KOMPAKT-THEMA:

Meinungssache
Unsere Kinder - alles kleine Tyrannen?

Dieses Verzärteln sei nämlich ganz und gar nicht im Sinne des Kindes: Wie sollte es sonst je selbstständig werden? Wenn ein Baby in seinem Bettchen schreit und weint, gibt es für sie nur eine richtige Reaktion: "Dann, liebe Mutter, werde hart! Fange nur ja nicht an, das Kind aus dem Bett herauszunehmen, es zu tragen, zu wiegen, zu fahren oder es auf dem Schoß zu halten, es gar zu stillen. Das Kind begreift unglaublich rasch", droht die Autorin. "Nach kurzer Zeit fordert es diese Beschäftigung mit ihm als ein Recht, gibt keine Ruhe mehr, bis es wieder getragen, gewiegt oder gefahren wird - und der kleine, aber unerbittliche Haustyrann ist fertig."

Das Buch passte den Nationalsozialisten wunderbar in den Kram: Die frühzeitig abgehärteten Früchte dieser Erziehung, so hofften sie, würden später ausgezeichnete Soldaten für Führer, Volk und Vaterland abgeben. Johanna Haarer war mit ihnen ideologisch da ganz auf einer Linie, wie der Titel eines weiteren Buches aus ihrer Feder zeigt: Mutter - erzähl von Adolf Hitler.

Ungünstige Schlafgewohnheiten?

Zum Beispiel abends, wenn wir unser Baby lehrbuchmäßig satt und müde in sein Bettchen gelegt haben - und es augenblicklich brüllt wie am Spieß. Sofort rausnehmen? Oder erstmal liegen lassen? So streitet das Herz, das das verzweifelte Schreien schier nicht aushalten kann, mit dem Kopf, der die Ratgeber gelesen hat. Neue, moderne Ratgeber. Die trotzdem die Angst schüren, sein Kind zu verwöhnen. Und, noch schlimmer: Sich von seinem Kind manipulieren zu lassen. Ein schönes Beispiel dafür ist der Ratgeber Jedes Kind kann schlafen lernen, auch in der neuesten Auflage noch.

Der kommt zunächst ganz harmlos daher, und auf den ersten Seiten ist viel vom Wert der Nähe und der Liebe zu lesen, die Eltern ihren Kindern auf keinen Fall versagen sollten. Nur: "Ungünstige Einschlafgewohnheiten" sollten sich daraus nun auch wieder nicht entwickeln. Deshalb sei es nun wahrlich keine gute Idee, ein in seinem Bettchen weinendes Baby herauszunehmen und zu wiegen, zu fahren oder gar an der Brust einschlafen zu lassen. Stattdessen soll man es schreiend und weinend in seinem Zimmer liegen lassen und nur alle paar Minuten nach ihm sehen, damit es lernt, alleine einzuschlafen. Diesen Lernprozess erklärt sich die Autorin Anette Kast-Zahn folgendermaßen: Das Baby "kommt zu dem Schluss: ,Ich strenge mich an und schreie, und was passiert? Für das bisschen Zuwendung lohnt sich der Aufwand nicht. Da schlafe ich lieber. [...] Länger schreien bringt auch nicht mehr. Meine Eltern machen trotzdem nicht genau das, was ich will.’!