Kindergärten in Deutschland
"Die Betreuung in Deutschland ist total ungerecht!"

Ein Blick in die Kindergärten in Deutschland zeigt: Hier sind nicht alle Kinder gleich. Welche Unterstützung Familien vom Staat bekommen und wie viel, hängt von ihrem Wohnort ab. Unser Autor Martin R. Textor nennt sieben große Ungerechtigkeiten. Und wir wollen wissen: Was ist in Ihrem Heimatort besonders ungerecht? Schreiben Sie uns in Form eines Kommentars unter diesen Artikel!

Kindergärten in Deutschland: Nicht überall gibt es genügend Plätze

Kindergärten in Deutschland: "Die Betreuung in Deutschland ist total ungerecht!"

Es ist ungerecht, dass der Wohnort darüber entscheidet, ob man einen Betreuungsplatz findet oder nicht. Während 2010 im Landkreis Jerichower Land (Sachsen-Anhalt) etwa 62 Prozent der unter Dreijährigen eine Krippe besuchen konnten, waren es im Landkreis Cloppenburg (Niedersachsen) noch nicht mal sieben Prozent. Auch die Versorgung mit Kindergartenplätzen ist alles andere als optimal. Im Kreis Dithmarschen (Schleswig-Holstein) gab es nur für 78 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen einen Platz, dagegen in Neubrandenburg (Mecklenburg-Vorpommern) ein Überangebot von knapp 108 Prozent. Das bedeutet: Manche Kin der profitieren nicht so frühvon öffentlichen Bildungsangeboten wie andere, und manche Eltern haben nicht so gute Möglichkeiten, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren, wie andere.
(Quelle: Statistische Ämter des Bundes und der Länder 2011)

Kindergärten in Deutschland: Unterschiedlich hohe Gebühren

Es ist ungerecht, dass Durchschnittsverdiener-Familien in Bremen 1752 Euro im Jahr für einen Halbtagsplatz im Kindergarten zahlen müssen, in Heilbronn oder Zwickau aber keinen Cent. Wie ein Vergleich der 100 größten deutschen Städte von 2010 zeigt, stellen inzwischen neun Städte den Kindergartenbesuch komplett kostenfrei. Andere können oder wollen sich das nicht leisten und belasten die Mütter und Väter finanziell erheblich. Spitzenreiter sind Tübingen und Potsdam. Gut verdienende Eltern mit zwei Kindern im Kindergarten werden hier mit knapp 3700 Euro jährlich zur Kasse gebeten. Dieses Geld haben sie, anders als Eltern in Düsseldorf oder Mainz zum Beispiel, nicht mehr für Musikunterricht oder andere Aktivitäten zur Verfügung. Eine krasse Ungleichbehandlung.
(Quelle: INSM/ELTERN-Kitamonitor 2010, weitere Infos dazu finden Sie auch hier)

Kindergärten in Deutschland: Stark schwankende Personalschlüssel

Es ist ungerecht, dass es vom Wohnort eines Kindes abhängt, mit wie vielen anderen Kindern es sich eine Erzieherin teilen muss: 2009 schwankte der Personalschlüssel in Kinderkrippen zwischen den Extremen 1 zu 3,5 im Saarland und 1 zu 7,5 in Brandenburg. Bei den Drei- bis Sechsjährigen reicht die Spanne von 1 zu 7,4 in Bremen bis 1 zu 13,1 in Mecklenburg-Vorpommern. Mehr Kinder pro Erzieherin - das bedeutet gerade für Ein- und Zweijährige eine deutliche Benachteiligung, zumal der direkte Zusammenhang zwischen Personalschlüssel und Krippenqualität wissenschaftlich nachgewiesen ist. Ganz zu schweigen von der höheren emotionalen Belastung in großen Gruppen.
(Quelle: Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2010)

