Wegschmeißen? Vergraben? Essen?
Heilen mit der Plazenta - Geht das wirklich?

In Amerika und Europa macht sich ein neuer alter Trend breit: Plazenta essen. Ist das verrückt? Oder eine ernst zu nehmende Möglichkeit, Wochenbett-Probleme zu behandeln? Den eigenen Mutterkuchen verspeisen – was ist das denn für eine Idee?

Planzenta - mitnehmen oder wegwerfen?
© iStock, RyanJLane

Was Hebammen und Kräuterfrauen seit Jahrhunderten raten, erfährt gerade einen neuen Hype: Immer mehr Frauen wollen ihre Plazenta nach der Geburt nicht einfach wegwerfen, sondern sie als Heilmittel nutzen. Sie lässt sich roh verzehren, aber auch zu Pulver, Kapseln oder Globuli verarbeiten.

Ist das nicht eklig?
Zugegeben, es klingt ein bisschen kannibalistisch. Historisch gesehen ist unser Ekel allerdings relativ neu: „Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war es völlig normal, die Plazenta zum Heilmittel zu verarbeiten, in jeder Hausapotheke gab es Plazentapulver und -essenz“, sagt Cornelia Enning, Hausgeburtshebamme aus dem Schwarzwald. Sie vermutet: „Mit der Technisierung und Medizinisierung der Geburt ist auch die Natürlichkeit verloren gegangen. Die vaginale Geburt, das Blut, die Ausscheidungen und auch die Plazenta sind den Menschen unangenehm geworden.“
In anderen Kulturen ist die Verarbeitung von Plazenta nichts Ungewöhnliches. Plazentapulver war zum Beispiel schon immer ein wichtiger Bestandteil der traditionellen chinesischen Medizin. Woanders wird die Plazenta nach der Geburt roh verzehrt. In manchen Regionen Europas (etwa in Portugal, Polen oder Tschechien) kocht man den Wöchnerinnen als erste Mahlzeit nach der Geburt noch heute eine Hühnersuppe, in der ein Stück Plazenta verarbeitet ist.

Und was soll das bringen?
Hebammen sind davon überzeugt, dass von der Plazenta eine unmittelbare Heilkraft ausgeht. Besonders wirksam sei die unverarbeitete rohe Plazenta, weil sich in ihr die größte Menge an Hormonen, Vitaminen und Spurenelementen befindet. Wer ein kleines Stück kurz nach der Geburt isst (zum Beispiel püriert in einem Smoothie oder in einer Suppe versteckt), erholt sich schneller von den Strapazen der Geburt, bekommt seltener eine Wochenbettdepression und kann besser stillen – so die Beobachtungen vieler Hebammen. Aber auch die Einnahme von Pulver oder Nosoden (aus Plazenta hergestellten Globuli) sowie das Auftragen von sogenanntem Mutterfett (eine Art Plazentabutter) soll helfen. Und das in fast allen Lebenslagen und bei allen Familienmitgliedern: bei rotem Babypo und wunden Brustwarzen genauso wie bei Schilddrüsenproblemen oder Rheuma.

