Sprachförderung im Kindergarten
Sind die Sprachtests sinnvoll?

Alle Kinder sollen die Chance bekommen, richtig sprechen zu lernen. Wenn nötig mit einer speziellen Sprachförderung. Um Kinder mit Defiziten möglichst früh zu erreichen, gibt es mittlerweile eine Vielzahl von Sprachtest im Kindergarten. Experten bezweifeln aber, dass die Verfahren wirklich sinnvoll sind. Und viele Eltern sind durch die Ergebnisse der Sprachtests verunsichert.

Jedes Bundesland hat seinen eigenen Sprachtests

Sprachförderung im Kindergarten : Sind die Sprachtests sinnvoll?

"Morgens füttert das kluge Bett einen Teppich." Dieser Satz und ähnliche bewusst verwirrende Konstrukte sind Teil des Sprachtests, mit dem in Nordrhein-Westfalen das Sprachvermögen von vierjährigen Kindern überprüft wird. Delfin 4 heißt das Verfahren, das seit März 2007 verbindlich für alle Kindergärten gilt. Während in NRW oder auch Berlin alle Kinder getestet werden, sind es in Bayern nur Kinder mit Migrationshintergrund, in Rheinland-Pfalz nur Kinder, die nicht in die Kita gehen. Manche Sprachtests werden zwei Jahre vor der Einschulung, andere ein Jahr davor durchgeführt. Ein föderalistisches Durcheinander - keine Frage.

Machen Sprachtests im Kindergartenalter wirklich Sinn?

Die Idee dahinter ist aber richtig: Denn Sprache ist der Schlüssel zur Bildung. Und: Kinder sollten frühzeitig gefördert werden. Die Experten streiten allerdings darüber, ob Sprachtests im Kindergarten wirklich aufdecken können, wer gefördert werden muss und wer nicht.

CONTRA Sprachtests

"Nein, so einfach ist es nicht", sagt etwa Hans Brügelmann, Professor für Grundschulpädagogik an der Uni Siegen: "Gerade im Vorschulalter verläuft die normale sprachliche Entwicklung höchst unterschiedlich. Deshalb ist es so schwer, für ein einzelnes Kind zu sagen, wie es zu welchem Zeitpunkt sprechen sollte. Außerdem ist die Fehlerquote bei solchen Einzeltests zu hoch."

PRO Sprachtests

Professor Lilian Fired, Pädagogin an der Uni Dortmund, hat den Delfin 4-Test entwickelt. Sie widerspricht: "Die für den Schulerfolg wesentlichen Sprachfähigkeiten sind bei Vierjährigen schon sehr komplex. Ob ihre Bildungschancen wegen sprachlicher Schwächen womöglich beeinträchtigt sind, lässt sich nur mir diagnostischen Aufgaben herausfinden. Vorausgesetzt, die Tests sind wissenschaftlich geprüft und stützen sich auf genügend Daten aus vorangegangenen Untersuchungen." Das - so räumt sie ein - sei leider nicht bei allen der Fall.

CONTRA Sprachtests

Ebenfalls in der Kritik: die Testsituation selbst. "Die Kinder spüren, dass etwas Besonderes von ihnen erwartet wird", meint Sprachpsychologin Professor Gundula List aus Annweiler. "Das verunsichert und deshalb können viele ihre Fähigkeiten nicht wie gewohnt abrufen, manche schweigen ganz." Die Ergebnisse hingen, so ihre Einschätzung, auch von äußeren Faktoren ab - wie das Kind an dem Tag "drauf ist" oder wie es mit der prüfenden Person klarkommt.

Statt Geld für teure Sprachtests auszugeben, finden Kritiker, sollten die Erzieherinnen besser ausgebildet werden, damit sie die sprachliche Entwicklung ihrer Schützlinge gezielt beobachten und fördern können.

PRO Sprachtests

Test-Entwicklerin Fried hingegen sagt: "beides ist wichtig. Beobachten, wie die Kinder im normalen Alltag reden - und testen. So handhaben es einige Bundesländer auch."

Was können Eltern tun?

Den Eltern bleibt nur zu hoffen, dass die Sprachtests mit all den Erfahrungen, die zurzeit gesammelt werden, von Jahr zu Jahr besser werden. Rat der Experten: vor und nach einem Test keinen Druck auf das Kind ausüben. Die Kinder finden die spielerisch gemachten Aufgaben selten belastend. Das tun sie erst, wenn die Erwachsenen ihnen das Gefühl vermitteln, vor einer schweren Prüfung zu stehen bzw. versagt zu haben. Und herrscht bei den Vierjährigen wirklich noch Nachholbedarf, dürfen Eltern die Angebote zur Sprachförderung durchaus als Chance sehen, die ihrem Kind weiterhilft.

Von:Ulla Arens