Kindergärten in Deutschland: Migrantenkinder bleiben oft unter sich

Es ist ungerecht, wenn Migrantenkinder in Kitas oft unter sich bleiben. So ballt sich in Berlin mehr als die Hälfte der nicht deutschstämmigen Kinder in Kitas, in denen die Mehrheit nicht Deutsch als Familiensprache hat. Im Bundesdurchschnitt betrifft das immer noch mehr als ein Drittel aller Migrantenkinder. Das mag unterschiedlichste Gründe haben - Tatsache ist: Hier handelt es sich um eine Ungleichbehandlung von Migrantenkindern, die in Kitas mit weniger als 25 Prozent Ausländeranteil deutlich bessere Chancen hätten, Deutsch zu lernen.
(Quelle: Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2010)

Kindergärten in Deutschland: Eine optimale Betreuung für behinderte Kinder ist nicht überall gewährleistet

Es ist ungerecht, dass es vom Wohnort einer Familie abhängt, wie ihr behindertes Kleinkind betreut wird. So wurden 2009 in Bayern fast zwei Drittel aller Kleinkinder mit Behinderung in Sondereinrichtungen betreut, in Sachsen-Anhalt kein einziges. Dort nämlich besuchen 99,9 Prozent eine integrative Kita, wogegen in Bayern nur ein Drittel gemeinsam mit nicht behinderten Kindern betreut wird.
(Quelle: Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2010)

Kindergärten in Deutschland: Unterschiedliche Ausbildung des Betreuungspersonals

Es ist ungerecht, wie unterschiedlich das Betreuungspersonal in Deutschland ausgebildet ist. In Thüringen bringen 94 Prozent eine Erzieherinnen-Ausbildung oder ein Sozialpädagogik-Studium mit. In Bayern sind es dagegen nur knapp 54 Prozent - dort ist der Anteil niedriger qualifizierter Kinderpflegerinnen mit fast 39 Prozent besonders hoch.
(Quelle: Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2010)

Kindergärten in Deutschland: Kommunen investieren unterschiedlich viel Geld

Es ist ungerecht, dass einige Länder und Kommunen viel weniger Geld für die Betreuung ausgeben als andere. 2009 variierten die Ausgaben der öffentlichen Hand laut Jugendhilfestatistik zwischen 7513 Euro in Berlin und 3154 Euro in Mecklenburg-Vorpommern pro betreutem Kind unter 14 Jahren. Höhere Ausgaben lassen nicht nur ein besseres Angebot für die Kinder vermuten - sie wirken sich meist auch positiv auf die Arbeitsbedingungen für die Erzieherinnen aus.
(Quelle: Statistisches Bundesamt)

Kindergärten in Deutschland: Ein Fazit

Unsere Kinder werden in Krippe, Kindergarten und Hort höchst ungleich behandelt. Darunter leiden die Eltern, die Fachkräfte und vor allem die Kinder selbst. Besonders die Ungleichbehandlung von Kindern unter drei Jahren wird zum Problem, weil sich das direkt auf ihre Entwicklung und ihre Bildungschancen auswirkt - die ersten Lebensjahre gelten Wissenschaftlern als die wichtigsten Bildungsjahre.

Viele dieser Ungerechtigkeiten haben ihre Ursache im Föderalismus, der Ländern und Kommunen die Verantwortung für Bildung und Betreuung überträgt. Es wird Zeit, an diesem System etwas zu ändern. Hier ist die Bundesregierung in der Verantwortung. Schließlich erwartet das Grundgesetz vom Bund, Gesetze so zu gestalten, dass überall in Deutschland gleichwertige Lebensverhältnisse herrschen. Davon sind wir leider weit entfernt.

Kindergärten in Deutschland: Was empfinden Sie als besonders ungerecht?

Jetzt sind Sie als Eltern von Kindergartenkindern gefragt: Empfinden Sie die aufgeführten Beispiele tatsächlich als ungerecht? Oder haben Sie an Ihrem Wohnort sogar noch weitere Benachteiligungen festgestellt? Schreiben Sie uns Ihre Meinung und Ihre Erfahrungen in Form eines Kommentars unter diesen Artikel - wir sind gespannt!

Von:Dr. Martin Textor