Grundschulempfehlung

"Das ist keine Empfehlung, sondern eine Einweisung!"

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Grundschulempfehlung: "Das ist keine Empfehlung, sondern eine Einweisung!"

Streitfall Grundschulempfehlung: Trotz guter Noten nicht aufs Gymnasium?

Khie-Tju Lim hält das Abschlusszeugnis ihres Sohnes in der Hand: "Sehen Sie. Alles Zweier, bis auf Deutsch. Da hat er eine Drei." Die Mutter ist stolz auf Jeffrey. Doch trotz der guten Noten darf der Grundschüler nicht aufs Gymnasium. Sein Halbjahreszeugnis war zu schlecht. Eine 2 in Mathe und eine 3,5 in Deutsch. Dass der Zehnjährige sich zum vergangenen Schuljahresende verbessert hat, zählt nicht. "Das Abschlusszeugnis ist für die Grundschulempfehlung irrelevant", sagt eine Sprecherin des baden-württembergischen Kultusministeriums. Entscheidend für die Grundschulempfehlung sei das Halbjahreszeugnis. Und in Baden-Württemberg brauchen die Kinder in Deutsch und Mathe einen Notenschnitt von 2,5.

Monatelang hat die Konstanzer Familie gegen die Entscheidung der Schulbehörde gekämpft. Jetzt ist klar: Jeffrey darf nicht aufs Gymnasium, nicht einmal nach dem ersten Halbjahr. Das Regierungspräsidium Freiburg hat den Widerspruch gegen die Empfehlung für die Realschule abgelehnt. Nun wollen die Eltern vor Gericht ziehen. Notfalls bis vors Bundesverfassungsgericht.

Denn Ernst Tepperis-Lim und seine Frau Khie-Tju sehen sich in der Entscheidung um ihr Elternrecht betrogen. "Das ist keine Empfehlung, sondern eine Einweisung", schimpfen die Lims. Während in vielen anderen Bundesländern die Eltern über den Schulweg ihrer Kinder mitentscheiden, ist die Empfehlung im Südwesten bindend. Den Eltern bleibt nur ein schweres Aufnahmeverfahren. Nur jedes fünfte Kind hat das in den vergangenen Jahren geschafft. Auch Jeffrey hat es trotz einer 1,5 in der mündlichen Matheprüfung nicht gepackt. Die Eltern hätten sich gewünscht, dass ihr Kind wie in Bayern wenigstens probeweise das Gymnasium besuchen darf. Doch das wurde abgelehnt.

Dem Freiburger Regierungspräsidium zufolge kommt es zwar immer wieder vor, dass Eltern gegen die Grundschulempfehlung vorgehen. "An einen Fall in dieser Schärfe kann ich mich aber nicht erinnern", sagt ein Sprecher. Immerhin stehe es den Schülern offen, bei guten Noten auf die höhere Schulart zu wechseln.

Schadet die Grundschulempfehlung Kindern mit Migrationshintergrund besonders?

Die Grundschulempfehlung ist nicht objektiv!

Doch den Lims geht es nicht so sehr darum, dass ihr Sohn aufs Gymnasium kommt. Weil ihr Kind zweisprachig aufwächst, haben sie es auf den Kunstzug eines Konstanzer Gymnasiums abgesehen. Mit Kunst als Hauptfach könnte Jeffrey eine schlechte Deutschnote am besten ausgleichen, glauben sie. Jeffrey ist begeisterter Zeichner und kennt den Kunstzug von seinen Zwillingsschwestern.

Mit ihrem Zorn gegen die Grundschulempfehlung stehen die Lims nicht alleine da. Der Landeselternbeirat wettert seit Jahren: "Die Empfehlung ist nicht objektiv", findet etwaLandeselternvertreterin Christiane Staab. Bei zweisprachigen Kindern komme hinzu, dass der Förderunterricht immer stärker zusammengestrichen werde.

