Jesper Juul

"Pubertät ist Pay-back-Zeit"

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ELTERN FAMILY: "Pubertät ist in vielen Familien eine Krisenzeit. Haben Eltern zu idealistische Vorstellungen vom Erwachsenwerden, wenn sie sich eine pflegeleichte Pubertät wünschen?

Jesper Juul: Auf jeden Fall. Was mit dem Kind und in der Familie passiert - ob es schön ist oder schrecklich -, ist in erster Linie das Resultat der vergangenen gemeinsamen Jahre. Das heißt nicht, dass Eltern "schuldig" sind, wenn Kinder in der Pubertät alles Mögliche ausprobieren. Spätestens jetzt müssen sie aber die Verantwortung dafür übernehmen, dass der Umgang miteinander sich ändert. Damit meine ich, dass Mütter und Väter ihr eigenes Verhalten dem Kind gegenüber überdenken sollen, anders mit ihm reden, es weniger bevormunden.



Ist es für Sie normal, dass 13-, 14-, 15-Jährige wissen wollen, wie Erwachsensein sich anfühlt - inklusive Alkohol, Sex, harter Songtexte, brutaler Filme und Computerspiele?

Ja, das ist es. Entscheidend dabei ist, dass Jugendliche ein Selbstwertgefühl haben, das es ihnen erlaubt, die eigenen Grenzen zu erkennen und nicht selbstzerstörend zu handeln. Ob sie das hinkriegen, entscheidet sich in den ersten zehn Jahren ihrer Erziehung. Eltern müssen die Fähigkeit und den Willen haben, ihren Kindern Freiräume zu gewähren, sie ernst zu nehmen. Nur dann wächst Eigenverantwortung. Unglücklicherweise verletzen immer noch eine Menge Eltern mit Maßnahmen wie Strafen, Befehlston, Liebesentzug die persönliche Integrität von Kindern. Auch wenn sie es tun, weil sie das Beste wollen - in der Pubertät ist "pay-back-time", es wird zurückgezahlt.



Eltern wollen nicht, dass Jugendliche rauchen, trinken, lieber feiern als lernen. Ist ihr Vorbild ein Wegweiser?

Alkohol, Nikotin, Drogen, Gewaltcomputerspiele und alle anderen Gefahren sind gegenwärtig, sie eine Tatsache. Entscheidend ist, wie man als Person damit umgeht. Ein Kind wird sich vielleicht irgendwann entscheiden, die gleichen Einstellungen dazu zu haben wie seine Eltern. Dazwischen können aber viele Jahre des Ausprobierens liegen. Da kann ich nur empfehlen: durchhalten!



Schüler stehen unter wachsendem Leistungsdruck. In sehr vielen Familien sind Noten ein Riesenthema.

Was das deutsche Schulsystem - wie viele andere auch - braucht, sind mutige politische Visionen. Politiker aber leiden unter der "PISA-Psychose". Das Einzige, was ihnen alle zwei Jahre einfällt ist, noch mehr messbare Leistung zu fordern. Das Ergebnis ist, dass ein Großteil der Kinder und Jugendlichen an und in der Schule leidet.



Eltern leiden mit. Wäre die Pubertätszeit leichter ohne das Thema Zeugnisse?

Viele Eltern versuchen, einen Hilfslehrer-Job zu machen. Sie stecken zu viel wertvolle Familienzeit da hinein. Die wahren Helden sind für mich Jugendliche, die nicht alles dem Leistungsdruck unterordnen, dafür auch schlechte Noten riskieren. Und deren Eltern, die trotzdem zu ihnen stehen. Als Mutter und Vater ist man zuerst der seelischen Gesundheit seines Kindes verpflichtet, nicht der Schule. Eltern haben schreckliche Angst, dass nur gute Schüler eine gute Zukunft vor sich haben. Das stimmt aber nicht. Sehen Sie sich um unter Handwerkern, Künstlern, Autoren, Köchen oder Politkern - und Sie werden sehen, dass viele der Besten in der Schule arm dran waren.





Was sind jetzt die wichtigsten Elterngebote?

