Kindergärten in Deutschland

"Die Betreuung in Deutschland ist total ungerecht!"

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Kindergärten in Deutschland: Nicht überall gibt es genügend Plätze


Es ist ungerecht, dass der Wohnort darüber entscheidet, ob man einen Betreuungsplatz findet oder nicht. Während 2010 im Landkreis Jerichower Land (Sachsen-Anhalt) etwa 62 Prozent der unter Dreijährigen eine Krippe besuchen konnten, waren es im Landkreis Cloppenburg (Niedersachsen) noch nicht mal sieben Prozent. Auch die Versorgung mit Kindergartenplätzen ist alles andere als optimal. Im Kreis Dithmarschen (Schleswig-Holstein) gab es nur für 78 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen einen Platz, dagegen in Neubrandenburg (Mecklenburg-Vorpommern) ein Überangebot von knapp 108 Prozent. Das bedeutet: Manche Kin der profitieren nicht so frühvon öffentlichen Bildungsangeboten wie andere, und manche Eltern haben nicht so gute Möglichkeiten, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren, wie andere.
(Quelle: Statistische Ämter des Bundes und der Länder 2011)

Kindergärten in Deutschland: Unterschiedlich hohe Gebühren

Es ist ungerecht, dass Durchschnittsverdiener-Familien in Bremen 1752 Euro im Jahr für einen Halbtagsplatz im Kindergarten zahlen müssen, in Heilbronn oder Zwickau aber keinen Cent. Wie ein Vergleich der 100 größten deutschen Städte von 2010 zeigt, stellen inzwischen neun Städte den Kindergartenbesuch komplett kostenfrei. Andere können oder wollen sich das nicht leisten und belasten die Mütter und Väter finanziell erheblich. Spitzenreiter sind Tübingen und Potsdam. Gut verdienende Eltern mit zwei Kindern im Kindergarten werden hier mit knapp 3700 Euro jährlich zur Kasse gebeten. Dieses Geld haben sie, anders als Eltern in Düsseldorf oder Mainz zum Beispiel, nicht mehr für Musikunterricht oder andere Aktivitäten zur Verfügung. Eine krasse Ungleichbehandlung.
(Quelle: INSM/ELTERN-Kitamonitor 2010, weitere Infos dazu finden Sie auch hier)

Kindergärten in Deutschland: Stark schwankende Personalschlüssel

Es ist ungerecht, dass es vom Wohnort eines Kindes abhängt, mit wie vielen anderen Kindern es sich eine Erzieherin teilen muss: 2009 schwankte der Personalschlüssel in Kinderkrippen zwischen den Extremen 1 zu 3,5 im Saarland und 1 zu 7,5 in Brandenburg. Bei den Drei- bis Sechsjährigen reicht die Spanne von 1 zu 7,4 in Bremen bis 1 zu 13,1 in Mecklenburg-Vorpommern. Mehr Kinder pro Erzieherin - das bedeutet gerade für Ein- und Zweijährige eine deutliche Benachteiligung, zumal der direkte Zusammenhang zwischen Personalschlüssel und Krippenqualität wissenschaftlich nachgewiesen ist. Ganz zu schweigen von der höheren emotionalen Belastung in großen Gruppen.
(Quelle: Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2010)

Kindergärten in Deutschland: Migrantenkinder bleiben oft unter sich

Es ist ungerecht, wenn Migrantenkinder in Kitas oft unter sich bleiben. So ballt sich in Berlin mehr als die Hälfte der nicht deutschstämmigen Kinder in Kitas, in denen die Mehrheit nicht Deutsch als Familiensprache hat. Im Bundesdurchschnitt betrifft das immer noch mehr als ein Drittel aller Migrantenkinder. Das mag unterschiedlichste Gründe haben - Tatsache ist: Hier handelt es sich um eine Ungleichbehandlung von Migrantenkindern, die in Kitas mit weniger als 25 Prozent Ausländeranteil deutlich bessere Chancen hätten, Deutsch zu lernen.
(Quelle: Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2010)

Kindergärten in Deutschland: Eine optimale Betreuung für behinderte Kinder ist nicht überall gewährleistet

