Kinder in Bewegung
Wetten, dass Ihre Kinder zu wenig toben?

Laufen, springen, hüpfen - das tun Kinder doch sowieso? Von wegen. Kinder und Jugendliche in Deutschland bewegen sich immer weniger. Ihre schon? Dann rechnen Sie mal zusammen. Auf mehr als 60 Minuten täglich kommen die wenigsten.

90 Minuten pro Tag - kaum noch zu schaffen!

Kinder in Bewegung: Wetten, dass Ihre Kinder zu wenig toben?

Wenn ich als Mutter eins nicht auf dem Schirm hatte, dann war das: Bewegungsförderung. Meine Jungs sind im Fußballverein, die Kleine geht ins Kinderturnen - das muss reichen. Dachte ich. Bewegung? Machen die doch den ganzen Tag. Bis mir ein Wissenschaftler in der Recherche für diesen Artikel vorrechnete, wie der durchschnittliche Tag eines Grundschülers aussieht: neun Stunden liegen (schlafen), sieben bis neun Stunden sitzen, fünf Stunden stehen. Effektive körperliche Bewegung: 53 Minuten.

Stadtkinder toben sogar nur noch 15 Minuten täglich. Ich wollte es nicht glauben, aber er hatte recht. Auch wir kommen an einem normalen Wochentag auf nicht mehr als 45 Minuten. Der Richtwert, den Kinder für eine optimale Entwicklung brauchen, liegt bei 90 Minuten moderater bis aktiver Bewegung. Und meine Kinder werden nicht mal mit dem Auto zur Schule gefahren.

Ganze Nachmittage draußen? Längst nicht mehr Realität

"Die Zeiten, in denen Kinder den ganzen Nachmittag draußen waren, sind vorbei", erklärt Professor Klaus Bös, Leiter Sport und Sportwissenschaft des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT), "die Alltagsbewegung fehlt." Wir stehen in Aufzügen, fahren mit Rolltreppen, gehen Strecken von mehr als zehn Minuten nicht mehr zu Fuß, Kinder spannen keine Seile mehr über den Bach und spielen nicht mehr Völkerball.

14-Jährige zeigen Vorboten von Osteoporose

Das hat Folgen. Die Hälfte der Grundschüler leidet an Haltungsschwächen oder -schäden. Schon Jugendliche haben Typ-2-Diabetes, der eigentlich als Altersdiabetes von Omas bekannt ist, die zu viel Kuchen essen und zu wenig spazieren gehen. Bei Kindern, die sich weniger als 45 Minuten pro Tag bewegen, reduziert sich die Knochendichte - schon 14-, 15-jährige Mädchen zeigen Vorboten von Osteoporose.

Nie waren so viele Kinder motorisch auffällig

Weil der schulische Druck wächst, steigen psychische Stress-Symptome wie Bauchweh und Schlafstörungen. Gerade dafür wäre es gut, wenn Kinder abschalten könnten, zum Beispiel, indem sie sich auspowern. Nie waren so viele Kinder motorisch auffällig. Viele Schulanfänger können keinen Purzelbaum schlagen. Nur 14 Prozent der Erstklässler schaffen es, eine Minute auf einem Bein zu stehen, 53 Prozent (der Jungs) erreichen bei Rumpfbeugen mit den Händen nicht die Zehenspitzen (Mädchen: 33 Prozent). Und das, obwohl Kinder eigentlich doch noch so gelenkig sind.

Heute normal: viel essen, wenig bewegen

Dazu kommt: Nahezu zwei Millionen Kinder in Deutschland sind übergewichtig. Jedes zehnte schon im Kindergarten, am Ende der Grundschule jedes vierte. Im Kindergartenalter verliert sich Babyspeck noch bei den meisten. Dicke Grundschüler dagegen behalten ihre überflüssigen Kilos meist ein Leben lang. Warum? Auch weil sie zu viel sitzen. "Es ist ganz einfach", sagt Professor Gerhard Huber, Sportwissenschaftler an der Uni Heidelberg, "Übergewicht ist immer Folge eines Ungleichgewichts von Kalorienaufnahme und Kalorienverbrauch." Anders gesagt: Unsere Kinder essen energiereich, verbrauchen beim Sitzen und Schlafen aber kaum etwas. Nachmittagelang Gummi zu hüpfen oder mit Freunden Fahrrad zu fahren, das gibt es nicht mehr.