Die Gefahr als Lehrmeister
Der Sportpädagoge Dr. Dieter Breithecker leitet die Bundesarbeitsgemeinschaft für Haltungs- und Bewegungsförderung in Wiesbaden. In seinen Vorträgen betont er, wie wichtig es für Kinder ist, ihre Grenzen auszuloten.
Warum fühlen sich Kinder von gefährlichen Dingen angezogen?
Kinder suchen von Natur aus Herausforderungen. Im Wald balancieren sie nicht auf dem breiten Ende eines Baumstammes, sondern dort, wo es wackelt. Sie suchen solche Gelegenheiten instinktiv, denn an ihnen können sie wachsen.
Haben Kinder genug Möglichkeiten, solche Situationen zu finden?
Eher nein. Sie sind heute meist von Erwachsenen umgeben: zu Hause, im Kindergarten, in der Schule. Das schränkt Kinder ein. Erwachsene fürchten meist, dass etwas passiert. Das ist ihre "Erfahrungsangst". Wir sind früher völlig unbeachtet auf Bäume geklettert, haben Dinge getan, die aus unserer heutigen Sicht gefährlich sind. Aber gerade das war wichtig, damit sich Kernkompetenzen wie Selbstsicherung, Selbstvertrauen, Selbstwertgefühl entwickeln konnten.
Gilt das für jedes Alter?
Schon Kleinkinder suchen Grenzsituationen. Man weiß aus der Entwicklungspsychologie, dass der Umgang mit Wagnis und Risiko früh erworben wird. Reagieren Eltern immer ängstlich, werden auch ihre Kinder ängstlich.
Wie können Eltern es besser machen?
Manchmal müssen sie einfach wegschauen und loslassen können. Für Kinder ist das ganz wichtig. Der Erwachsene muss akzeptieren, dass das Kind auch mal einen blauen Fleck bekommt oder eine Platzwunde.
Kinder wollen und müssen Wagnisse eingehen. Natürlich sollen Eltern aufpassen, dass das Kind keinen Gefahren ausgesetzt ist, die es aufgrund seines Alters noch nicht einschätzen kann. Wenn es auf eine befahrene Straße zurast, müssen sie eingreifen. Eltern spannen das Sicherheitsnetz, Balancieren lernt das Kind alleine.
Aber was sind riskante Situationen?
Es gibt dieses Bild von Arbeitern, die auf einem Stahlträger über dem Abgrund sitzen und frühstücken. Für viele Menschen wäre das gefährlich, sie würden abstürzen. Aber Arbeiter, die täglich in dieser Höhe arbeiten, gehen ein kalkulierbares Risiko ein. Je nach Voraussetzung sind Sachen also für manche Menschen gefährlich, für andere nur riskant. Gefahren sollte man tatsächlich meiden.
Können Kinder diese Risiken richtig einschätzen?
Normalerweise gut. Ein Kind traut sich intuitiv zu, was es beherrscht. Das kann man beim Klettern beobachten. Drei Gliedmaßen dienen zum Halten, ein Arm oder Bein sucht den nächsten Haltepunkt. Funktioniert
diese Sicherung nicht mehr, drehen Kinder intuitiv um.
Wie profitieren Kinder von Grenzsituationen?
In ihnen stößt das Kind auf Probleme und entwickelt Strategien und Lösungen. Zum Beispiel beim Klettern: Wie gehe ich an die Sache heran, welche Griffe muss ich wählen, um Höhe zu erreichen? Komme ich sicher zurück? In solchen Momenten wächst das Selbstvertrauen. Lernen Kinder frühzeitig, mit riskanten Situationen umzugehen, können sie Risiken besser einschätzen und sich selbst besser sichern. Erwachsene sollten sie also nicht ständig bremsen.
Was erlauben Sie Ihrem Kind nicht?
| Sagen Sie uns Ihre Meinung: | Die Antworten: |
|---|---|
| Was erlauben Sie Ihrem Kind nicht? |
|





