Rückenprobleme bei Kindern
"Schwere Schulranzen sind nicht das Problem!"

Eine Studie an der Universität des Saarlandes hat ergeben: Die Warnung vor zu schweren Schulranzen ist wissenschaftlich nicht zu begründen. Was Kinderrücken belastet, sind ausschließlich falsche Schulmöbel und stundenlanges Sitzen. ELTERN online sprach mit dem Humanbiologen und Leiter der Studie, Dr. Oliver Ludwig.

Schwere Ranzen sind nicht das Problem
© Thinkstock, iStock

Jahrelang haben wir die Meldung zu lesen bekommen, dass der gepackte Schulranzen nicht schwerer als zehn bis zwölf Prozent des Körpergewichts sein darf, um irreparable Haltungsschäden zu vermeiden. Wie kommen Sie dazu, diese Warnung für absurd zu erklären?
Es gibt zum Thema Schulranzengewicht sogar die DIN-Norm 58124, doch selbst die Experten beim Institut für Normung in Berlin wissen nicht, woher dieser Wert von zehn Prozent des Körpergewichts kommt. Bei unseren Nachforschungen ergab sich, dass diese Empfehlung offenbar aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg stammt. Sie bezog sich darauf, wie schwer der Tornister eines Rekruten sein durfte, damit auch lange Märsche ab 20 Kilometer ohne Ermüdungserscheinungen zu überstehen sind. Diesen Wert auf Schulranzen und Schulwege anzuwenden, ist vollkommen absurd. Es gibt nach unseren Untersuchungen zudem keinen einzigen Beleg dafür, dass der Rücken eines Kindes geschädigt wird, wenn es einen schwereren Schulranzen trägt.

Man sieht doch aber manchmal Kinder, die ganz offensichtlich einen zu schweren Schulranzen zu schleppen haben. Das kann doch zumindest für die Schultern nicht gesund sein!
Was Sie da anführen, sind Kinder, deren Schulranzen-Gurte schlecht eingestellt sind. Entscheidend ist, dass der Ranzen richtig getragen wird. Wenn die Gurte zu lang sind, dann hängt der Ranzen zu tief und zieht das Kind ins Hohlkreuz. Außerdem belastet so eine Tragevariante die Schulterblätter. Ungünstig ist es selbstverständlich auch, wenn Kinder ihren Ranzen nur über einer Schulter tragen. Diese Rotation im Oberkörper belastet auf Dauer die Wirbelsäule. Was wir in unseren Untersuchungen oft gesehen haben: Die Ranzen werden falsch gepackt, das heißt, die schweren Sachen lagen an der Außenwand und nicht - wie es richtig wäre - körpernah. Wird der Ranzen nicht richtig getragen, muss das Kind ständig Energie aufwenden, um den Körper im Gleichgewicht zu halten.

Schwere Ranzen sind also grundsätzlich kein Problem, sofern sie richtig getragen werden.
In unserer Studie hatte jeder Ranzen im Durchschnitt ein Gewicht, das bei 17,2 Prozent des Körpergewichts der Kinder lag, also deutlich schwerer als die empfohlenen zehn Prozent. Wir haben die Kinder eine Art anstrengenden Schulweg gehen lassen. Die Muskulatur war dennoch nicht merklich ermüdet. Eine nennenswerte Aktivität von Bauch- und unterer Rückenmuskulatur wurde überhaupt erst messbar, wenn das Ranzengewicht ein Drittel des Körpergewichts ausmachte. Erst bei dieser Last änderte die Wirbelsäule ihre Position und die Ruhehaltung wurde instabil. Jetzt spannten sich auch die Muskeln deutlich an, um den Körper zu stabilisieren. Dadurch wurde die Wirbelsäule entlastet. Unser Fazit: Ein schwererer Ranzen führte selbst bei den muskelschwächeren und molligeren Kinder nicht zu deutlichen Ermüdungserscheinungen der Rumpfmuskulatur. Ein schwerer Ranzen kann sogar die Rumpfmuskulatur trainieren - zumindest bei Kindern, die sonst kaum Bewegung haben. Da fast 50 Prozent aller Kinder so schwache Bauch- und Rückenmuskeln haben, dass sie sich nicht dauerhaft gerade halten können, muss jedes Training zur Kräftigung willkommen sein.

Das eigentliche Problem ist also der Bewegungsmangel?
Ja - und falsche Schulmöbel! Bei Kindern wachsen die Wirbelkörper noch und reagieren sehr empfindlich auf einseitige Belastung wie stundenlanges Sitzen. Sitzt ein Kind immer wieder lange Zeit nach vorn gebeugt, werden vorwiegend die vorderen Abschnitte der Wirbelkörper belastet. Dadurch wird ihr Wachstum an dieser Stelle frühzeitig gestoppt, hinten wachsen die Wirbel jedoch weiter. Dadurch entwickelt sich ein Rundrücken. Diese Haltungsschwäche wird schließlich zu einem Haltungsschaden, der nicht mehr zu beheben ist. Vor allem in den weiterführenden Schulen sehen wir, dass Kinder mit 150 Zentimeter Körpergröße in derselben Bestuhlung sitzen wie Kinder mit 175 Zentimeter. Wir haben viel zu viel über Schulranzengewichte diskutiert und viel zu wenig über Themen wie "Bewegter Unterricht" und "Gesunde Schulmöbel". Da sitzen die Kinder acht Stunden in der Schule und wir machen uns Gedanken um 15 Minuten Schulweg mit einem schweren Ranzen! Aber es gibt durchaus fortschrittliche Schulen und engagierte Lehrer, die zeigen, dass man etwas verändern kann.

Falsches Sitzen soll auch das Lernvermögen beeinträchtigen.
Auch dazu haben wir eine Untersuchung gemacht. Wir haben die Durchblutung der Oberkörper gemessen und zwar bei einer Gruppe von Schülern, die auf bewegten Sitzmöbeln sitzen, und bei einer Gruppe, der nur klassisches Sitzmobiliar zur Verfügung steht. Da gab es drastische Unterschiede! Nach einer Stunde auf einem herkömmlichen Stuhl bestand eine deutliche Minderdurchblutung des Oberkörpers - und damit vermutlich auch des Gehirns. Konzentrationsprobleme sollten also nicht überraschen. Wir schauen zu viel auf die reine Orthopädie, also auf Muskeln, Knochen und Gelenke. Aber wir sollten den ganzen Körper anschauen. Die allermeisten der heutigen Schüler werden ihren Beruf im Sitzen ausüben. Die Schule ist der Ort, in dem junge Menschen lernen könnten, mit dieser sitzenden Tätigkeiten so umzugehen, dass sie gesund bleiben. Stehpulte, kurze Gymnastik während des Unterrichts oder Bewegungsangebote für die Pausen wären wichtig. Da wird einfach noch viel zu wenig getan.

Von:Doro Kammerer
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