Interview
Naturwissenschaften und Mädchen? Na klar!

Es wird endlich Zeit, das Verhältnis von Mädchen zu den Naturwissenschaften zu normalisieren! Das meint die Erziehungswissenschaftlerin Hannelore Faulstich-Wieland. Und wo den Anfang machen? In den Köpfen der Lehrer, Eltern und Journalisten.

Zur Person

Hannelore Faulstich-Wieland ist Professorin für Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg, Schwerpunkt Schulpädagogik unter besonderer Berücksichtigung von Sozialisationsforschung. Außerdem ist sie Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Deutschen Jugendinstituts e.V. (DJI). Faulstich-Wieland forscht unter anderem zu der Frage, welche Rolle das Geschlecht bei Schulleistungen und bei Berufswahl spielt.

Interview

In der Physik werden Schüler beiden Geschlechts zurückgewiesen

Heute ist wieder "Girls' Day", an dem Schülerinnen in naturwissenschaftliche und techniknahe Berufe hineinschnuppern. Macht dieser Tag Ihrer Meinung nach Sinn?
Die ursprüngliche Idee des "Girls' Day" war, dass Mädchen in naturwissenschaftliche und ingenieurwissenschaftliche Bereiche Einblick erhalten - aber mein Eindruck ist, dass die Realität leider etwas anders ausfällt und dieser Tag häufig sehr unkoordiniert abläuft. Konkret habe ich gerade von einem Fall gehört, in dem ein Mädchen bei der Kosmetikerin und Fußpflege den "Girls' Day" machen wollte. Der Erfolg des "Girls' Day" hängt sehr davon ab, wie stark die Lehrkräfte diesen Tag organisieren und begleiten.


Man hat fast den Eindruck, als wäre dies der Tag, an dem Mädchen und Naturwissenschaften aufeinandertreffen - und dann ist wieder für ein Jahr Schluss.
Zumindest besteht diese Gefahr. Der "Girl's Day" leistet sicherlich eine ganze Menge Aufklärung, wenn es um den Einblick in die technischen Berufe und den Ingenieursberuf geht.

Aber was die Frage der Hinführung an die Naturwissenschaften anbelangt, die Frage, warum das Interesse der Mädchen eher gering ist, spielen andere Aspekte eine deutlich größere Rolle. Nämlich die "Fachkultur", die durch die Lehrkräfte vermittelt wird. Es ist eine ausschließende Fachkultur, die - vor allem in der Physik - Schüler beiden Geschlechts eher zurückweist, wenn sie nicht von sich aus den Schritt machen und interessiert sind. Und die die Mädchen zusätzlich abweist, weil viele Lehrkräfte der Meinung sind, dass die sich eh nicht interessieren und nicht geeignet sind. Das scheint mir die weit größere Barriere zu sein als der fehlende Einblick in die beruflichen Möglichkeiten.


Tut sich denn in der Vermittlung der Naturwissenschaften etwas - gibt es in der Lehrerschaft ein Umdenken?
Wenn meine Prämisse stimmt und das Problem diese Fachkultur ist, dann müsste es dort, wo diese Fachkultur weitervermittelt wird, eine Veränderung geben: an der Universität. Doch da tut sich eher nicht so viel. Es gibt allerdings Ansätze, Naturwissenschaften unter dem Aspekt von "nature of science" zu begreifen, also die Wissenschaft selber in den Mittelpunkt zu rücken. Oder: phänomenologische Ansätze (phänomenologisch meint meist den Sachverhalt selbst zu beschreiben, ohne Zuhilfenahme von Theorien, die Red.) in der Physik zu vermitteln. Aber diese Versuche sind ziemlich vereinzelt.