Es ist ungerecht, dass es vom Wohnort einer Familie abhängt, wie ihr behindertes Kleinkind betreut wird. So wurden 2009 in Bayern fast zwei Drittel aller Kleinkinder mit Behinderung in Sondereinrichtungen betreut, in Sachsen-Anhalt kein einziges. Dort nämlich besuchen 99,9 Prozent eine integrative Kita, wogegen in Bayern nur ein Drittel gemeinsam mit nicht behinderten Kindern betreut wird.
(Quelle: Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2010)

Kindergärten in Deutschland: Unterschiedliche Ausbildung des Betreuungspersonals

Es ist ungerecht, wie unterschiedlich das Betreuungspersonal in Deutschland ausgebildet ist. In Thüringen bringen 94 Prozent eine Erzieherinnen-Ausbildung oder ein Sozialpädagogik-Studium mit. In Bayern sind es dagegen nur knapp 54 Prozent - dort ist der Anteil niedriger qualifizierter Kinderpflegerinnen mit fast 39 Prozent besonders hoch.
(Quelle: Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2010)

Kindergärten in Deutschland: Kommunen investieren unterschiedlich viel Geld

Es ist ungerecht, dass einige Länder und Kommunen viel weniger Geld für die Betreuung ausgeben als andere. 2009 variierten die Ausgaben der öffentlichen Hand laut Jugendhilfestatistik zwischen 7513 Euro in Berlin und 3154 Euro in Mecklenburg-Vorpommern pro betreutem Kind unter 14 Jahren. Höhere Ausgaben lassen nicht nur ein besseres Angebot für die Kinder vermuten - sie wirken sich meist auch positiv auf die Arbeitsbedingungen für die Erzieherinnen aus.
(Quelle: Statistisches Bundesamt)

Kindergärten in Deutschland: Ein Fazit

Unsere Kinder werden in Krippe, Kindergarten und Hort höchst ungleich behandelt. Darunter leiden die Eltern, die Fachkräfte und vor allem die Kinder selbst. Besonders die Ungleichbehandlung von Kindern unter drei Jahren wird zum Problem, weil sich das direkt auf ihre Entwicklung und ihre Bildungschancen auswirkt - die ersten Lebensjahre gelten Wissenschaftlern als die wichtigsten Bildungsjahre.

Viele dieser Ungerechtigkeiten haben ihre Ursache im Föderalismus, der Ländern und Kommunen die Verantwortung für Bildung und Betreuung überträgt. Es wird Zeit, an diesem System etwas zu ändern. Hier ist die Bundesregierung in der Verantwortung. Schließlich erwartet das Grundgesetz vom Bund, Gesetze so zu gestalten, dass überall in Deutschland gleichwertige Lebensverhältnisse herrschen. Davon sind wir leider weit entfernt.

Kindergärten in Deutschland: Was empfinden Sie als besonders ungerecht?

Jetzt sind Sie als Eltern von Kindergartenkindern gefragt: Empfinden Sie die aufgeführten Beispiele tatsächlich als ungerecht? Oder haben Sie an Ihrem Wohnort sogar noch weitere Benachteiligungen festgestellt? Schreiben Sie uns Ihre Meinung und Ihre Erfahrungen in Form eines Kommentars unter diesen Artikel - wir sind gespannt!

von Dr. Martin Textor

Dr. Martin Textor ist Diplom-Pädagoge. Der Autor und Herausgeber zahlreicher Fachbücher und Online-Angebote leitet zusammen mit seiner Frau das Institut für Pädagogik und Zukunftsforschung in Würzburg


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  • von Susann am 25. Juli 2014, 16:31 Uhr

    Ich habe mein Kind aus der Kita genommen, meine Arbeitszeiten verlegt, da wir in Magdeburg auch für einen Ganztagspl. 400-450 EUR/Mon. inkl. Essen zahlten.
    Die angeblich neuen Kindergärten (zu Anfang 2014) waren von Anfang an zu 50 % der zu schließenden Kindergärten voll.
    Ich sehe es ja ein für einen GUTEN Platz auch Geld zu zahlen (Kindergeld 180-max.200EUR inkl. Essen!), aber nicht für einen Kindergarten, der den Kindern nur dann ein Eis gibt, wenn die Eltern auch in die Gruppenkasse (extra) einzahlen, wenn nicht ist es ein Außenseiter!
    Dieses aussortieren, ausschließen von Kindern ist für die Kinder ein schlechtes Beispiel. (Leider ein reales!)

