Geburt
Verdienen Ärzte am Kaiserschnitt?

Fast jedes dritte Kind kommt in Deutschland mittlerweile per Kaiserschnitt zur Welt: 2007 waren es 195.000. Dass sich immer mehr Ärzte gegen eine normale Geburt entscheiden, hat nach Ansicht der Gynäkologin Brigit Seelbach-Göbel auch mit der Honorierung zu tun. Die Expertin, die die Kaiserschnittrate ihrer Abteilung unter den Bundesdurchschnitt senkte, fordert ein Umdenken - und wir möchten wissen: Was halten Sie von ihrer Kritik?

Der Kaiserschnitt - eine echte Alternative zur normalen Geburt?

Geburt: Verdienen Ärzte am Kaiserschnitt?

"Entbindungen durch Kaiserschnitt werden in Deutschland immer populärer. So hat sich die Rate in Bayern zwischen 1991 und 2007 nahezu verdoppelt, von 16 Prozent aller Geburten auf 31,5 Prozent. Mediziner begründen das so: Die Risiken der Bauch-OP ließen sich - durch verbesserte Techniken und Planungen - stetig senken. Der Kaiserschnitt nehme den Frauen die Angst, dass ihr Beckenboden durch die normale Entbindung in Mitleidenschaft gezogen werden könnte. Außerdem könne man Kaiserschnitt-Entbindungen im hektischen Klinikalltag besser planen - eine Entlastung für die werdenden Eltern wie auch für die geburtshilfliche Abteilung.

Immer mehr Geburtshelfer betrachten den Kaiserschnitt, auch wenn keine medizinische Notwendigkeit vorliegt, daher als echte Alternative zur normalen Entbindung. Viele Kliniken werben bereits auf ihren Internetseiten mit dem Kaiserschnitt auf Wunsch. Und lassen die Nachteile der Schnittentbindung dabei weitestgehend außer Acht. Man könnte deshalb schon fast von einer Verharmlosung des Kaiserschnitts sprechen.

Wie riskant ist ein Kaiserschnitt wirklich?

Eine aktuelle Studie in Zusammenarbeit mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zeigt: Nach einer Kaiserschnittgeburt ist das Risiko schwerer Komplikationen für die Mutter deutlich höher als nach einer normalen Entbindung. Ähnliches gilt für Spätfolgen, wie zum Beispiel Verwachsungen oder Probleme, die in späteren Schwangerschaften auftreten können, wie etwa ein Gebärmutterriss.

Bei Kindern mit geplantem Kaiserschnitt steigt allerdings auch das Risiko für Atemprobleme. Die Gründe: ein oft sehr frühzeitiger Operationstermin sowie der fehlende Reiz auf die kindliche Lunge bei einer normalen Geburt. Häufig wird dann sogar noch ein Aufenthalt in der Kinderklinik nötig.

Lediglich wenn Kinder in Steißlage entbunden werden müssen, scheint der Kaiserschnitt mehr Sicherheit zu bieten - weil damit das Risiko von Komplikationen kleiner wird. Zumindest gilt dies für Kliniken, die mit vaginalen Steißlagenentbindungen nicht viel Erfahrung haben.

Krankenkassen zahlen den Kliniken mehr Geld pro Kaiserschnitt

Was mir auffällt: Der finanzielle Druck wächst. Zahlreiche kleine Krankenhäuser und geburtshilfliche Abteilungen schließen, und bei den anderen rückt das wirtschaftliche Denken zunehmend in den Vordergrund. Ökonomische Strategien beschäftigen sich mit Marketing, Erlösoptimierung und Einsparmaßnahmen.

Da passt der Anstieg der Kaiserschnitt-Geburten ins Bild: Schließlich ist es eine Tatsache, dass ein Kaiserschnitt von den Krankenkassen deutlich besser honoriert wird. Im Vergleich mit der vaginalen Entbindung bekommt die Klinik für einen Kaiserschnitt nahezu das Doppelte. (...) die Entwicklung (...) führt dazu, dass die meist zeitintensivere Spontangeburt langsam an Wert verliert.

Wünschen auch die Frauen häufiger einen Kaiserschnitt als früher?

Nur zwei Prozent der Schwangeren wollen von Anfang an einen Kaiserschnitt

Jüngste Studien zeigen, dass das medizinische Personal heute eher bereit ist, nicht nur bei schwerwiegenden, sondern schon bei geringfügigen Risiken auf eine normale Entbindung zu verzichten und sich für den Kaiserschnitt zu entscheiden (...) Häufig ist es die Angst vor rechtlichen Folgen, die hier eine Rolle spielt. Wenn Eltern eine Klage anstreben, dann meist wegen unterlassenen oder zu spät durchgeführten Kaiserschnitts - nie wegen unterlassener vaginaler Entbindung.

Es sieht so aus, als wiege das Sicherheitsdenken der Ärzte mittlerweile schwerer als das Selbstbestimmungsrecht der Schwangeren. Studien zeigen nämlich auch, dass lediglich zwei Prozent der Schwangeren schon früh den Wunsch nach einem Kaiserschnitt haben. Die überwiegende Mehrheit hofft auf eine ganz normale Entbindung - und ist der absolut richtigen Meinung, dass der Kaiserschnitt einer medizinischen Indikation bedarf.

Erst im Lauf ihrer Schwangerschaft werden viele durch äußere Einflüsse (vor allem der betreuenden Ärzte) verunsichert und denken über eine Schnittentbindung nach - weil sie glauben, damit die risikoärmere Variante zu wählen. Frauen, die sich zu einem Kaiserschnitt überreden ließen, sind damit im Nachhinein oft gar nicht glücklich. Nicht wenige Kaiserschnittmütter bedauern, dass sie eine normale Geburt nicht erleben durften. Viele setzen sich noch nach Jahren schmerzhaft damit auseinander.