Genießen Sie Ihr Kind, und seien Sie ihm ein geduldiger Sparringspartner, solange es Sie braucht. Versuchen Sie nicht, es zu verbiegen. Wenn es Veränderungen geben muss in Ihrer Familie, überlegen Sie, wie SIE Ihre Kommunikation mit dem Kind verbessern und gleichzeitig die Nähe zu ihm erhalten können. Sie müssen nicht Ihre Standpunkte aufgeben und Ihre Werte. Aber womöglich die Art, wie Sie diese rüberbringen. Und vor allem: Vertrauen Sie Ihrem Kind und darauf, dass es das Beste aus seinem Leben machen wird. Gerade dann, wenn dieses Leben wie ein einziges Desaster aussieht.



Buchtipp

Jesper Juul
"Pubertät. Wenn Erziehen nicht mehr geht"
Verlag Kösel
16,95 Euro

Ihre Meinung interessiert uns!

Jesper Juul ist in seiner Konsequenz sicher nicht bei allen Eltern unumstritten. Was halten Sie von seinen Ratschlägen, und wie erleben Sie die Pubertät Ihrer Kinder? Schreiben Sie einen Kommentar.

von Sabine Maus


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  • von Anna am 10. Mai 2012, 10:28 Uhr

    Ich finde Juuls Grundhaltung gegenüber Kindern klasse - allerdings nur, solange man nur eines hat! Dann sind die Eltern in ihrer Vorbildwirkung tatsächlich so übermächtig, dass es nur noch wenig konkreter Anleitung bedarf-auch in der Pubertät. Familien, in denen die Kinder in der Überzahl sind (wie bei uns) müssen sich da noch einiges anderes einfallen lassen..
    Drogen mit 13 oder 14?? Die Pubertät ist eine sensible Zeit, vor allem das Gehirn ist in dieser spannenden Phase noch einmal sehr prägbar. Heute weiß man,was für einen tiefgreifenden,bleibenden Einfluss Drogen auf die Denk- und Gefühlsstruktur haben. Sowas kann und muss der Nachwuchs noch gar nicht wirklich überblicken. Jugendliche sollten in diesem Bereich auf den Schutz ihrer Eltern vertrauen dürfen! Und Eltern dafür sorgen, dass der Hunger nach grenzüberschreitender Erfahrung und Selbstwirksamkeit anders gestillt werden können: Auslandsjahr,Nachhilfe geben,Spiele selber programmieren usw.
    Sucht ist das Gegenteil von Freiheit!


  • von Andrea am 22. Mai 2010, 17:49 Uhr

    Meine Tochter ist knapp 14 Jahre alt. In die Pupertät kam sie mit 11 Jahren. Außer, dass sie sich ab und an im Ton vergreift, anfänglich von jetzt auf gleich in Tränen ausgebrochen ist (ohne jeglichen Grund) habe ich "Glück gehabt"! Ich habe sie relativ streng erzogen.
    Nun ja, ich finde die Pubertät bei meinem Kind garnicht so übel. Ich habe viel über und durch Reaktionen meines Kindes gelernt.Meine Tochter und ich haben ein sehr inniges und freundschaftliches Verhältnis + erzählen uns (fast) alles.Ich weiss, dass das nicht immmer und überall so ist! Scheinbar war meine Erziehungsmethode nicht ganz so falsch und jetzt werde ich dafür belohnt!


  • von Janina30 am 14. März 2010, 16:54 Uhr

    Mein Sohn ist zwar noch lange nicht in der Pubertät, aber ich habe meinen Schwager und meine Schwägerin in der Pubertät begleitet. Dadurch sind wir uns sehr nahe - beide suchen bis heute immer wieder das Gespräch mit mir, wenn sie wichtige Entscheidungen treffen müssen. Ich war nicht Erzieher, Vormund oder Verantwortlicher - ich war der Begleiter, wenn sie sich den gewünscht haben. Die Entscheidung haben sie selbst getroffen und die Konsequenz getragen.
    Ich hoffe, dass ich mich daran zurückerinnern werde, wenn mein Sohn einmal in der Pubertät ist.
    Jesper Juul kenne ich durch andere Bücher und Auftritte - seine Meinung kann ich nachvollziehen und vieles befürworten.


    (3 Kommentare)

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