Auch der Sprecher der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Matthias Schneider, hält die Empfehlung für "ein ernsthaftes Problem". Obwohl sich die Lehrer sehr viel Mühe geben würden, hätten Studien gezeigt, dass die Empfehlungen oft falsch sind. Kinder mit Migrationshintergrund hätten es besonders schwer, da sie zu wenig gefördert würden.

Diese Erfahrung haben auch die Lims gemacht. Als Sohn eines deutschen Vaters und einer indonesischen Mutter wächst Jeffrey zweisprachig auf. Bestimmte Laute kann er nur schwer unterscheiden. Besonders ärgerlich findet die Mutter, dass die Deutschlehrerin diese Probleme weder frühzeitig angesprochen noch in ihrer Empfehlung berücksichtigt hat.

Die Integrationsbeauftragte von Konstanz, Elke Cybulla, hält es für ein generelles Problem, dass Ausländerkinder oft erst über Umwege das Abitur machen können, weil ihnen die Lehrer in der vierten Klasse dies nicht zutrauen. "Wenn mehr Kinder mit Migrationshintergrund das Gymnasium besuchen sollen, muss auch auf das Entwicklungspotenzial dieser Kinder gesetzt werden", schreibt sie in einem Brief an das Schulamt.

Jeffreys Schwestern hatten diese Chance. Beide schafften an Jeffreys Wunschschule ihr Abitur mit der Note 2,2. Heute studieren die 21-Jährigen Wirtschaft mit Schwerpunkt asiatische Sprachen. Dabei hatten sie nach der vierten Klasse die gleichen Noten wie Jeffrey. In der Oberstufe hatte eines der Mädchen in einem Kurs 12 von 15 Punkten. Ohne ihre Grundschullehrer hätten sie das wohl nie geschafft, glauben die Lims heute. Damals haben die Pädagogen die Zweisprachigkeit berücksichtigt. Die Mathelehrerin hatte sich dafür eingesetzt, dass die Mädchen aufs Gymnasium kommen.

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Sieben Bundesländer haben die verbindliche Grundschulempfehlung abgeschafft, darunter Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Hamburg, Hessen und Rheinland-Pfalz. Massiver Widerstand gegen die bindende Empfehlung regt sich derzeit in Bayern: Vor wenigen Tagen hat der bayerische Lehrerverband eine Petition zur Reform der Grundschule eingereicht. Die Forderung: Die Eltern sollen nach einem Beratungsgespräch allein über den weiteren Bildungsweg entscheiden. Mit über 100.000 Unterschriften handelt es sich um die größte Petition in der Geschichte des Freistaats.

Auch in Baden-Württemberg ist die Grundschulempfehlung umstritten: Grüne, FDP und SPD wollen den Elternwunsch mit einbeziehen. Die CDU hält jedoch an der verbindlichen Form fest. Im Südwesten brauchen Schüler im Halbjahreszeugnis fürs Gymnasium einen Schnitt von 2,5 in Deutsch und Mathe. Knapp 40 Prozent der Viertklässler wechselten dort im Schuljahr 2008/09 aufs Gymnasium. Laut Grundschulempfehlung hätte sogar fast jeder zweite Grundschüler aus Baden-Württemberg aufs Gymnasium gehen können. Rund 17 Prozent der Eltern machten davon jedoch keinen Gebrauch.

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Kommentare zu diesem Artikel
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  • von skihas am 23. Januar 2012, 16:51 Uhr

    Gott sei dank, hat die Grundschulempfehlung in Baden Württemberg ein Ende - bleibt nur abzuwarten, wie das unsere "ehrwürdigen" Grundschullehrer sehen, da wird ihnen doch an ihrer so hochgelobten Autorität gekratzt. Sicher wird es Eltern geben, die ihre Kinder überschätzen - aber warum kommt es dazu - in Deutschland zählt ein Arbeiter ja nichts mehr - alles muss studiert sein - wo kommen wir da hin - wer sorgt dann dafür, das dann unsere Oberstudierten auch was zum beissen haben - die werden dann schön verhungern. Es ist aber eine Deutsche Mentalität, immer erst das negative nachzumachen um hinterher mitschimpfen zu können wie schlecht es doch war - wir sollten eher aus Fehlern anderer lernen und nicht nur blind nachmachen. Kämpft für UNSERE KINDER UND EINE BESSERE SCHULLANDSCHAFT - es wird ZEIT


