Beiträge von Gästen

Von Busen und Menschen.

Von Liz Birk-Stefanovic. Liz ist nicht hauptberuflich Mutter, kommt sich aber manchmal so vor und schreibt darüber auf kiddo.the.kid.

Oberweite. Busen. Möpse. Hupen. You name it. Es ist keine allzu gewagte These, wenn ich behaupte, dass die weibliche Brust im Allgemeinen mit wohlwollendem Interesse betrachtet wird. Frau kann sie via Kleidung wie Kunstwerke ausstellen, komische Gipsabdrücke davon machen, sie vergrößern oder verkleinern, sie beim Fotografen ihres Vertrauens für die Ewigkeit festhalten lassen, oder sie einfach freundlich ignorieren. All das ist in Ordnung bis ganz toll. Brüste sind super. Außer – ja außer, die Frau möchte zum Beispiel ein Kleinkind damit ernähren. Dann sind sie irgendwie suspekt bis eklig.

„Du musst Dich nicht wundern, dass die immer noch nicht durchschläft.“ Dieser Schuldspruch wurde mir von einer Freundin beim Mittagessen zuteil, als ich nuschelnd zugab, meine Tochter, die dieser Tage ein Jahr alt wird, noch zu stillen. Ich hätte auch zugeben können, das Kind regelmäßig mit Energiesteinen zu behexen – das hätte mir den gleichen unwirschen Blick eingebracht. Weil es meine Freundin ist, die das sagt, und weil sie schon drei Kinder hat, wage ich keinen Widerspruch. Sondern bestelle verunsichert ein Stück Schokotorte, um mir damit den Mund zu stopfen.

„Hast Du diese Doku auf arte gesehen? Über die Frauen, die ihre Kinder so ewig stillen? Also wenn Du mich fragst, die können echt nicht loslassen.“ Das sagt eine Kollegin beim Kaffee. Sie hat selbst 12 Monate gestillt, aber „danach wird’s echt komisch. Ist so.“ Ich nicke diffus in der Gegend herum. Wieder hab ich nicht die Courage, zu sagen „Ach Du, ich stille bestimmt auch noch ne Weile.“ Nicht, dass die das später im Büro herumklatscht. Vielleicht bin ich dort dann die Komische, die man besser nicht mehr für Projekte bucht.

„Willst Du echt jetzt schon mit dem Abstillen anfangen?“ fragt mich eine Mutter beim Krabbeltreff, nur einen Tag später. Ihr 2-jähriger Sohn macht sich gerade an ihrem Ausschnitt zu schaffen. Ich habe ihr erzählt, dass ich bald wieder arbeiten und das Kiddo deshalb nur noch nachts stillen werde. Sie weist mich ungefragt darauf hin, dass ich meinem Kind durch den gewaltsamen Entzug der Mutterbrust zwangsläufig Schaden zufüge. Ja, zwangsläufig. Ja, auch wenn ich nachts weiterstille. Und guckt dabei sehr ernst. Und beißt knirschend in eine Dinkelstange. Nein, letzteres habe ich erfunden.

Meine Brüste und deren Verwendung sind derzeit ein überraschend kontroverses Smalltalk-Thema. Das erstaunt mich doch ein bisschen – ist ja nicht so, dass ich mein Geld mit den Dingern verdiene. Aber allein bin ich damit nicht. Eine andere Freundin erzählt mir, dass sie auf offener Straße von einem jungen Mann zusammengestaucht wurde, als sie ihrer Babytochter gerade ein Fläschen gab. Weil doch Stillen so wichtig sei! Und das könne doch jede Frau! Da sei es doch egoistisch, das nicht zu machen! Aha. So ist das also. Gut, dass es engagierte junge Männer gibt, die verwirrte Mütter öffentlich und selbstlos belehren.

Stillst Du nicht, bist Du also eine schlechte Mutter. Eiskalt, karrieregeil und nicht fähig zur Hingabe. Stillst Du doch, ist das vorerst prima, aber nur bis zum ersten Kindergeburtstag. Dann muss Schluss sein. Sonst bist Du nämlich eine bindungsgestörte, in Jutefetzen gewandete Langzeitstillerin, die gerade den nächsten Serienkiller an ihrem Busen nährt. Ich muss also das Kiddo später mal im Gefängnis besuchen. Und meine nicht-stillende Freundin ihre Tochter in der Psychiatrie.

