ganz neu die Eltern.de-App: Eltern.de für unterwegs.

> Zu den Produkten Eltern family-Probeabo

Jetzt Eltern family testen + Geschenk sichern!

ELTERN family zum Kennenlernen: Lesen Sie 3 x ELTERN family im Probeabo, sparen Sie 27 % und freuen Sie sich über ein ELTERN family Geschenk Ihrer Wahl gratis!




 
  • von MAMI2008 am 16. Juli 2014, 22:06 Uhr

    DAS STIMMT: MEIN SOHN 5JAHRE IST IM KINDERGARTEN IMMER DER BÖSE JUNGE ;ER HAT SICH GERAUFT DANN HEISST ES GLEICH DER BÖSE BÖSE JUNGE!!!!DAS IST ECHT SCHON NERFIG VON DER KINDERGÄRTNERIN!!


  • von annette am 8. Mai 2014, 21:45 Uhr

    Die Ausführungen von Herrn Bergmann sind teils richtig.Bin Mutter von einer Tochter und einem Jungen Die Aussage, dass 15 jährige auf eine Person einprügeln, weil sie ihre Männlichkeit immer unterdrücken müssen ist sehr gefährlich und meiner Ansicht nach falsch (wenn sie denn mal genau so gemacht wurde) solche "Abartigkeiten" sind meiner Meinung nach ein Problem der Medien in welcher Gewalt alltäglich ist und es zum Realitätsverlust kommen kann.


  • von J am 4. Dezember 2013, 12:58 Uhr

    ...sind wie Mädchen.
    Aha, denn Mädchen raufen ja nie, rennen nicht, machen sich nie schmutzig.
    Bei allem Respekt für die wichtige Perspektive in diesem Artikel auf die Bedürfnisse und Erziehung von Jungs - hier wird blind der Stereotyp von Mädchen herangezogen, wie sie leider oft noch immer erzogen werden.


  • von Sabine Julie Putzmann am 28. September 2012, 10:45 Uhr

    Ich habe 2 Töchter und einen Jungen, der raufen will und mit zwei Brüdern aufgewachsen, die damals auch ständig gerauft haben. Sie sind nicht immer in Frieden auseinandergegangen aber haben gelernt, daß man nicht immer gewinnen kann und muß. In Kindergarten und Schule wird die Rauferei unterbunden. Doch dieser Trieb kann nicht ständig unterdrückt werden. Auf der weiterführenden Schule ist zu beobachten, daß die Jungen jetzt mit aller Macht einfordern, was so lange von den Erziehenden nicht akzeptiert wurde. Aber auch hier sehe ich nur herumschreiende männliche!! Pädagogen, die wieder die Kämpfe verhindern wollen, anstatt sich die Bande einmal vorzuknöpfen und das Ringen und Raufen mit Regeln zu üben. Jungen müssen sich aneinander messen dürfen, um ihre Position zu erkämpfen und sind dankbar, wenn ihnen jemand erlaubt, bis an die Grenze zu gehen. Dann sind sie zufriedener und umgänglicher, als wenn sie zu Hause computergesteuerte Kämpfe durchspielen.


  • von sylvie am 15. August 2012, 21:34 Uhr

    Als Mutter von einem Jungen und einem Mädchen muss ich jetzt auch mal sagen: Quatsch. Es hat doch keiner was gegen wilde Jungs, sondern gegen Kinder, die sich grenzenlos unsozial verhalten. Im Klartext: raufen ja, von der Rutsche schubsen nein. Schreien ja, kleinere Kinder verprügeln nein. Leider erlebe ich oft hilflose Mütter, die sich in dieses "sind halt Jungs" flüchten. Klar muss man faires Raufen und Ringen lernen. Aber da braucht es Eltern, die klarstellen: hier ist die Grenze. Und das bedeutet: viel, viel Zeit mit den Kindern verbringen. Und da ist doch das Problem. Das mit den weiblichen Kondergartenkräften st doch Quatsch. Kinder bis 7 Jahre werden doch seit tausenden von Jahren im Wirkungsbereich der Frauen erzogen.


(52 Kommentare)

Kommentar schreiben »
Name
E-Mail

Kommentar (max. 1000 Zeichen)

Bild hochladen (optional)


* Bitte geben Sie eine gültige E-Mail Adresse ein. Diese wird später nicht auf unserer Seite zu sehen sein. Um Missbrauch zu vermeiden, senden wir Ihnen jedoch eine Mail mit einem Aktivierungslink. Einfach anklicken und schon ist ihr Beitrag online.