Ist da etwas Wahres dran?
Bis heute wurden die über Jahrhunderte gesammelten Erfahrungen kaum wissenschaftlich überprüft. Zwar gibt es ein großes Interesse an den Stammzellen, die in der Plazenta enthalten sind, und überhaupt an den Wirkmechanismen dieses Organs. Ob die Plazentasubstanzen aber auch als Heilmittel etwas bringen, ist noch nie Gegenstand der modernen klinischen Forschung gewesen. Das soll sich nun ändern: Am Plazenta-Labor der Uniklinik Jena widmet sich gerade eine junge Doktorandin diesem Thema. In ihrer Grundlagenarbeit will Sophia Johnson sechs Plazenten untersuchen und herausfinden, ob diese – roh und dehydriert – noch biologisch aktive Substanzen enthalten. „Lassen sich in den Plazenten bestimmte Hormone wie Oxytocin und Elemente wie Eisen nachweisen, könnte man in einem nächsten Schritt die möglichen Chancen diskutieren“, so Johnson. „Stillprobleme, depressive Verstimmungen und Blutarmut sind häufige Probleme im Wochenbett – vielleicht können Plazentaheilmittel tatsächlich eine Alternative zu herkömmlichen Medikamenten sein.“
Ihr Professor Udo Markert ist gespannt auf die Ergebnisse, warnt aber vor großen Hoffnungen: „Selbst wenn wir aktive Substanzen in den Plazenten finden, können wir noch keine generelle Aussage über die Wirksamkeit als Heilmittel treffen. Jede Plazenta ist anders. Der Mutterkuchen kann sogar giftige Elemente wie Blei, Quecksilber oder Arsen enthalten. Bei falscher Lagerung können sich außerdem Bakterien ausbreiten. Dem möglichen Nutzen steht als auch ein Risiko gegenüber.“

Kann ich meine Plazenta selbst verarbeiten?
Müssen Sie sogar, wenn Sie legal an Plazenta-Heilmittel gelangen wollen. Sowohl Herstellung als auch Verkauf sind in Deutschland verboten. Am einfachsten ist es, die Plazenta gleich nach der Geburt zu trocknen und dann Pulver daraus zu machen. Das geht entweder im Backofen (ca. drei Tage und Nächte bei geringer Temperatur und offener Klappe dehydrieren, bis die Plazenta auf die Hälfte geschrumpft, schwarz und hart geworden ist) oder einfacher: für ein paar Euro ein Dörrgerät anschaffen. Wer ein Problem mit dem Geruch hat, kann das dann auf dem Balkon aufstellen. Die trockene Plazenta bricht man in Stücke, reibt sie auf einer Küchenreibe klein und pulverisiert sie danach mit der Kaffee- oder Getreidemühle. Was man mit dem Pulver alles machen kann, steht im Buch von Cornelia Enning „Heilmittel aus Plazenta“
(Books on Demand, 14,50 Euro). Hier finden sich alle erdenklichen Rezeptvorschläge: Plazenta-Suppe über ein Milchbildungsgetränk bis zu Salben und Emulsionen.

Für die Verarbeitung zu Plazenta-Nosoden braucht man ein Partner-Labor (Adressen finden Sie unter www.hebinfo.de). Am besten bespricht man vorher mit einer versierten Hebamme, welche Potenzen für die Familie sinnvoll sind.
Darf ich meine Plazenta eigentlich einfach so mit nach Hause nehmen? Normalerweise wird sie doch in der Klinik weggeschmissen. Hebammen, die die Plazenta als kostbares Organ betrachten, haben diese Praxis noch nie verstanden – sie ist auch unzulässig. Rein rechtlich gesehen gehört die Plazenta nämlich der Mutter. Sie muss gefragt werden, ob sie den Mutterkuchen behalten will oder ob er in den Klinikmüll soll. Soll er mit nach Hause, bringen die werdenden Eltern zur Geburt am besten eine große, namentlich gekennzeichnete Tupperbox mit und übergeben sie der diensthabenden Kreißsaalhebamme.
Man muss ja nicht unbedingt Medizin da- raus machen. Man kann die Plazenta – in einigen Kulturen spricht man vom Zwilling des Babys – auch würdevoll begraben. Es ist ein schöner Brauch, sie im Garten zu verbuddeln und über ihr ein Apfelbäumchen zu pflanzen. Der Baum, heißt es, nimmt die Kräfte der Plazenta auf und wird fruchtbares Leben hervorbringen.

Kraftwerk: Ganz allein durch die Arbeit der Plazenta wird das Baby mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt. Sie funktioniert wie ein Filter, der das Baby vor vielen Krankheitserregern schützt. Andere Stoffe können die Plazentaschranke allerdings ungehindert passieren: Nikotin und Alkohol zum Beispiel.
 

Von:Christiane Börger