  • von Beluga24 am 16. Dezember 2011, 15:15 Uhr

    Keine Ahnung warum man krampfhaft an einem System festhalten muss, dass bewiesen hat, dass es nicht (mehr) taugt...... Deutschland einst das Land der Tüftler und Erfinder wurde tot bürokratisiert .... Gefordert werden Kreativität, Innovationen und Fortschritt ...... mit antiquierten Lernmethoden!...... Wir stecken mit Vollgas in der Vergangenheit fest.....


  • von Neuseeland_Kiwi am 7. Juni 2011, 09:12 Uhr

    eure Schuldiskussionen um gemeinsames Lernen gibt es seit 1809, erneut dann 1920. Dann nochmal in den 1960er Jahren - und jetzt ist 2011 und in den meisten Ländern von Asien bis Skandinavien und Südtirol, von Russland bis Australien und in den USA lernen mittlerweile seit Jahrzehnten alle Kinder gemeinsam in DER Schule Der Gemeinde.

    bin gespannt, ob man in Deutschland auch im Jahre 3011 immernoch darüber diskutieren wird, was anderswo schon lange praktiziert wird. Das Bildungsniveau ist andernorts schon höher als in Deutschland. Mehr Abiturienten (oft 80 bis 90%), extrem viele Studenten in vielfältigen Fächern (Studienanfängerquoten um 80% mancherorts)... man kann auch in der Moderne leben. Man muss sich nicht krampfhaft an das 19. Jahrhundert klammern -so schön wars nun auch nicht.


  • von free education for all! am 7. Juni 2011, 08:47 Uhr

    gute Schulen werden anderswo gemacht. Man muss immer den Ganzen Menschen sehen - und das könnt ihr nicht in eurem Schulsystem, weil ihr von einer total überholten und falschen BegabungsIDEOLOGIE ausgeht! Das hat doch nichts mit moderner Pädagogik zu tun. Man muss immer alle Kinder mitnehmen in einer Gesellschaft, damit sie sich frei entwickeln können und Einblicke erhalten jenseits des ihnen bereits Bekannten!Wer alles aufsplittet, verhindert bei einigen Lernprozesse über das bereits Bekannte hinaus! Bildung ist Horizonterweiterung. Einige Schulen in Deutschland sind aber so konzipiert, dass sie mit Absicht den Horizont einschränken! Auch Realschulen sind ungerecht, da die meisten Schüler dort auch gleich ein Abitur machen könnten. Ihr schränkt immer alle Wege zunächst ein, weil ihr immer nur von dem Bild des dümmeren Menschen ausgeht.Man kann auch alles lange offen halten!


  • von outdoor education for all! am 7. Juni 2011, 08:29 Uhr

    aber ihr müsst ja jeden Mist schnell zensieren, damit ihr eine Selektierbasis habt. Anderswo steht halt das Fördern im Zentrum! Da gehts darum die Schwächen zu beseitigen und nicht um Selektion und darum "falsche Kinder" zu identifizieren, die nicht in bestimmte Schulen passen! Was hat das mit echter Pädagogik zu tun? Ihr macht die Eltern doch ganz krank damit. Manch ein unpraktisch Begabter auf ner "Schule für praktisch Begabte" kann nur scheitern, wenn er sich Knoten in die Finger häkelt und bei ihm jeder Mist zensiert wird, ebenso der Unsportliche! Jeder hat Talente und kann anderes nicht - bei euch wird immer alles mitzensiert, während man sich anderswo aufs Wesentliche konzentriert!


(19 Kommentare)

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