Jugendliche und Rechtsradikalismus
Nur dumme Sprüche oder schon in der rechten Szene?

Hakenkreuze auf dem Federmäppchen, ausländerfeindliche Songtexte, die aus dem Kinderzimmer dröhnen oder dumme Sprüche aus dem Mund Deines Kindes. Nicht hinter jedem Spruch muss jedoch schon eine politische Meinung stehen, schließlich provozieren Jugendliche gerne. Eltern sollten trotzdem hellhörig werden und früh genug eingreifen. Hier geben Experten Tipps, was Du konkret tun kannst.

Jugendliche und Rechtsradikalismus: Nur dumme Sprüche oder schon in der rechten Szene?

Eine aktuelle Studie des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen zeigt eine besorgniserregende Entwicklung: Demnach haben knapp 30 Prozent der 45.000 befragten Neuntklässer der Aussage zugestimmt, dass es in Deutschland zu viele Ausländer gebe. 4,9 Prozent der 15-jährigen Jungen sind Mitglied in einer rechtsextremen Gruppe, bei den gleichaltrigen Mädchen sind es halb so viele. Wir haben mit Experten gesprochen und für Dich zusammengefasst, was Du tun solltest, wenn sich Dein Kind der rechten Szene nähert:

Bleib ruhig

Bleib ruhig

Versuch ganz ruhig zu bleiben, denn "Panik hilft in dieser Situation überhaupt nicht weiter", rät Ulrich Dovermann, Fachbereichsleiter für Extremismus der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). Rede mit Deinem Kind immer wieder über das, was Dir auffällt, auch wenn Du damit zumindest vorerst nichts erreichst. Dein Kind muss Deine Meinung über die rechtsradikale Szene kennen.

Klär Dein Kind auf

Klär Dein Kind auf

Erklär Deinem Kind, was für eine Rolle der Antisemitismus in der rechten Szene spielt. Es gibt viele Jugendbücher, die sich mit dem Nationalsozialismus und dem Neonazismus auseinandersetzen, wir geben Dir einige Buchtipps.

Kinder- und Jugendliteratur über die NS-Zeit

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Mach Dir keine Vorwürfe

Mach Dir keine Vorwürfe

Frag Dich nicht ständig, wer Schuld an der Entwicklung Deines Kindes hat. Die Situation ist schlimm genug für Dich, deshalb solltest Du "dem Teenager ruhig mal sagen, dass Du das alles nicht mehr erträgst", rät Anne Broden, Leiterin des Informations- und Dokumentationszentrums für Antirassismusarbeit in Nordrhein-Westfalen (IDA-NRW).

Informier Dich

Informier Dich

Verschaff Dir Informationen über die Rechte Szene: Denn nur wenn Du Dich mit der Ideologie, den Symbolen, der Musik und der Kleidung dieser Gruppierung auskennst, kannst Du dem Teenager in Diskussionen auf das widersprüchliche Weltbild der Rechtsextremisten hinweisen. Wir haben für Dich die wichtigsten Symbole zusammengefasst.

Bestimm klare Regeln

Bestimm klare Regeln

Klare Grenzen setzen und zu diesen auch stehen, findet Martin Ziegenhagen besonders wichtig. Der Mitarbeiter in einer Onlineberatung gegen Rechtsextremismus mit dem Namen "Gegen Vergessen - Für Demokratie", erklärt: "Die Eltern sollen deutlich mitteilen, dass sie Rechtsextremismus ablehnen und weder Hakenkreuze an der Wand, noch Plakate, Flyer und Musik mit eindeutigen Texten im Jugendzimmer tolerieren." Wird das nicht beachtet, hilft nur noch eines: Rein ins Jugendzimmer und weg mit den Sachen.

Zeig Gefühle

Zeig Gefühle

"Jugendliche, die sich der rechtsextremistischen Szene anschließen, haben häufig ein geringes Selbstbewusstsein und suchen nach Anerkennung und Zugehörigkeit", so Dovermann von der bpb. Deshalb sei diese Szene besonders attraktiv, da mit Kameradschaft und gemeinsamen Unternehmungen ein Gefühl des Dazugehörens aufkommt, erklärt er weiter. Deswegen: Zeig Deinem Kind ganz bewusst, dass Du es liebst!

Such nach Alternativen

Such nach Alternativen

Suche nach attraktiven Alternativangeboten für Dein Kind - Ausflüge, Urlaube oder Kurse. Ziel ist es, andere Interessen außerhalb der rechtsextremen Gruppe in Deinem Kind zu wecken und zu stärken. Meist ist es nämlich mehr das Angebot etwas zu erleben, als die politische Botschaft, die es für die Jugendlichen attraktiv macht, einer rechtsextremistischen Gruppe beizutreten.

Tauscht Euch aus

Tauscht Euch aus
"Bei vielen Eltern ist die Scham über die rechtsextreme Orientierung ihres Kindes so groß, dass sie sich weder mit ihren Sorgen Freunden offenbaren, noch eine externe Beratung in Anspruch nehmen", so die Erfahrungen von Broden, Leiterin vom IDA-NRW. Eltern sollten sich aber so viel Unterstützung wie möglich holen, empfiehlt sie. Bedenke, dass sich Jugendliche vor allem während der Pubertät von ihren Eltern, deren Werten und Normen abgrenzen. Sprich deshalb mit Personen, die Deinem Kind ein Vorbild sein könnten - zum Beispiel mit dem Sporttrainer, dem Lehrer oder mit ehemaligen Freunden Deines Kindes. Außerdem solltest Du auf gar keinen Fall den Schritt scheuen, Dir professionelle Hilfe zu holen, zum Beispiel von einem Familientherapeuten. Bist Du dazu noch nicht bereit, kannst Du unter www.online-beratung-gegen-rechtsextremismus.de mit Experten wie Martin Ziegenhagen, anderen Eltern und ehemaligen Rechtsextremisten chatten und alle Fragen stellen, die Dir auf dem Herzen liegen - und das anonym.

Sei für Dein Kind da

Sei für Dein Kind da

Gib Dein Kind nicht auf! Auch wenn Du mit seinen neuen Freunden nicht einverstanden bist, die Musik und die Springerstiefel Dir Angst machen, und Du sowieso das Gefühl hast, Dein Kind braucht Dich nicht mehr - versuche dennoch weiterhin als Ansprechpartner da zu sein. Das bestätigt auch Ziegenhagen: "Die Teenager wünschen sich trotzdem den Kontakt zu Mama und Papa, auch wenn es für die Eltern nicht so aussieht."

Von:Stefanie Matousch