Ich spreche hier über das Stillen, aber das spielt im Grunde keine Rolle. Dauerbrenner wären zum Beispiel auch das Impfen („Du impfst NACH PLAN?! Und auch noch mit ROTA?!“) oder das Schlafen („Dein Kind schläft bei Euch / nicht bei Euch?! Ihr kriegt es nie wieder aus Eurem Bett / es kriegt einen Dachschaden!“). Diese ständigen Analysen meiner mütterlichen Fähigkeiten haben mich nicht nur in den allerersten Monaten wahnsinnig gemacht. Ernsthaft, kann man nicht einfach mal die Schnauze halten? Es ist nämlich so: Jede Mutter, jeder Vater und jedes Kind ist einzigartig. Die Beziehung zwischen ihnen ist einzigartig. Für unsere Kinder sind in allererster Linie wir die Experten. Keine Schwiegermutter, keine Pekip-Uschi, keine Babyladenthekenkraft und ganz bestimmt kein fremder junge Mann auf der Straße. Diese mysteriöse Intuition, von der immer alle reden – die entwickelt sich am besten in schweigendem Wohlwollen. Kein Mensch kann seine innere Stimme hören, wenn er pausenlos vollgequatscht wird.

Und ich? Ich habe beschlossen, beknackte Kommentare zur Verwendung meiner Brüste zu ignorieren. Und beknackte Fragen mit konsequenter Einsilbigkeit zu beantworten. Ja, wir stillen noch. Nein, keine Ahnung, wie lange noch. Nein, ich will das nicht diskutieren. Und mehr gibt es, bei aller Liebe, nun wirklich nicht zu sagen.

6 Kommentare zu “Von Busen und Menschen.

  1. Vor Jahrzigzehnten (ich bin achtzig und war vielleicht 30) las ich ein aktuelles Heft von Das Beste aus Readers Digest mit einem Bericht über (kanadische) Inuit weit draußen vor aller Zivilisation. Wohnstatt zwischen Zelt, Hütte und Iglu – jetzt egal – Mutter mit Säugling und Vater zuhause, Kind wird beim Besuch des Berichterstatters gerade gestillt. Das Kind ist drei, verläßt sattgetrunken Mutters Brust und zieht um zum pfeiferauchenden Vater auf dem Sitz nebenan und kriegt die Pfeife für ein paar Züge ausgeliehen. Kommentar des Berichterstatters: Das lange Stillen gilt bei den Inuit als wirksame Empfängnisverhütung und scheint so zu wirken – allenthalben keine großen Kinderscharen in den „Dörfern“.
    Weil wir keine Bräuche mehr haben können in der quickmobilen Welt, weil wir aber keine angeborenen „Elternverhalten“ haben wir Ratten, Kolibri, Ameisen und Bienen, brauchten die Menschengenerationen immer Bräuche, Sitten, Gepflogenheiten – was nicht taugte, starb ja aus, erledigte sich still von selbst. Was blieb, waren die unwahrscheinlichsten Varianten des Essens, des Heilens, des Gebärens, des Strafens usw. Sozusagen „kulturelle Evolution“. Geh‘ mal rund um den Erdball zu all den Resten „naturwüchsiger Völker“ in Afrika, Südamerika, Australien, Polynesien. Da sind noch letzte Inseln solcher Humanität zu finden – und dann verstehen wir unsre Blogger-Shitstorms gegeneinander als große Hilflosigkeit. Rettungszauberkniffe gibt es nicht – aber Uns selber verstehen und also vorsichtiger miteinander umgehen, uns die neue Lage der „ungesteuerten Individualisiertheit“ erst einmal zugestehen und dann etwa in Kinder- und Familienzentren u.ä. versuchen, ob wir sowas wie „Sicherheit in bleibender Vielfalt“ gewinnen können je miteinander – Inseln, keine Massenbekehrungen.
    Soviel mitten aus aktiver „Elternberatungsarbeit“.

