Gruppenzugehörigkeit
 
Wenn Kinder keine Freunde finden

... brauchen sie von ihren Eltern Liebe und Verständnis. Und Strategien, um bei anderen besser anzukommen. Ef-Autorin Franziska Brod hat sie.

Junge einsam auf dem Spielplatz
iStock, FatCamera

Toby streckt den Mittelfinger in die Luft. Sieht fast so aus, als ob er sich melden würde. Doch er zeigt der Lehrerin den "Stinkefinger". Die Klasse kichert. Der traut sich was!
Gestern ist Toby mitten im Diktat aufgestanden und hat das Fenster aufgerissen: "Der Matthis hat gefurzt." Die Lehrerin ist genervt, die Klassenkameraden bewundern Toby. Nur einen Freund hat er nicht. Toby ist neun. Er war von Anfang an ein Außenseiter, sagt die Mutter. Schon im Kindergarten. Warum er keinen Anschluss findet? Sie weiß es nicht.
Gute Freunde, das wünschen sich die meisten Eltern für ihr Kind. Freunde zum Spielen, Lachen, Tuscheln. Freunde, mit denen man Streiche aushecken und Geheimnisse teilen kann. Aber was, wenn ein Kind keine Freunde findet? Kinder wollen dazugehören. Dafür tun sie beinahe alles. Die einen spielen den Klassenclown, die anderen schwingen sich zum Anführer auf. Meist von Kindern, die ebenfalls im Abseits stehen und glücklich sind, endlich dazuzugehören. Nicht selten drangsaliert eine Clique von Außenseitern andere Kinder.
Außenseiter sind schwierig und anstrengend. Und sie sind gefährdet. Sie erkranken häufig, leiden unter Depressionen und Appetitlosigkeit, unter Kopf- und Bauchweh. Sie haben Albträume und Schulangst, sind unkonzentriert und lethargisch oder ruhelos und impulsiv. Sie neigen zu Unfällen und "Trostessen", verletzen sich selbst und spielen mit dem Gedanken, sterben zu wollen. (Experten empfehlen, jede Äußerung in diese Richtung sehr ernst zu nehmen.)
Warum Kinder Außenseiter werden, dafür gibt es verschiedene Erklärungen. Äußerlichkeiten wie körperliche Auffälligkeiten, Behinderungen, Kleidung und Statussymbole spielen eine Rolle. Allerdings sollte man das nicht überbewerten. Es gibt genügend Kinder mit Behinderungen, mit Asthma und Akne, mit Brille, doofer Hose und ohne Handy, die trotzdem Freunde haben. Wichtiger ist das Verhalten: Überängstliche und überangepasste Kinder werden eher ausgegrenzt als selbstbewusste und körperlich fitte.
Auf Kindern, die ausgegrenzt werden, lastet ein diffuses Scham- und Schuldgefühl: "Irgendwie bin ich ,falsch'. Sonst würden mich die anderen ja mögen." Deshalb brauchen sie dringend das Gefühl, "richtig" zu sein, und jede denkbare Unterstützung, damit sie besser in der Gruppe zurechtkommen.

So klappt es:

  • Sei liebevoll und geduldig, auch wenn es manchmal schwerfällt. Gib einem Kind, das den King spielt und sich erwachsener gibt, als es ist, Aufgaben, die Verantwortung, Geschick, Sachkenntnisse erfordern. Dann bekommt es das Gefühl, wirklich etwas geleistet zu haben, und muss sich nicht ständig in Szene setzen.
  • Viele Klassenclowns sind kreativ und fantasievoll. Greif Talente auf. Kaspert Dein Kind herum, versuch es mit: "Ich glaube, wir können jetzt ein bisschen Spaß vertragen. Hast du einen Vorschlag?" Biete, wenn möglich, abwechslungsreiche, anspruchvolle Beschäftigungen an. Lacht gemeinsam! Kleine Clowns sind oft sehr empfindsam oder haben versteckten Kummer. Fröhlichkeit und Verständnis sind die beste Medizin.
  • Zappelige Kinder bekommen manchmal etwas voreilig das Etikett "hyperaktiv" verpasst. Dabei hilft meist schon viel Bewegung an der frischen Luft, im Wechsel mit Spielen, die Regeln folgen: Gummitwist, Federball, Tischtennis. Eine verantwortungsvolle Beschäftigung mit Tieren und Pflanzen ist für solche Kinder optimal, weil sie körperlich und emotional beschäftigt sind und sich intellektuell ausruhen können. Schon Fünfjährige können Blumenzwiebeln setzen, Laub zusammentragen, Äpfel und Walnüsse einsammeln, Unkraut zupfen.

Für alle Kinder ohne Freunde wichtig:
1. Bring Deinem Kind bei, wie man Konflikte löst. Das Grundprinzip "Was du nicht willst, dass man dir tu ..." versteht es schon mit fünf. Sprich mit ihm darüber, dass jedes Kind

  • gewinnen will, aber nur eines gewinnen kann;
  • Anführer sein möchte und nur eines Anführer sein kann;
  • zuerst drankommen möchte und nur eines Erster sein kann;
  • das größte Stück Schokolade haben will, aber nur eines es bekommt.

2. Achte auf eine verständliche Sprache. Vermeide Babysprache und Begriffe, die nur in der Familie verstanden werden. Wichtig: Sprachentwicklungsstörungen müssen behandelt werden!

3. Gib Deinem Kind zuhause keine Sonderrolle: Lässt Du es beim Spielen ständig gewinnen, gibst Du ihm stets das größte Stück Kuchen, machst Du um jede kleine Schramme ein Riesen-Tamtam, wird es aus allen Wolken fallen, wenn es feststellt, wie es draußen zugeht.

4. Sieh Dich im neuen Kindergarten, in der neuen Schule um. Wie sehen die anderen Kinder aus? Schick Dein Kind nicht im Kleid, wenn alle Jeans tragen.

5. Zeige Deinem Kind, wie man Kontakt aufnimmt: vorstellen, Fragen stellen, um Hilfe bitten, Spielvorschläge machen. "Ich heiße Moritz. Wie heißt du? Darf ich mitspielen?" Oder: "Ich bin neu. Zeigst du mir die Turnhalle?"

6. Trainiert gemeinsam das Bad in der Menge. Manche Kinder haben Probleme, in Menschenansammlungen zurechtzukommen. Geht regelmäßig ins Schwimmbad und auf den Spielplatz. Hier erlebt Dein Kind, wie man sich in einer lärmenden Menge bewegt.

7. Rege Aktivitäten an, die das Gemeinschaftsgefühl stärken. Zirkus- oder Theaterprojekte sind ideal, weil jeder seine Fähigkeiten einbringen kann.

8. Ermutige Dein Kind, sich ein Hobby zu suchen. Eigene Interessen stärken das Selbstbewusstsein. Statussymbole wie Smartphone, teure Bikes und modische Kleidung gleichen dagegen mangelnde Anerkennung nicht aus.