Meinungssache

Unsere Kinder - alles kleine Tyrannen?

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Dieses Verzärteln sei nämlich ganz und gar nicht im Sinne des Kindes: Wie sollte es sonst je selbstständig werden? Wenn ein Baby in seinem Bettchen schreit und weint, gibt es für sie nur eine richtige Reaktion: "Dann, liebe Mutter, werde hart! Fange nur ja nicht an, das Kind aus dem Bett herauszunehmen, es zu tragen, zu wiegen, zu fahren oder es auf dem Schoß zu halten, es gar zu stillen. Das Kind begreift unglaublich rasch", droht die Autorin. "Nach kurzer Zeit fordert es diese Beschäftigung mit ihm als ein Recht, gibt keine Ruhe mehr, bis es wieder getragen, gewiegt oder gefahren wird - und der kleine, aber unerbittliche Haustyrann ist fertig."

Das Buch passte den Nationalsozialisten wunderbar in den Kram: Die frühzeitig abgehärteten Früchte dieser Erziehung, so hofften sie, würden später ausgezeichnete Soldaten für Führer, Volk und Vaterland abgeben. Johanna Haarer war mit ihnen ideologisch da ganz auf einer Linie, wie der Titel eines weiteren Buches aus ihrer Feder zeigt: Mutter - erzähl von Adolf Hitler.

Distanz statt Bindung

Der Spuk war auch nach Ende des Zweiten Weltkriegs noch lange nicht vorbei!

Die Psychologin Sigrid Chamberlain wies in den neunziger Jahren nach, dass Haarers Erziehungstipps den Nazis tatsächlich in die Hände spielten. Der Grund: Die Kinder blieben massenweise einem ungestillten Bedürfnis nach Bindung zurück. In "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind" werden selbst Stillpositionen, die Mütter intuitiv einnehmen, um mit ihrem Baby Blickkontakt zu haben, verteufelt: Es geht schließlich um Nahrungsaufnahme, nicht um Zärtlichkeit. Wer als Kind so extrem auf Distanz gehalten und zurückgewiesen wird, argumentiert Chamberlain, bindet sich als Heranwachsender umso unkritischer an jeden, der ihm scheinbar endlich Liebe, Nähe und Respekt entgegenbringt. Und sei es der Führer, für den man in den Krieg ziehen soll.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs war der Spuk allerdings noch lang nicht vorbei. Johanna Haarers Machwerk wanderte nämlich nicht etwa in die Mottenkiste der Schwarzen Pädagogik. Im Gegenteil: Um "Volk" und "Führer" bereinigt, aber in seiner Aussage ansonsten unverändert stand es ab 1949 wieder in den Buchläden - nun unter dem Titel "Die Mutter und ihr erstes Kind", aber ungeniert beworben mit den gigantischen Verkaufszahlen aus der Nazizeit. Mit Erfolg: Die letzte Auflage ging im Jahr 1987 (!) in den Druck, und bis heute ist das Werk in allen seinen Auflagen der meistverkaufte Erziehungsratgeber Deutschlands. Was konkret bedeutet: Es prägte die Erziehungsvorstellungen von mindestens zwei Generationen, eher drei.

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  • von Olja am 27. Juli 2012, 21:23 Uhr

    TEIL 2 - Ich denke an mich als Kind zurück - waren "Erwachsenen" Themen angebracht war ich nicht Teil der Diskussion. Und ich bin froh darüber. Meine beiden Kinder dürften niemals entscheiden wohin es zum Urlaub geht, wie wir den Geburtstag der Freunde feiern, ja, nicht mal das tägliche Essen wird von Ihnen bestimmt. Sondern von mir. Ich fühle mich sehr wohl damit. Meine Kinder sind Kinder. Auch sie fühlen sich, meine ich als Mutter zu wissen, wohl damit. Wie die Autorin schamlos einen Zusammenhang zum dritten-Reich Ratgeber aufstellt, finde ich freilich fragwürdig. Generell kein empfehlenswerter Artikel - vor allem weil auch, wieder typisch deutsch, nur geschimpft wird und keine Lösungsvorschläge außer dem bereits erwähnten "Liebe, Partnerschaft..." Schmuh genannt werden. Frau Imlau sollte einen Nachmittag in dem Stuhl eines Kinderpsychiaters oder einer Lehrerin sitzen und dann diese sanften Töne verbreiten.


  • von Olja am 27. Juli 2012, 21:23 Uhr

    TEIL 1 - Ich schließe mich dem Großteil der Meinungen hier an - warum maßt sich Frau Imlau an einen Artikel über ein Buch zu schreiben dass sie offensichtlich nie gelesen hat? Schon im mittlerweile typisch für alle ELTERN-Artikel Tenor des "partnerschaftlich, respektvoll" blablabla Tenors merkt man die Polemik der Autorin. Liebe, natürlich, Respekt, natürlich. Partnerschaft, nein. Genau das beschreibt das Buch, das übrigens von zumindest mir nicht als Ratgeber verstanden wurde sondern als Bericht zum status quo, von einem Menschen der Erfahrung in der Thematik hat. Was ist Frau Imlaus Erfahrung? Rezensionen schreiben und verteufeln ohne das Werk verstanden zu haben?


  • von Verena am 19. Oktober 2011, 22:42 Uhr

    Ich kann mich der Rose nur anschließen! Der Artikel ist vollkommen sinnfrei und es scheint, als habe der Verfasser das Buch von Herrn Winterhoff nicht mal gelesen bevor der unterirdische Vergleich mit 77 Jahre alter "typisch deutscher" Pädagogik publiziert wurde. Grundsätzlich sollte man nicht alles glauben, was man liest aber um sich ein eigenes Bild zu machen sollte man zumindest gelesen haben!


  • von Rose am 25. Februar 2011, 10:51 Uhr

    Dr. Michael Winterhoff auf eine Stufe zu stellen mit Johanna Haarer ist völlig fehl am Platz. Mal abgesehen davon, dass Herr Dr Winterhoff der Überzeugung ist, dass wir bessere Eltern sind, gerade WENN wir uns auf unsere Intuition verlassen!
    Und dem kann ich mich nur anschließen.
    Der Artikel ist in jedem Fall völlig danebengegriffen und versucht Ähnlichkeiten aufzuzeigen wo es gar keine gibt!!!!


  • von Nicole am 13. Dezember 2010, 20:05 Uhr

    Absoluter Quatsch,wenn Kinder sich so verhalten,dann rebellieren sie wohl gegen irgendwas oder irgendwen,undda gilt es,eine gemeinsame Lösung dafür zu finden


(89 Kommentare)

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