Das Bauchgefühl wiederentdecken
Höchste Zeit also, den kleinen Haustyrannen endlich in den verdienten Ruhestand zu schicken. Nur wie?
Als erstes, indem wir unsere Sprache entrümpeln: Unsere Kinder sind vielleicht manchmal Schlingel, Blagen oder Lümmel, aber weder Tyrannen noch Terroristen.
Der zweite Schritt ist schwerer: Wir müssen nämlich wieder das Vertrauen gewinnen, das nichts Schlimmes herauskommt, wenn wir uns in der Kindererziehung zu allererst auf unsere Intuition verlassen. Im Gegenteil: In vielen Studien konnte nachgewiesen werden, dass Eltern mit geradezu traumwandlerischer Sicherheit erspüren können, was ihre wann Kinder brauchen. Der Impuls, ein weinendes Baby sofort hochzunehmen, zu tragen oder zu stillen gehört genauso dazu wie der, einem tobenden Zweijährigen beruhigend die Hand auf die Schulter zu legen.
Das heißt natürlich nicht, dass es nicht sinnvoll wäre, auch mal den einen oder anderen Ratgeber zu lesen. Gute Erziehungs-Bücher oder -Magazine können Eltern sogar dabei helfen, wieder größeres Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu gewinnen. Wer sich vom extra aufgebauten Tisch, der das neue Tyrannenbuch bewirbt, nicht abschrecken lässt, kann sie schon heute in den Buchhandlungen finden. Sie machen nur kein so lautes Geschrei.



Meine Güte... wo sind nur zwischen all den Erziehungsbüchern und "guten" Ratgebern von gestern und heute der gesunde Menschenverstand und die Intuition der Eltern geblieben? Ich finde es gut, dass man sich in unserer Zeit heute durch so viele Möglichkeiten wie selten zuvor über praktisch alles informieren kann. Natürlich auch übers Elternwerden, Elternsein und Elternbleiben - wie hier auf der praktisch namensverwandten Internetseite Eltern.de.
Aber sollte man wirklich von einem Buch - geschrieben von einem in der Regel wildfremden Menschen - abhängig machen, ob man sein Kind nun hochnimmt, wenn es schreit, oder nicht? Ob man nachgibt, wenn es um etwas bettelt oder man versucht ist, noch ein Stück Torte aufzutun, wenn es eigentlich bereits zwei hatte? Solche Entscheidungen sollten aus dem Bauch kommen. Dem Vater- oder Muttergefühl. Nicht von einem Stück Papier.
Was ist nur los mit uns Deutschen, dass wir uns immer von irgendjemandem sagen lassen wollen, was wir wie zu tun haben? Es erscheint beinahe erstaunlich, dass die Menschheit es bis heute geschafft hat, wo es den Buchdruck doch erst seit vergleichsweise wenigen Jahren gibt und früher längst nicht jeder lesen und schreiben konnte.
Natürlich hat die Welt eine Menge Tyrannen und Verbrecher ausgespuckt. Und es gibt wohl nichts, was die Gelehrten unserer Zeit lieber tun, als nach Ursachen in ihrer damaligen Erziehung oder in der Beziehung zu Mutter und Vater zu suchen. Aber mal ganz im Ernst: Welcher Erwachsene kann denn von sich behaupten, nicht auch mal für die eigenen Eltern, die Freunde, den Partner, die Kinder (!) irgendwo ein Haustyrann zu sein? Unleidlich und schlecht gelaunt oder bisweilen durchaus auch mal manipulativ? Wir versuchen alle irgendwo, unseren eigenen Kopf durchzusetzen.
Dass Kinder das schon allein deshalb irgendwann ausprobieren, weil es mal was Neues ist, ist eigentlich sogar begrüßenswert. Weil man ihnen Grenzen aufzeigen und (ja, im Idealfall natürlich liebevoll) beibringen kann: So läuft es nicht. In der Regel jedenfalls.
Lasst euch doch nicht alle so verrückt machen. Kinder nehmen sich vor allem an ihren Eltern ein Beispiel. Wer also einen kleinen Tyrannen zu Hause sitzen hat, sollte sich zumindest auch einmal fragen, was er vielleicht von sich vermittelt haben könnte, was er so eigentlich nicht weitergeben wollte. Das kann manchmal schon sehr helfen. Nicht immer natürlich, aber es ist ein Schritt auf dem Weg zum Verstehen. Und zurück zu mehr Natürlichkeit im Umgang mit den eigenen Kindern. Die lassen sich in der Regel nämlich eh nicht in irgendwelche Muster pressen. Schon gar nicht in die aus fremd-gestalteten Ratgebern. Und dazu kann ich nur sagen: Gut so, Kids. Bitte weiter so.
Ich habe keines der zitierten Bücher gelesen, kann mir also darüber kein Urteil erlauben.
Dass mir die Titel der Bücher nicht gefallen ist aber Tatsache.
Erstens muss man Schlafen nicht lernen, das Bedürfnis nach Schlaf ist angeboren, also suggeriert der Titel, dass Eltern aktiv ihrem Kind beibringen müssen, zu schlafen. Das ist doch Blödsinn. Wenn sich das Buch mit Schlafstörungen beschäftigt, sollte es einen Titel haben, der sich auf Schlafstörungen bezieht.
Auch der Tyrannen-Titel führt nach Aussage einiger user hier ja offensichtlich zu Missverständnissen. Warum hat der Autor dieses Wort für seinen Titel gewählt? Hier finde ich es sehr wohl gerechtfertigt, dass im Artikel eine Parallele zur Nazizeit und zur Kaiserzeit gezogen wird. In anderen Ländern existiert dieses Bild vom kleinen Tyrannen ja eben nicht und wird daher auch nicht bemüht.
Sorry, aber dieser Artikel trieft vor Polemik. Schade, dass sowas in einer angesehenen Zeitschrift auch noch veröffentlicht wird. Umso mehr, weil hier ganz offensichtlich die Augen vor Tatsachen verschlossen werden.
Denn es gibt Kinder, die auch ich als kleine Tyrannen empfinde. Aber das sind einige, NICHT alle Kinder. Und genau das beschreibt Herr Winterhoff auch.
Genauso unsachlich und falsch ist die Kritik am "Schlafen-Buch" von Frau Kast-Zahn. Es gibt Kinder, die wachen nachts jede Stunde auf - auch mit 1 Jahr noch. Mediziner nennen das offiziell Schlafstörung.
Gut ist das nicht - erst Recht nicht für die Kinder. Ich finde es ganz traurig, wenn jemand so selbstgerecht urteilt, wo er selbst und andere keine Lösungen haben.
Übrigens nimmt das Kapitel über die angebliche Schreimethode (die keine ist) gerade mal 5 Seiten in dem 100 Seiten langen Buch ein.
Das sie dann noch Nazi-Autoren mit anerkannten Psychologen von heute in einen Topf wirft, ist einfach nur dreist.
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