KOMPAKT-THEMA:

Meinungssache
Unsere Kinder - alles kleine Tyrannen?

Kinderhaben muss einfach schrecklich sein. Glaubt man aktuellen Büchern und Artikeln, sind wir von egoistischen, herrschsüchtigen Monstern umgeben - und als Eltern selbst daran schuld. Leider hat das Tyrannen-Image hierzulande Tradition. ELTERN-Autorin Nora Imlau fordert: Ab damit in die Mottenkiste! Und wie denken Sie darüber? Diskutieren Sie diese Woche mit Nora Imlau über das Thema.

Der kleine Haustyrann ist der absolute Albtraum

Meinungssache: Unsere Kinder - alles kleine Tyrannen?
© Lorraine Swanson - Fotolia.com

Eltern sollten besser keine Buchhandlung mehr betreten. Jetzt müssen sie nicht mehr nur "Erziehungsnotstand" und "Pisa-Katastrophe" fürchten. Jetzt bekommen sie auch wieder vielfach vor Augen geführt, "Warum unsere Kinder Tyrannen werden". Glaubt man dem so betitelten Buch des Psychiaters Michael Winterhoff, geht das ganz schnell: Eltern, die lieber partnerschaftlich als hierarchisch erziehen, Großeltern, die ihre Enkelkinder auch mal verwöhnen, dazu ein Kindergarten, in dem die Kleinen selbst entscheiden dürfen, was sie spielen - mehr braucht es nicht, und schon ist er fertig: der kleine Haustyrann. Das ist ein wahrlich unsympathischer Zeitgenosse: egoistisch, unselbstständig, herrsch-süchtig, faul und zu allem Überdruss noch schadenfroh: Nichts bereitet dem kleinen Tyrannen nämlich mehr Freude, als seine Eltern zu quälen.

Kurz: Der kleine Haustyrann ist der absolute Albtraum. Was halt herauskommt, wenn man als Mutter oder Vater total versagt hat. Und genau deshalb sitzt die Angst vor ihm so tief. Wer will schon daran schuld sein, dass aus einem unschuldigen Säugling ein gewissenloses egozentrisches Monstrum wird?

Haustyrann unterm Hakenkreuz

Die Furcht, wir könnten Despoten an unserer Brust nähren, hat nicht Michael Winterhoff erfunden. Sie ist sehr alt. Und sehr deutsch. Niemand schürte sie so heftig und wirkungsvoll wie Frau Doktor Johanna Haarer. Die fünffache Mutter schrieb den Bestseller der deutschen Erziehungsliteratur schlechthin: "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind". 1934 erschienen prägte er die Erziehungsvorstellungen in Deutschland für Generationen.

Johanna Haarer propagierte den Vier-Stunden-Abstand beim Stillen und die gefürchteten acht Stunden Stillpause in der Nacht. Sie diffamierte das Tragen von Neugeborenen als "mühsames Herumschleppen", das rundweg abzulehnen sei und warnte inbrünstig davor, das Kind an Nähe und Fürsorge zu gewöhnen.