Kreißsaal
 
Als Paar die Geburt des Babys erleben

Väter im Kreißsaal? Das ist heute eher die Regel denn die Ausnahme. Die meisten Männer wollen bei der Geburt ihres Kindes dabei sein. Aber trifft das auch auf Sie zu? Jetzt ist Ehrlichkeit angesagt: Die Hebamme Ute Krippner und die Diplompsychologin Margarethe Schindler haben fünf Beziehungskonstellationen definiert, als Orientierungshilfe für Paare bei der Frage: Welche Art der Geburt ist richtig für uns?

Als Paar im Kreissaal die Geburt erleben
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Die sicheren Partner: Selbstverständlich gemeinsam in den Kreißsaal!

In ihrem und in seinem Terminkalender sind die Tage mit den Kursen zur Geburtsvorbereitung sorgfältig vermerkt. Wann immer es geht, kommt er mit zu den Vorsorgeuntersuchungen. Kein Gedanke daran, die Wehen nicht gemeinsam zu erleben. Unvorstellbar für ihn, erst dazuzukommen, wenn das Kind auf der Welt ist.

Tipp für den Kreißsaal: Niemand will Zweifel in die Vorfreude säen. Aber ein paar Gedanken über die gemeinsame Geburt sollten sich auch die sicheren Paare machen. Denn: Selbst die beste Geburtsvorbereitung stattet einen nur zum Teil für diese Ausnahmesituation aus. Es ist nicht einfach damit getan, die Entbindung im Kopf oft geprobt zu haben. In der Praxis läuft vieles anders - und es fühlt sich manchmal auch anders an als erwartet.

Deshalb: Wirklich reif für die Geburt sind auch die Männer, die unbedingt mitkommen wollen, erst, wenn sie ein wenig Demut vor dem Ereignis zulassen. Geburt ist nicht planbar, sie geschieht. Sie verursacht Schmerzen, und zu helfen, bedeutet nicht, die Frau davon zu befreien. Beistand zu leisten, heißt vielmehr, mit der Partnerin an die Grenzen zu gehen. Den Partner macht es deshalb stärker, wenn er schon vor der Entbindung den Gedanken verinnerlicht, dass er seiner Frau in den Wehen nicht tatkräftig helfen kann.

Die vorsichtigen Zweifler: Will ich wirklich mit in den Kreißsaal?

Eigentlich ist es ein unglaubliches Erlebnis, sein eigenes Kind auf die Welt kommen zu sehen - das ist auch Männern klar, die Zweifel haben. Genau das macht ihnen aber auch Angst oder schafft zumindest ein Unbehagen. Die Rolle des Beobachters ist gewöhnungsbedürftig - außen vor, nicht kompetent, nicht in der Lage, entscheidend eingreifen zu können in die Ereignisse.

Das Gefühl, hilflos zu sein, ist für die meisten Männer ein harter Brocken. Erst recht, wenn die geliebte Partnerin Schmerzen hat und sich heftig atmend von Wehe zu Wehe quält. Wie steht man da daneben als "Verursacher" dieser schweren Stunden?

Nur wenige Männer wagen, ihre Zweifel auszusprechen. Viele fürchten, ihre Partnerin könne Vorbehalte als Lieblosigkeit auslegen. Sie kommen sich komisch vor, die Frau, die das gemeinsame Kind in ihrem Bauch trägt, mit solchen Zweifeln zu konfrontieren. So schwach darf Mann nicht sein!

Tipp für den Kreißsaal: Viele Zweifler haben eine Formel, die ihre vielschichtigen, vermeintlich egoistischen Ängste auf Handfestes zusammenschnurren lässt. Sie lautet: "Ich kann kein Blut sehen!" Übersetzt heißt dieser Satz häufig: "Bitte nimm meine Gefühle ernst!"

Es bringt also nichts, die Blutmenge, mit der man bei einer Geburt rechnen muss, in Millilitern wiederzugeben. Besser: den Partner ernst nehmen, ihn entscheiden lassen, was er aushalten will. Und ihm zuhören, wenn er etwas über seine Gedanken erzählen möchte.

Die zögernden Frauen: Ist mein Mann im Kreißsaal gut für mich?

Diese Gruppe von werdenden Müttern wird größer. Nach Schätzungen von Hebammen und Geburtsvorbereiterinnen stellt sich etwa jede zehnte Frau diese Frage - ohne gleich die Beziehung in Zweifel zu ziehen. Nicht jedes Paar erwartet erst dann ein gemeinsames Kind, wenn es sich bereits bis in jede Haarwurzel kennt. Gerade in jüngeren Beziehungen ist sie noch da, diese Fremdheit, die faszinierend ist, aber auch unsicher machen kann.

Die Überlegung, ob der Partner gut für einen ist, heißt übersetzt oft: "Will ich, dass er mich so sieht? Verschwitzt und verzweifelt, mit schmerzverzerrtem Gesicht, gespreizten Beinen, vielleicht schreiend? Will ich, dass mein Mann miterlebt, wie fremde Menschen an meinem Unterleib hantierten?"

In vielen Frauen sitzt die Angst vor dem Kontrollverlust tief. Der Gedanke, sich preiszugeben, erschreckt sie. Oft gelingt es, während der Geburt so viel Nähe aufzubauen, dass sich diese Angst auflöst und die Gewissheit entsteht: Ich traue mich, in seiner Gegenwart zu sein, wie ich bin. Aber es ist wie immer im Leben: Vor der Bewältigung des Problems steht die Beschäftigung damit. Und die kostet Kraft. Nicht jede Frau hat sie in der Schwangerschaft und kann sich klar darüber werden, wie viel Vertrauen sie aufbringen kann.