    Das bezahle ich jetzt lieber in eine Privatschule (kosten ca. 250-320 EUR/Mon. mit Essen - also erheblich weniger!) bekomme dafür eine gute Betreuung, und ein Individuelles Packet.
    Ich muss nicht mein erarbeitetes Geld in den Rachen der Stadt werfen.


  • von Artemis am 12. Oktober 2012, 09:25 Uhr

    Ungeleichbehandlung auf der ganzen Linie?
    Wir zahlen seit Jahren Betreuungsgeld für Tagesmutti, Kita, dann Offener Ganztagsschule. Geld, das ein Loch in die Haushaltsasse reißt. Da unsere Kinder 2003 und 2006 geboren wurden, profitieren wir von sämtichen neuen sozialen Leistungen für Familien nicht, wie Elterngeld, Väterzeit, höhere Riesterrente seit 2008, freies Kitajahr (hatten wir nur 1 Jahr bei Kind 2, dafür verdoppelten sich OGS-Gebühren für Kind 1) o.a. Vergünstigungen. Gar nicht zu Reden von der Herdprämie, die für berufstätige Muttis, die sich Tag für Tag krumm machen, einfach unfassbar ist. Mich würde eine Studie zur Frage der Ungleichbehandlung von Familien sehr interessieren. Wie viel mehr Geld bleibt Familien je nach Bundesland, je Geburtsjahr (wir reden hier von Uterscheiden von 2 Jahren!)? Danke!


  • von Marianne am 13. Februar 2012, 17:54 Uhr

    Ich bin grad ein bischen geschockt was die Betreuung so in Deutschland kostet. Bei uns in Magdeburg zahle ich für die Ganztagsbetreuung 130 Euro pro Monat plus 30 Euro Essengeld. Zum Thema Betreuungsschlüssel muss ich sagen das sich für uns der Trägerwechsel ausgezahlt hat. Wir sind von der AWO mit zwei Teilzeitkräften auf 25 Kinder, zur Katholischen Kirche mit 3 Erziehern und einem FSJ`ler auf die selbe Gruppengröße gewechselt, zwischen den beiden Einrichtungen lag nur ein Km Entfernung.


  • von Sebastian am 8. Februar 2012, 08:56 Uhr

    Also ich finde es, wie eben schon erwähnt, eine Unding das es überhaupt in Deutschland so einen Riesen unterschied zwischen den ganzen Kommunen gibt. Jede kann machen was sie will ob es dann sinnvoll ist da gibt es keine richtigen Regeln für. Ich habe nichts dagegen einen Kindergartenbeitrag zu bezahlen aber ich finde es Unverschämmt und es ist fast eine Zwingen das wenn man mit zwei arbeiten geht das man dann fast den Höchsten satz bezahlen muss. Ergo wenn man nicht arbeiten geht oder Niedriglöhner ist bezahlt man wenig wenn man das Glück hat das beide arbeiten gehen können bezahlt man den vollen Satz. Das finde ich nicht gerecht weil man geht ja nicht arbeiten weil man nichts besseres zu tun hat. Alle Kinder sind gleich und haben auch das gleiche Verdient eine Vernünftige Betreuung die vernünftig Entgeltet wird und genug Kita Plätze. Da ist unsere Regierung gefragt. Es sollte ein Einheitsgesetzt der Satzung für Kindergartenbeiträge geben im ganzen Land.


  • von Marion am 28. November 2011, 11:50 Uhr

    Ich finde es wahnsinnig ungerecht, wie unterschiedlich die Kindergartenkosten innerhalb Deutschlands sind. Wir zahlen hier in Pinneberg in Schleswig-Holstein für unsere beiden Kinder (1 Krippe und 1 Kindergarten) 670 EUR jeden Monat!!! Und da ist schon eine Geschwisterchen-Ermäßigung für Kind 2 drin! Im Moment (ich bin auf der Arbeitssuche) müssen wir ständig an unser Erspartes ran. Nach den regelmäßigen Abzügen für Haus, Versicherungen usw. bleiben für unsere 4-köpfige Familie keine 100 EUR übrig! Wieso können die kinderlosen Freunde sich ohne mit der Wimper zu zucken Reisen nach Neuseeland und teure Wohnungen mitten in der Stadt leisten? Und wir, die wir die Rente sichern, müssen darüber nachdenken, ob man sich ein NEUE Kinderregenjacke leisten kann??


(21 Kommentare)

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