    Sollte jemand antworten wollen: „Felix Freihoff“

  2. Endlich jmd, der mir von der Seele spricht! Mein 2. und (geplant) letztes Baby wird bald 1. Ich stille noch und er schläft in unserem Bett! Ja, ich fange nach seinem 1. Geburtstag an zu arbeiten, ja, er geht in den KiGa und wir machen bereits die Eingewöhnung. Wenn ich gefragt werde, wie lange ich noch stillen möchte, sage ich: bis er alleine laufen kann. Obs so sein wird, werden wir sehen. Ich lasse mir nicht mehr reinreden. Ich tue das, was uns gut tut. Diese schöne Zeit ist so kostbar und geht so schnell rum. Wir saugen diese Momente auf und ich hoffen, der Kleine speichert all die Liebe und wird ein glücklicher Mensch. In der Krabbelgruppe gings letztens ums Thema Familienbett. Da sagte eine Oma: macht euch nicht verrückt, wenn eure Kinder bei euch schlafen. Viel schlimmer wird es für euch sein, wenn sie es nicht mehr wollen. Recht hat sie!

  3. Ich finde dieser Beitrag war wieder einmal spitzenmäßig. Tatsächlich ist es wirklich so, daß Stillen sehr, sehr wichtig ist für die Mutter-Kind-Beziehung. Ich musste es leider am eigenen Leib erfahren. Dies ist nun schon 16 Jahre her. Damals ist das Stillen ganz stark in Mode gekommen, und ich hab`s einfach ausprobiert. Bei meinem ersten Kind hat es leider ( man ist ja noch so unwissend) nicht so gut geklappt. Ich konnte nur 4 Wochen stillen, die Milch war für meine Tochter einfach zu wenig. Bei meinem 2. Kind wusste ich schon mehr über die Praktiken und Schwierigkeiten beim Stillen( vielleicht hatte ich auch eine bessere Hebamme) und ich konnte meinen Sohn 6 Monate voll stillen. Und siehe da: Beide sind so unterschiedlich! Die große wollte nie kuscheln, der Kleine, weicht mir (jetzt 12 Jahre alt) immer noch nicht von der Seite. Er ist immer noch in die eigene Mama verliebt und laut seinen Kommentaren und Komplimenten, bin ich immer noch sein Favorit und die schönste Mama der Welt (ungelogen). Und deshalb denke ich, dass die Verbindung mit jedem Monat mehr stillen, einfach wächst. Und ich würde wieder ein Kind stillen und werde es meinen Kindern auch raten (wenn es denn mal an der Zeit ist). Liebe Mütter: so lange es geht stillen, es ist das schönste Geschenk das eine Mutter erhalten kann. Und Kommentare von anderen ignorieren. Und was die Brust angeht (zwecks stillen). Wenn das Gewicht so bleibt wie vor der Schwangerschaft sind auch die „Spielzeuge“ für unsere Männer (nach getaner Arbeit und Gebrauch) noch immer in einem sehr guten Zustand.:) :)

  4. Martina,
    du scheinst nicht verstanden zu haben, worum es in dem Artikel geht. Hier werden eben nicht die Vorzüge des Stillens propagiert, sondern es geht im Grunde darum, dass jede Mutter selbst entscheiden kann, ob und wie lange sie stillt, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen. Du empfiehlst hingegen anderen Müttern (lange) zu stillen und wirst es auch deinen Kindern nahelegen – genau das sind die ungefragten Ratschläge an Mütter, die keiner hören will.

  5. Ich habe meinen Sohn nicht gestillt und wir haben dennoch eine sehr enge Bindung. Er kuschelt nach wie vor gern und ich bin seine liebste Mama. Von Bindungsstörungen keine Spur. Ich finde, wer stillen kann und mag kann das gerne tun, mir persönlich ist es völlig egal wie lange das andere Mütter Tun solange mir nicht reingeredet wird bei der Tatsache, dass Stillen nichts für mich ist. Kinder können psychische Probleme entwickeln, die jetzt aber darauf zu schieben, dass nicht gestillt wurde halte ich für absolut übertrieben!

  6. Danke, dass Du vernünftig für die Entscheidungsfreiheit der Mütter (und ein Bisschen auch die der Väter) argumentierst!
    Den vorletzten Satz werde ich ab jetzt zitieren: „Kein Mensch kann seine innere Stimme hören, wenn er pausenlos vollgequatscht wird.“ Vortrefflich formuliert!

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