Fragen, die zögernde Frauen auch oft beschäftigen: Ist mein Partner wirklich stark genug, dass er es aushält, wenn ich keine Rücksicht auf ihn nehme? Macht es ihm Probleme, wenn ich mich ganz auf mich konzentriere und vielleicht nach dem Arm der Hebamme greife statt nach seiner Hand?

Tipp für den Kreißsaal: Auch hier lohnt es sich, genauer über die eigenen Zweifel nachzudenken - und sie auszusprechen. Selbst um den Preis, dass der Mann vorübergehend gekränkt reagiert. Schonung tut nicht gut! Im Kreißsaal ist ohnehin nur Platz für echte Gefühle. Die, zu denen man sich zwingen muss, werden dort meistens schnell über Bord geworfen.

Die entschiedenen Männer: Geburt und Kreißsaal - ohne mich!

Viele Hebammen freuen sich auf einen Kreißsaal ohne werdenden Vater

Männer, die nicht mit in den Kreißsaal gehen wollen, treffen ihre Entscheidung fast immer lange vor dem Geburtstermin. Ihre Frau erfährt davon, natürlich, aber auch die Entbindungsstation des Krankenhauses und die betreuende Hebamme bekommen mit, dass mit ihm als Geburtsbegleiter nicht zu rechnen ist. Hebammen und Ärzte respektieren den Entschluss des Mannes. Der Verdacht, sie könnten einen leicht verächtlichen Seitenblick auf die Frau werfen, ist fast nie gerechtfertigt. Keine Frau muss sich genieren mit einem Partner, der nicht mitkommen möchte! Viele Hebammen freuen sich sogar auf eine ganz "weibliche Geburt".

Also alles gut? Ja, wenn es der Frau gelingt, sich nicht von ihrem Mann im Stich gelassen zu fühlen. Denn wenn sie ihn darum bittet, sie nicht allein zu lassen, und er ihr nicht beistehen will, bedeutet das eine Belastung für die Partnerschaft.

Tipp für den Kreißsaal: Auch wenn er nicht mitkommen möchte - allein muss keine Frau bei der Geburt sein! Also früh eine andere Begleitung suchen. Und genau überlegen: Wer könnte gut für mich sein? Meine Schwester, die gerade ein Kind bekommen hat? Meine Freundin, erprobt in gemeinsam durchgestandenen Krisen? Meine Mutter, bei der ich klein und hilflos sein kann?

Auch wenn eine Frau es akzeptieren kann, ihr Kind ohne Partner auf die Welt zu bringen, sollte das Paar ruhig versuchen, über dieses Thema zu sprechen. Margarethe Schindler hat einen kleinen Trick, der helfen kann, Zugang zu den eigenen Gefühlen und Überzeugungen zu bekommen - die Frau schreibt ein paar Satzanfänge auf ein Blatt Papier, die der Mann dann, ohne lange nachzudenken, vervollständigt:

  • Meine größte Angst bei der Geburt ...
  • Wenn ich dabei wäre, dann ...
  • Wenn ich nicht mitgehe, dann ...
  • Wenn ich an die Zukunft denke, ...

Erstaunlich, welche Gedanken spontan zu Papier gebracht werden. Wer möchte, kann anschließend darüber reden.

Die entschiedenen Frauen: Ich gehe alleine in den Kreißsaal!

Auch weibliche Klarheit kann Verwirrung stiften - bei den Männern: Warum will sie mich nicht dabeihaben? Warum sperrt sie mich aus und enthält mir dadurch mein eigenes Kind vor? Männer, die nicht zur Entbindung mitkommen sollen, können eher mit wenig Mitgefühl in ihrer Umgebung rechnen. Die Frau wird schon wissen, warum sie ihn nicht dabeihaben will!

Tipp für den Kreißsaal: Wichtig ist, in diesem Punkt nicht weibliche Macht auszuspielen. Sicher gibt es gute Gründe, den werdenden Vater als Geburtsbegleiter abzulehnen. Vielleicht können auch hier Satzanfänge helfen, um Nähe und Verständnis für die Entscheidung der Frau zu gewinnen. Beispielsweise diese vier, die jetzt die Frau zu Ende formuliert:

  • Was ich an dir am meisten mag, ist ...
  • Du bist für mich Liebhaber, Freund, Vertrauter, aber nicht ...
  • Unter den Wehen brauche ich ...
  • Ich habe Angst, dass du ...

Erwarten soll man es nicht, herbeireden erst recht nicht, aber manchmal wird auch ein fester Entschluss im letzten Moment noch umgestoßen. Weil sich Gefühle ändern können. Bis zuletzt. "Darf ich doch noch mit?", fragte ein entschiedener Kreißsaalgegner seine Frau genau in dem Moment, als die am Arm ihrer Freundin - Wehen alle fünf Minuten - aus dem Auto stieg. Er durfte. Auch nicht schlecht.

Auch ohne Mann in den Kreißsaal?

Die meisten Väter sind heute bei der Entbindung ihres Kindes mit dabei. Sie wollen die werdende Mutter unterstützen und die Geburt hautnah miterleben. Was aber, wenn der Mann nicht dabei sein will? Kann die Frau dennoch erwarten, dass ihr Partner sie begleitet? Stimmen Sie ab! Machen Sie bei unserer Umfrage mit!